Gerhard Riegler: Sprung verweigert!

Es war zu befürchten: Der Wiener Bürgermeister hat es am 1. Mai nicht geschafft, über seinen Schatten zu springen!

Gold Fish jumping from one fish bowl to another

Der Tag der Arbeit, 70 Jahre nach Kriegsende, wäre für eine nüchterne und ermutigende Analyse des österreichischen Wegs zu Frieden und Wohlstand und einen daran anschließenden richtungsweisenden Appell ein idealer Zeitpunkt gewesen. Ein idealer Zeitpunkt darauf hinzuweisen,

  • dass wir uns trotz aller Schwierigkeiten, die es zu lösen gilt, in einer Situation befinden, um die wir zu Recht beneidet werden,
  • dass Österreich seit Jahren gemeinsam mit Deutschland EU-weit die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aufweist – eine Leistung, von der die Gründungsväter dieser 2. Republik wohl nicht einmal geträumt haben,
  • dass bei uns so wenige junge Menschen die Schule ohne erfolgreichen Abschluss der Sekundarstufe II verlassen wie in kaum einem anderen Staat der Welt,
  • dass Österreichs Schulwesen dies schafft, obwohl so viele SchülerInnen in einer Sprache unterrichtet werden, die sie außerhalb der Schule nicht sprechen – schwierigste Bedingungen, wie sie weltweit in nur wenigen Staaten zu finden sind,
  • dass es das Bildungswesen war, auf das die Menschen vor 70 Jahren ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gesetzt haben,
  • dass Österreichs Bevölkerung kaufkraftbereinigt um 50 % höhere Nettolöhne bezieht, sich um die Hälfte mehr leisten kann, als dies im EU-Mittel der Fall ist – 70 Jahre, nachdem Österreich in Trümmern lag, und viele dieses Land vor einer erbärmlichen Zukunft sahen,
  • dass unsere Heimat durch den Rohstoff Bildung zum zweitreichsten EU-Staat aufgestiegen ist,
  • dass Österreichs Schulwesen nach zwei Jahrzehnten Ressourcenentzugs aber der akuten Gefahr ausgesetzt ist, in einen ausgehungerten staatlichen und einen privilegierten, von den Eltern selbst finanzierten Teil zu zerfallen, wie dies in etlichen OECD-Staaten geschehen ist,
  • dass die Bildung auch in Zukunft auf die Besten der Besten als LehrerInnen angewiesen ist, und
  • dass solche PädagogInnen nur dann gefunden werden können, wenn sie fair entlohnt, wertgeschätzt und bei ihrer ebenso schwierigen wie wertvollen Arbeit in einem Ausmaß unterstützt werden, wie es in anderen Staaten inzwischen längst der Fall ist.

Hoffentlich ist Österreichs Bundesregierung fähig, wozu der Wiener Bürgermeister nicht fähig war!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Sprung verweigert!

  1. Heute kommentiere ich E. Quins OTS vom 29. April:

    „Um alle Beteiligten vor dem Verdacht zu schützen, die Prüfungen seien zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Lösungen noch nicht beendet gewesen, werden […] die Lösungen […] ab 18:00 Uhr des jeweiligen Klausurtags auf der BIFIE-Website […] passwortgeschützt abrufbar sein.“ (Quelle: „Informationsschreiben zur Durchführung der SRDP im Mai 2015“ vom 10. April)

    Es braucht keine großen Fähigkeiten zum sinnerfassenden Lesen, um den Subtext dieses BIFIE-Schreibens zu entschlüsseln:

    1. „Den Lehrern ist nicht zu trauen – die könnten vorzeitig etwas weitergeben.“
    Begründung: Die Formulierung „Verdacht, die Prüfungen seien … noch nicht beendet gewesen“ ist, semantisch betrachtet, Unsinn, denn ein späterer Zeitpunkt alleine ist ja noch nichts Ehrenrühriges – ein „Verdacht“ ergibt sich erst aus dem Argwohn, dass dieser Zeitpunkt zu etwas Ungesetzlichem missbraucht werden könnte. Voraussetzung für einen „Verdacht“ ist also, dass man den Lehrern solches zutraut. (Dass etwas bloß theoretisch denkbar ist, impliziert noch keinen Verdacht: Denkbar wäre z.B., dass ein Direktor, der gleichzeitig Fachprüfer bei einer Klausur ist, sich vorzeitig Zugang zu den Fragen verschafft – er hätte übrigens viel mehr Zeit dazu als ein Lehrer im Stress des Prüfungstags. Weil Direktoren aber niemand so etwas zutraut, brauchen sie auch „vor keinem Verdacht geschützt“ zu werden. Lehrer sind also offenbar weniger vertrauenswürdig als Direktoren.)

    2. „Die Lehrer sind sowieso zu blöd, Maturaaufgaben selber zu lösen. Erst mit den offiziellen Lösungen in der Hand werden sie zur Gefahr – deshalb darf man ihnen diese Lösungen erst mit Verspätung mitteilen.“
    Begründung: Das BIFIE geht davon aus, dass die verspätete Veröffentlichung der Lösungen ein taugliches Mittel sei, um Missbrauch zu verhindern. Nähme man dagegen an, dass die Lehrer die Lösungen gar nicht benötigen, dann wäre deren verspätete Veröffentlichung kein taugliches Mittel mehr. Ergo die Prämisse des BIFIE: „Ohne Lösungsheft sind die Lehrer eh hilflos.“

    Da sich E. Quin lieber mit dem boulevardesken Aufreger befasst hat, reiche ich hier das BIFIE-Gegenstück nach. Im Übrigen glaube ich, dass Unterstellungen seitens des BIFIE noch gravierender sind als Rülpser in der KRONE.

    Ceterum censeo: Nach der Lektüre der Ausgabe 26 des „daten.dienst.tag“ vom 28. April (= in Österreich verdienten Lehrer der Sekundarstufe I im Jahr 2012 60% des Durchschnittsgehalts aller Akademiker des Landes, im OECD Mittelwert waren es 88%) verstärkt sich mein Eindruck, dass den Standesvertretern der Ärzte zu gratulieren ist, die mehr Geld für weniger Arbeit herausverhandelt haben. (Statistisch heißt das allerdings, dass wir Lehrer in der Statistik 2016 noch weiter hinterher hinken werden…)

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