Gerhard Riegler: Die wichtigste Bildungsreform

Wenn Sie diese Zeilen lesen, haben Sie entweder die erste Schulwoche gerade hinter sich oder stehen unmittelbar vor dem Schulanfang. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Erfolg für Ihre Arbeit. Meine ganz besonderen Glückwünsche gelten den KollegInnen, die heuer erstmals unterrichten. Möge der Einstieg in unseren so wichtigen Beruf gelingen!

Ein Blick über die Grenzen zeigt mehr denn je die Bedeutung und die Qualität dessen, was in Österreich allzu oft schlechtgeredet wird: die Überlegenheit unseres differenzierten Schulsystems und die erfolgreiche Arbeit der in ihm wirkenden PädagogInnen. Selbst die OECD bestätigt inzwischen, was manche unserer PolitikerInnen noch immer nicht realisiert haben oder trotz aller internationalen Evidenz ignorieren wollen: „A diversity of education programmes gives more chances to students to find the types of programmes that correspond to their needs, expectations and skills, and to continue education.“ (1)

Die intensive Auseinandersetzung mit Finnlands Schulwesen in Vorbereitung einer Artikelserie für das „gymnasium“, die Zeitschrift der AHS-Gewerkschaft, hat mir während des Sommers einmal mehr vor Augen geführt, was das wohl allergrößte Plus des finnischen Schulwesens ist: die Wertschätzung der Eltern und der Schulbehörden für die LehrerInnen und das Vertrauen in deren professionelles Wirken. Dass dieses Faktum in einer ideologiegesteuerten Systemdebatte hierzulande von „ExpertInnen“ noch immer ignoriert wird, sollte verantwortungsbewusste PolitikerInnen nicht daran hindern zu erkennen: Österreichs LehrerInnen verdienen Vertrauen, Wertschätzung und Unterstützung.

Der Sommer bot mir aber auch Zeit für die Lektüre des Buches „Flip the System“. Einen Satz daraus möchte ich Österreichs schulpolitischen Reformkommissionen als Arbeitsauftrag mitgeben: „What should be on the policy agenda is ‘how do we gain trust?’ and ‘how do we raise confidence in (public) education?’“ (2)

Wenn die Politik den Schaden, den sie mit ihrem jahrelangen Bashing gegen Österreichs Schulwesen und seine LehrerInnen angerichtet hat, abbauen will – die vollständige Behebung des Schadens wird wohl Jahre erfordern –, darf sie die Schule nicht länger zum Spielball ihrer parteipolitischen Auseinandersetzungen machen. Dann müssen ebenso falsche wie rufschädigende Aussagen wie „Das jetzige System ist nicht nur ineffizient, sondern auch sehr teuer“ endlich der Vergangenheit angehören. In diesem Sinn verzichte ich an dieser Stelle auf die Nennung des Politikers, der diese Bewertung unseres Schulwesens im Juli von sich gegeben hat.

Ein radikales Umdenken ist angesagt. Die Devise der Stunde lautet: „Schluss mit dem Lehrer-Bashing!“ (3) Möge Dr. Heiner Boberskis Forderung auf offene Ohren stoßen! Auf ein neues Schuljahr, auf eine neue Schulpolitik!

(1) OECD (Hrsg.), OECD Skills Outlook 2015 (2015), S. 61.

(2) Jelmer Evers und René Kneyber, Flip the System (2015), S. 281.

(3) Heiner Boberski, Schluss mit dem Lehrer-Bashing! In: Wiener Zeitung online vom 28. August 2015.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Die wichtigste Bildungsreform

  1. Why We Work
    (TIME MAGAZINE, Aug. 27, 2015 )

    If bosses want to motivate workers, conventional wisdom dictates a simple solution: offering a clear path to a raise, promotion or other reward. But psychology professor Barry Schwartz argues that such tactics can actually hurt performance. The most valuable employees, he writes, are those who work because they want to do well, not to check boxes: great teachers don’t just “teach to the test,” great doctors don’t just order profitable procedures. It’s on managers, then, to foster that impulse–keeping job descriptions general, for example, so workers think holistically about their goals. Of course, good work should be rewarded, financially or otherwise. But, Schwartz writes, “there is no substitute for the integrity that inspires people” to go above and beyond on their own.
    –SARAH BEGLEY

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