Gerhard Riegler: Freude an der Leistung

Was ihre schulische Leistung betrifft, werden Kinder heute oft überfordert. Zugleich werden sie im Alltag unterfordert, indem ihnen möglichst wenig zugemutet und zu wenig zugetraut wird.“ (1)

Dieser Befund der „Neuen Zürcher Zeitung“ deckt sich wohl mit den Erfahrungen vieler LehrerInnen. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Allan Guggenbühl mahnt, „dass Jugendliche in einem Zustand der Infantilität behalten werden“. Es bestehe die Gefahr, „dass die Jugendlichen zu spät in die Eigenverantwortlichkeit übergeben werden.“ (2)

Leistung sei durch die 68er-Bewegung ‚zu einem Unwort‘ gemacht worden. Das Vergnügen sei immer mehr in den Vorder- und die Verantwortung in den Hintergrund gerückt“, formuliert es der Erziehungswissenschaftler und Sozialpädagoge Albert Wunsch. Denn: „Die Gesellschaft verstand sich immer mehr als Spaßgesellschaft.“ (3)

In seinem Buch „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“, dessen Lektüre ich Österreichs Schulpolitik dringend empfehle, erinnert der Philosoph Konrad Paul Liessmann an Selbstdisziplin und Übung, die Säulen erfolgreicher Pädagogik, und stellt bedauernd fest: „In einer Zeit, in der die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zu einem Ideal auch der Pädagogik geworden ist, haben diese Begriffe keine Bedeutung mehr.“ (4)

… man wird nicht drumherum kommen, den Jugendlichen klar zu machen: Schule ist nicht was Spielerisches. Man muss lernen, dass es letztlich immer auch um ein Mindestmaß an Leistungs- und Einsatzbereitschaft geht.“ So „reaktionär“ formuliert es der Vorstandsvorsitzende der Voestalpine Wolfgang Eder. (5)

Wer Leistung und Anstrengung zu Missgunst-Vokabeln macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft“, brachte es Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, in seinem Referat, zu dem ihn der Bundes-Schulgemeinschaftsausschuss nach Wien eingeladen hatte, auf den Punkt. (6) Freude an der Leistung ist meines Erachtens nicht nur Voraussetzung für Bildungserfolg, sondern auch ein wichtiger Inhalt von Bildung.

Wir LehrerInnen sind dazu berufen, einer gestrigen Politik entgegenzutreten, die Zukunftschancen unserer SchülerInnen verspielt, indem sie jungen Menschen vorgaukelt, Anstrengung sei nur im Sport gefragt. Denn ohne Anstrengung und Leistung werden diese jungen Menschen, für die wir gemeinsam mit ihren Eltern Verantwortung tragen, unseren heutigen Wohlstand morgen nicht mehr genießen können.

(1) Daniela Kuhn, Die Eltern als beste Freunde des Kindes. In: NZZ online vom 11. Mai 2015.

(2) „Es herrscht eine Kultur des Verlangens“. In: Blick online vom 26. Jänner 2015.

(3) Johann A. Bauer, Wider die Spaßpädagogik. In: Sonntagsblatt online vom 11. Dezember 2014.

(4) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 175f.

(5) Thomas Winkler, voestalpine-Chef fordert von Politik: „Wir brauchen jetzt Entscheidungen“. In: Bezirksrundschau Linz online vom 26. August 2014.

(6) Josef Kraus, Schule von morgen: Darf Selbstverständliches wieder gelten? Referat im Rahmen der B-SGA-Veranstaltung „Was macht Schule gut?“ am 21. November 2013.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

3 Antworten zu “Gerhard Riegler: Freude an der Leistung

  1. Erich Wallner

    Acht Sehr gut, sieben Gut und zwei Befriedigend (beide davon mit über 79% ganz knapp am Gut = 80%) ergibt einen Notenschnitt von 1,65. Das ist das Ergebnis der heurigen Englischklausur meiner 8. Klasse, zu der 17 von 18 SchülerInnen angetreten sind (also keine Verfälschung durch selektive Fächerwahl, wie das in der zweiten oder dritten lebenden Fremdsprache oder in Latein / Griechisch vorkommt, wenn nur die Hälfte oder noch weniger der SchülerInnen antreten, die das Fach besucht haben).

    Man muss ab heuer in Englisch unterscheiden zwischen Noten und Leistung. Die wahren Englischkenntnisse (im Newspeak „Kompetenzen“) eines Schülers erkennt man am besten, wenn man die Punkte aus den beiden Teilbereichen „Spektrum sprachlicher Mittel“ und „Sprachrichtigkeit“ (des Prüfungsteils „Schreiben“) analysiert. In meiner 8. Klasse hätte das einen Notenschnitt von 2,88 ergeben. Dieses diagnostische Tool „SSM + SR“ macht aber nur mehr 12,5% der Gesamtnote aus, nämlich die Hälfte des Anteils für die beiden Schreibaufgaben, die wiederum (zusammen) mit nur einem Viertel zu Buch schlagen. Die beiden anderen Kriterien im Bereich „Schreiben“ heißen „Erfüllung der Aufgabenstellung“ und „Aufbau und Layout“ und sind Selbstläufer – man muss sich das ungefähr so vorstellen, als wenn man bei der (praktischen) Führerscheinprüfung schon halb durchgekommen ist, nachdem man die Sitzposition justiert, den Sicherheitsgurt angelegt und die Rückspiegel eingestellt hat.

    Was die drei anderen Prüfungsteile betrifft (Lesen, Hören und Sprachverwendung im Kontext), so sind das an sich sinnvolle Aufgaben, bloß stimmt der Schwierigkeitsgrad bzw. die Kalibrierung nicht: die Aufgaben sind zu leicht, bzw. die 60%-Grenze für deren Erfüllung ist zu niedrig angesetzt. Am deutlichsten zeigte sich das in meiner 8. Klasse beim Hören: nicht weniger als 12 von 17 SchülerInnen erreichten die Sehr gut-Bandbreite von 28, 29 und 30 Punkten.

    Zum Vergleich habe ich mir meine 10 letzten Klausuren seit 1998 angeschaut: die Notenschnitte lagen dort zwischen 2,60 und 3,36. Ich bin mir bewusst, dass ich im gymnasialen Typ mit Latein ab der 3. Klasse die optimale Schülerpopulation für das Fach Englisch habe, aber ein Matura-Notenschnitt von 1,65 ist einfach unseriös. Der Argwohn, dass bei der Zentralmatura mit dem Niveau so weit herunter gegangen würde, bis alles passt, hat sich somit bestätigt. Ab 2015 sagen in Englisch Noten nichts mehr über Leistung aus. Wenn man den Noten eine Aussagekraft geben will, dann braucht es in Zukunft einen Multiplikationsfaktor, der irgendwo zwischen 1,5 und 2 liegt.

    • Eigentlich wollte ich einen eigenen Kommentar schreiben, der den Unterschied von Mathematikaufgaben von heute und vor 30 Jahren darstellt, aber der obige Kommentar drückt das mit Englisch genauso gut aus.
      Was ich aber jetzt feststelle, ist die Unfähigkeit von Personen im Alter von unter 35 Jahren eine einfache Division auszuführen, die – um es leichter rechnen zu können – die Bevölkerungszahl der Österreicher auf 7 Millionen reduziert und die Schulden der Hypo Alpe Adria mit 21 Milliarden € ansetzt.Bei vier Personen, die in der EDV arbeiten war es unmöglich zu erfahren, wie groß die die aufgeteilte Schuld auf jeden einzelnen ist, wenn Babies und Greise einfach gleich den Erwachsenen mitgerechnet werden.
      Mögliche Antworten: 300.000, 30.000, 10.000, 1000 wurden genannt. Das ist doch schon etwas, oder?

  2. Mag. Thaddäus Brugger

    Im Folgenden möchte ich auf einen Umstand hinweisen, der in den diversen Kommentaren der Presse und anderswo bisher gar nicht zur Diskussion stand, obwohl dieser, wie ich meine, tatsächlich skandalös ist. Jedenfalls hat diese eklatante Diskrepanz zwischen Textsortencharakteristik und den in den Operatoren formulierten Aufgabenstellungen bei einigen meiner Kandidaten und Kandidatinnen zu einer tiefen Verunsicherung geführt, wussten sie doch vor dem Schreibvorgang nicht, ob sie nun die verlangte Textsorte ihrer Charakteristik entsprechend verfassen sollen, oder eben den per Operatoren oktroyierten Kadavergehorsam (Max Frisch: Dienstbüchlein) Folge leisten sollen.
    1. Textsortencharakteristik und Operatoren, also doch das, was notenentscheidend durch die Matura neu eingefordert wird, passen in vielen Fällen nicht zusammen. So wurde etwa im dritten Operator zum Kommentar ein „Appell (Sic!) an die Lehrerschaft“ verlangt.
    2. Wesentliche Aufgabenteile zur Textsorte „Meinungsrede“ lassen es bei geforderter Aufgabenstellung nicht zu, eine wirklich als Meinungsrede zu bezeichnende Arbeit zu liefern. Hier fehlt der Appell! An dessen Stelle wird Entwerfen Sie abschließend Ihr Konzept von „Familie“ angeregt.
    3. Das am schwersten Wiegende zum Schluss: Die Operatoren der Textinterpretation zu einem Süskind-Text sind meiner über dreißigjährigen Erfahrung mit Literaturanalyse und –interpretation nach ungeeignet, um zu zeigen, dass man als Maturant mit Literatur in einem größeren und tieferen Zusammenhang etwas anfangen kann. Im Übrigen hat ein befreundeter Psychologe mit Blick auf den dritten Operator Erläutern Sie Bedeutungen des Begriffes Tiefe im Textzusammenhang als „Kratzen an der Unterfläche mit wenig zu erwartendem Hochgang“ (weil Tiefe selbst für den Psychologen ein schwer zu hebendes Etwas ist) bezeichnet.

    Ich jedenfalls hätte mich zutiefst geniert, in meinen vorangehenden, selbst verfassten Aufgabenstellungen zur Matura alt derlei fehlerhafte und ganz einfach falsche, für die Schreibenden verwirrende Aufgabenstellungen vorzulegen.
    Mein Tipp an die Fragenden war im Übrigen: Schreibt eine klassisch gebaute Meinungsrede und vergesst die Operatoren.
    Ein biisschen viel Aufwand wurde und wird betrieben für so einen aufgelegten Pfusch.

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