Es fehlt nur die Ziege

Sollten Sie unschlüssig sein, welche Profession Ihnen für Ihr weiteres Leben hinreichend viel Unterhalt garantiert, ohne dass Sie in Fachwissen, Fleiß, Sorgfalt und Pflichtbewusstsein besonders glänzen müssen, empfiehlt sich der Beruf des Zukunftsforschers.“ (1) Mit diesen Worten beginnt ein Kommentar von Rudolf Taschner, mit dem er dem „Bildungsfuturologen“ Reinhold Popp entgegentritt, der in einem Interview Absonderliches absondert – und das unter dem reißerischen Titel „Es gibt noch zu viele sehr schlechte Lehrer“. (2)

Da wird davon schwadroniert, es gehe in der Schule nicht primär um Wissensvermittlung, weil doch der Computer als wissensspeicherndes Gerät uns von der Last zu wissen erlöst.“ (3) Popps Argument, mit dem er die Wissensvermittlung kritisiert, ist wirklich skurril: die Vergessenskurve. Nach sechs Wochen seien 80 Prozent des Gelernten dahin. (4) Damit mag er – bei manchen mehr, bei manchen weniger – schon recht haben, aber mit dieser Logik wäre jegliches Lernen obsolet, das nicht in sofortige Anwendbarkeit mündet.

Popp lässt kein noch so plattes Klischee aus. Die „interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Problemen“ müsse „im Vordergrund stehen. Die historisch gewachsene Abbildung der universitären Disziplinen in den Unterrichtsfächern muss möglichst bald am Abstellgleis der Bildungsgeschichte landen.“ Der „klassische Frontalunterricht“ gehöre beseitigt, ebenso die „50-Minuten-Häppchen. Das ginge nur mit projektorientierten Zugängen“, doch gebe es „zu viele sehr schlechte Lehrer“, stellt der „Bildungsexperte“ Popp fest. (5)

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Ich bin für vernetztes, für fächerübergreifendes Denken. Dieses setzt aber solide fachliche Grundlagen voraus, sonst wird daraus eine Vernetzung von Nullmengen. „In Wirklichkeit hängt freilich alles mit allem zusammen […] Das ist fraglos nicht sonderlich revolutionär, sondern eine alte reformpädagogische Maxime, die mittlerweile pädagogischer common sense geworden ist. […] Aber Wissenschaft bestand und besteht genau darin, diesen Zusammenhang zu zerschlagen und mit Perspektiven auf Ausschnitte der Welt auch Fragestellungen, Gegenstandsbereiche, Methoden der Forschung und Verfahren der Vermittlung zu generieren. […] Diese Verlagerung – weg vom Fach, hin zu vermeintlichen ganzheitlichen pädagogischen Kompetenzen – muss allerdings vor allem unter dem Gesichtspunkt des durch Wissenschaft und Technik bestimmten Charakters unserer Gesellschaft als problematisch gewertet werden.“ (6)

Und was den „bösen“ Frontalunterricht betrifft: Direkte Instruktion (direct instruction; klingt deutlich freundlicher als Frontalunterricht) „has been shown to be an efficient way to teach procedures that are difficult for students to discover on their own …“ (7) Auch die OECD hat es schon entdeckt: „Well-structured lessons implementing features of direct instruction have been shown to have a positive impact on student performance, especially for disadvantaged students.“ (8) Der international bejubelte Star der Bildungswissenschaft John Hattie bedauert: „Every year I present lectures to teacher education students and find that they are already indoctrinated with the mantra ‚constructivism good, direct instruction bad‘.“ (9) Der „Bildungsfuturologe“ Popp hingegen scheint bildungswissenschaftlich nicht einmal in der Gegenwart angekommen zu sein.

Bei der Orakelzeremonie in Delphi saß Pythia auf einem Dreifuß, der sich direkt über einer Erdspalte befand, aus der Gas strömte, durch das sie in Trance versetzt wurde. Bevor es aber soweit war, wurde eine junge Ziege mit eiskaltem Wasser übergossen. Blieb die Ziege ruhig, musste das Orakel ausfallen, und die Antwortsuchenden mussten einen Monat warten. Zuckte die Ziege zusammen, wurde sie als Opfertier der Gottheit dargeboten und auf dem Altar verbrannt, und die Vorhersagen konnten beginnen.

In Trance muss der Futurologe bereits sein. Die Ziege fehlt noch.

(1) Rudolf Taschner, Eingeweidewühler, Vogelschauer, Sterndeuter – Zukunftsforscher. In: Presse online vom 6. Mai 2015.

(2) Lisa Nimmervoll, Zukunftsforscher: „Es gibt noch zu viele sehr schlechte Lehrer“. In: Standard online vom 4. Mai 2015.

(3) Taschner, Eingeweidewühler.

(4) Siehe Nimmervoll, Zukunftsforscher.

(5) Nimmervoll, Zukunftsforscher.

(6) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 65f.

(7) David Klahr und Milena Nigam, The Equivalence of Learning Paths in Early Science Instruction. Effects of Direct Instruction and Discovery Learning (2004), S. 1.

(8) OECD (Hrsg.), Teaching Practices and Pedagogical Innovation: Evidence from TALIS (2012), S. 30.

(9) John Hattie, Visible Learning (2009), S. 204.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

6 Kommentare

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6 Antworten zu “Es fehlt nur die Ziege

  1. Erich Wallner

    Schon oft habe ich gehört, dass Frontalunterricht etwas Schlechtes sei – nie hört man aber etwas gegen Schülerreferate.
    Was aber ist ein Schülerreferat anderes als eine Form von Frontalunterricht – und noch dazu die schlechtestmögliche, weil die Qualität nicht gewährleistet ist?

  2. Doch, natürlich gibt es viel Kritik an (vor allem exzessiven) Schülerreferaten, genau weil die Zuhörer dabei meist wenig lernen. In den meisten Fällen geht es bei den Schülerreferaten aber hoffentlich darum die Fähigkeiten der Vortragenden zu verbessern und weniger darum, dass die restliche Klasse dabei die große Erleuchtung erfährt.

    • Erich Wallner

      Wieso „hoffentlich“?

      Ein Schüler hält in Geografie ein Referat über die Arktis. Ob das, was er sagt, stimmt oder nicht, ist eh wurscht. Hauptsache, er übt seine Präsentationskompetenz.
      Und das bei einer Wochenstunden Geografie in der 2. und in der 6. Klasse.

  3. Man sollte aber anmerken, dass die von Hattie beschriebene Form der direct instruction ungefähr so viel Ähnlichkeit mit traditionellem Frontalunterricht hat wie Herr Popp mit einem kompetenten Forscher.

    Klassicher Frontalunterricht wird von Hattie scharf kritisiert und hat bei weitem nicht den gleichen positiven Auswirkungen auf den Lernerfolg, der von anderen Varianten des lehrergeleiteten Unterrichts ausgeht.

  4. Die Stellungnahme zu den Ausführungen des Zukunftsforschers Popp konnte nicht besser formuliert werden. Ich habe mich bei der Poppschen Lektüre sehr geärgert, weil der zu Papier gebrachte Unsinn im Gewand von wissenschaftlichen Einsichten einhergeht. Also für alle sogenannten Schulexperten, die sich ihre Meinung in sicherer Entfernung vom Klassenzimmer gebildet haben, langsam zum Mitschreiben: Im Rahmen der Methodenvielfalt im Klassenzimmer hat der sogenannte Frontalunterricht seine mehr als notwendige Berechtigung, vor allem dann, wenn neue Bildungsinhalte (vulgo Stoffbereiche) vorzustellen sind. Dass solche Banalitäten immer wieder gesagt werden müssen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die derzeitige Bildungsdebatte.

  5. Die Chance der Ziege bestand nur darin, dass sie von den Dämpfen schon genug sediert war, um nicht zu zucken.
    Manchem eigens ernannten Bildungsexperten würde ich wünschen doch die Vorzüge solcher Mittel zu erforschen (aber intensiv!)

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