Gerhard Riegler: Alleingelassen

Mehrere Volksschüler haben in Wien-Favoriten einen Igel durch Tritte so schwer verletzt, dass das Tier eingeschläfert werden musste.“ (1)

Close up hedgehog isolated on white background

Ob die Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen generell zunimmt, ist unter Fachleuten umstritten. Auch über die Ursachen für ein Absinken von Hemmschwellen streiten die Gelehrten. Wir LehrerInnen müssen jedenfalls immer öfter einschreiten, um Jugendliche vor gewalttätigen MitschülerInnen zu schützen. Und das, obwohl uns mit Sicherheit ein beachtlicher Teil der zwischen SchülerInnen ausgeübten Gewalt, insbesondere der psychischen Gewalt, verborgen bleibt.

Ein Artikel in der „Kleinen Zeitung“ über den qualvollen Tod eines Igels führt das auch in unseren Schulen existierende Gewaltpotenzial drastisch vor Augen. Nicht testosterongeschüttelte Halbwüchsige im Drogen- oder sonstigen Rausch, sondern Drittklässler, also Kinder in einem noch höchst schutzbedürftigen Alter, haben diese grausame Tat verübt. Die vormalige Grünen-Chefin Dr. Madeleine Petrovic, jetzt Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins, spricht von „tickenden Zeitbomben“ und hält „sadistische Tierquälereien“ für die „Einstiegsdroge zu Misshandlungen von Menschen“. (2)

Ich stimme Madeleine Petrovic zu, wenn sie dringenden Handlungsbedarf der Politik sieht. Ihrer Forderung nach Tierschutz als verpflichtendem Unterrichtsfach kann ich allerdings nichts abgewinnen. Denn der Reflex, beim Auftreten gesellschaftlicher Probleme nach neuen Unterrichtsfächern zu rufen, greift viel zu kurz. Die Schule wird nämlich immer nur bedingt heilen können, was viel früher geschehen oder eben nicht geschehen ist.

what is established in a child’s first months and years is decisive for the future life of that individual“, brachte Univ.-Prof. Dr. Berit Brandth (3) das auf den Punkt, was ErziehungswissenschaftlerInnen immer wieder betonen: die Prägung des Menschen in den ersten Monaten und Jahren seines Lebens und damit die entscheidende Bedeutung des Elternhauses. „Die Verdrossenheit so vieler Kinder ist letztlich nichts anderes als Liebesarmut“, mahnte der viel zu früh verstorbene Kinder- und Jugendtherapeut und vielfache Buchautor Wolfgang Bergmann in seinem drei Wochen vor seinem Tod erschienenen letzten Werk. (4)

Selbstverständlich hat die Schule die Pflicht zu heilen, was zu heilen ist. Dafür brauchen LehrerInnen aber auch „Heilmittel“ wie Supportpersonal und Interventionsmöglichkeiten. Und an beidem fehlt es Österreichs Schulen in unverantwortlichem Ausmaß. Für Supportpersonal glaubt die Politik, wie für vieles andere im Schulwesen, kein Geld zu haben, für wirkungsvolle Interventionsmittel aber fehlt ihr – ein noch größerer Skandal – das Vertrauen in uns, die Fachleute der Pädagogik.

Wenn ich wirkungsvolle Interventionsmöglichkeiten fordere, höre ich schon den Aufschrei „progressiver“ ExpertInnen, die mit dem Killervokabel „Rohrstaberlpädagogik“ seit Jahrzehnten jede sinnvolle Entwicklung im Keim ersticken und damit die Verantwortung dafür tragen, dass wir LehrerInnen Igel nicht vor „tickenden Zeitbomben“ schützen können, weder schutzbedürftige Igel auf der grünen Wiese noch die, die wir in jeder Klasse sitzen haben.

(1) Igel von Volksschulkindern zu Tode getreten. In: Kleine Zeitung online vom 23. Juni 2015.

(2) a.a.O.

(3) Berit Brandth und Ingólfur V. Gíslason, Family policies and the best interest of children. In: Ingólfur V. Gíslason u. a., Parental leave, childcare and gender equality in the Nordic countries (2011), S. 106-145 , hier S. 116.

(4) Wolfgang Bergmann, Lasst eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung (2011), S. 23.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Alleingelassen

  1. „… what is established in a child’s first months and years is decisive for the future life of that individual“, brachte Univ.-Prof. Dr. Berit Brandth (3) das auf den Punkt, was ErziehungswissenschaftlerInnen immer wieder betonen: die Prägung des Menschen in den ersten Monaten und Jahren seines Lebens und damit die entscheidende Bedeutung des Elternhauses.

    Zu diesem Thema gibt es einen ausgezeichneten Artikel im aktuellen ÖPU-Wochenspiegel auf den Seiten 13-16: „Heimvorteil – was macht intelligent?“
    Auch zu finden unter:
    http://www.zeit.de/2015/22/intelligenz-erste-lebensjahre-forschung

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