Gerhard Riegler: Ich hatte einen Traum …

Der Wiener Bürgermeister sprach zu einer großen Menschenmenge, ich glaube, es war der 1. Mai.

Er sei, sagte der Bürgermeister, nicht länger bereit, aus Rücksicht auf irgendjemanden seinen Mund zu halten.

I have a dream exclamation handwritten on blackboard

Es sei ein Mega-Skandal, dass es sich Österreich trotz seines Wohlstandes nicht leistet, der Schule zumindest den Anteil am Brutto-Inlandsprodukt zur Verfügung zu stellen, der dem OECD-Mittelwert entspricht.

Die Letztverantwortung für das Handeln einer Regierung trage der Bundeskanzler. Deshalb erwarte er sich von Faymann ein beherztes Eintreten für das Schulwesen. (Der Bundeskanzler stand übrigens – wie so oft – daneben.)

Ein Wegschauen sei nicht länger zu verantworten. Es gehe schließlich um die Jugend und deren Chancen, um den Wohlstand, den sich Österreich nicht zuletzt über ein erfolgreiches Schulwesen erarbeitet habe, und schließlich darum, unsere Heimat erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Bildung sei Österreichs Rohstoff Nr. 1. Wer Investitionen in dessen Förderung verweigere, betreibe eine grob fahrlässige Politik und solle lieber heute als Dienstagmittag heimgehen.

Er sei aber auch Präsident des Wiener Stadtschulrates und damit Chef von 25.000 Lehrerinnen und Lehrern. Das primitive Polemisieren gegen Menschen, von deren Engagement die positive Entwicklung junger Menschen abhängt, lasse er sich nicht mehr bieten. In der Politik habe solch verantwortungsloser Schwachsinn keinen Platz.

Populistisches Agieren empfinde er alles andere als lustig. Aus seiner Partei würde er solche Typen am liebsten hochkantig rauswerfen.

Trotz allen Einsatzes der Lehrerinnen und Lehrer könnten nicht alle Probleme der Gesellschaft in der Schule abgeladen und den Lehrkräften umgehängt werden. Noch dazu, wo Schulen in Österreich so wenig Unterstützungspersonal haben wie nirgendwo sonst. Dass eine sozialdemokratische Unterrichtsministerin darauf mit einem Ausstieg aus der entsprechenden Datenerhebung durch die TALIS-Studie reagiere, mache ihn betroffen.

Als Wiener Bürgermeister wisse er wohl besser als alle anderen, welch sozialen und kommunikativen Problemen junge Menschen heutzutage ausgesetzt sind. Probleme, die sie in ihren Rucksäcken mit in die Schule bringen. Es sei eine Bankrotterklärung der Sozial-, Familien-, Migrations- und Integrationspolitik, dass jeder dritte Unter-15-Jährige armutsgefährdet, jeder fünfte sogar materiell erheblich depriviert ist und jeder zweite Schüler Wiens außerhalb der Schule nicht die Unterrichtssprache spricht.

Es sei an der Zeit, dass sich die Politik ein Bild davon macht, was Schule derzeit bedeutet, was Lehrerinnen und Lehrer unter beschämenden Rahmenbedingungen leisten. Er selbst schäme sich, dass er diese Worte nicht früher gefunden habe.

Noch nie habe ich einen derart euphorischen Applaus einem Politiker entgegenbranden gesehen wie an diesem, glaube ich, 1. Mai. Es war traumhaft!

Der 1. Mai ist nur mehr zwei Wochen von uns entfernt. Wie weit ist Österreichs Politik von Verantwortung und Engagement für die Jugend entfernt?

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


12 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Ich hatte einen Traum …

  1. und dann sind wir aufgewacht…..!

    Anmerkung Quin: Manche versuchen es zumindest. Mag. Johanna Mikl-Leitner, Bundesobfrau des Österreichischen ArbeitnehmerInnenbundes, im „Standard“:
    „Die Bundesregierung hat versprochen, dass die Steuerreform eine Entlastung für alle Arbeitnehmer bringt und dass sie sie nicht selbst finanzieren müssen“, so die Innenministerin. Das, was derzeit aber „veranstaltet wird“, sei ein „eindeutiger Wortbruch“. Anstatt bei der Verwaltungsreform an die Personalkosten der Beamten zu denken, sollte man sich viel eher Doppelgleisigkeiten und Kompetenzbereinigungen anschauen, betonte sie.
    „Wenn jetzt manche glauben, einen Keil zwischen die Arbeitnehmer bringen zu können, um politisches Kleingeld schlagen zu können, ist das das Gegenteil von Solidarität“, stellte die ÖAAB-Chefin fest. Es denke beispielsweise – „zu Recht“ – niemand daran, dass die Steuerreform von den Metallern finanziert wird.
    Quelle: Mikl-Leitner sieht Wortbruch bei Steuerreform. In: Standard online vom 17. April 2015.

  2. Lieber Gerhard!
    Träume werden wahr – manchmal dauert es nur ein wenig länger, bis die Betroffenen realisieren und handeln…. aber wir LehrerInnen geben ja nicht auf 🙂

  3. Ich glaube, dass wir langsam akzeptieren müssen, dass sich die Menschen – in diesem Land – immer mehr gegeneinander ausspielen (lassen). Die Aussage Häupls war so nicht zu erwarten und doch lag sie – in diesem Klima der Polemik – in der Luft. Von Träumereien halte ich wenig, eher von Mut und Haltung gegen die Journaille und ideenlose Politik

  4. Ich träume auch manchmal – zum Beispiel vom Jahr 1977, als ich als Junglehrer begann. Damals betrug die Lehrverpflichtung 20 WE. In der Privatwirtschaft war gerade die 40-Stunden-Woche eingeführt worden. Dann träume ich von der Gegenwart: 38-Stunden-Woche in der Privatwirtschaft, analog dazu eine Lehrverpflichtung von 19 WE. Und dann wache ich auf.

    Wenn mich dann meine Friseurin oder mein Automechaniker fragen, was ich von Häupls Sager von zwei Stunden Unterricht mehr halte, dann stelle ich die Gegenfrage: „Was hielten Sie davon, anstatt 38 Stunden jetzt 44 Stunden pro Woche zu arbeiten (bei gleichem Gehalt natürlich)?“ Und ich erkläre ihnen, dass das umgerechnet dem Stand von 1977 plus 10 Prozent entspricht. Wenn sie mich dann fragen, wieso sie eine so einfache Rechnung nicht auch in der Zeitung lesen können, dann stelle ich die nächste Gegenfrage: „Würden Sie als GewerkschaftsfunktionärIn mit einem Thema in die Öffentlichkeit gehen, bei dem sie den eigenen Leuten erklären müssten, wieso sie in zwei Jahrzehnten nichts zusammengebracht haben?“ (Nämlich bei der Umsetzung der 38-Stunden-Woche im Bundesdienst.)

    Mein Installateur sagt, Häupl rede ja nur davon, dass wir Lehrer zwei Stunden länger bei den Kindern sein sollen – also von einer internen Umschichtung, nicht von einer generellen Arbeitszeitverlängerung. Ich zeige ihm seine letzte Rechnung: Eine halbe Stunde Arbeitszeit, eine Viertelstunde Wegzeit. Und ich frage ihn, warum er das nicht auch so macht: Länger bei den Kunden, weniger anderswo. Er hält mich wohl für ein wenig weltfremd und erklärt mir, wieso das nicht geht. Ich höre ihm nur aufmerksam zu und lasse ihn reden – bis der Groschen fällt.

  5. Leider nur ein Traum.Solange manche „Verantwortungsträger“nicht von der politischen Bildfläche verschwinden wird er auch einer bleiben.

  6. Tja leider wird auch hier wieder schwarz – weiß oder besser schwarz – rot gemalt. Es gibt ja noch den einen oder anderen Reformverweigerer – ein anderes politisches Urgestein. Und außer NEIN kommt recht wenig aus dem Eck. Solange nur jeder politisches Kleingeld wechselt und seine Klientel bedienen will wird es keine Lösung geben. Die einen pecken auf die anderen und die anderen schimpfen auf die einen. Und sowohl die einen als auch die anderen haben immer die besten Ideen warum DIE JEWEILS ANDEREN Schuld sind. Gemeinsame Entscheidungen zu treffen scheint unpopulär zu sein in diesem Land. Egal was uns andere Länder vorzeigen. Die Bildungspolitik ist da leider ein Paradebeispiel. Aber auch gerechte Umverteilung, Unternehmensförderung, Gesundheit, Sport, … die Liste ist lang. Und die Hoffnung auf sinnvolle Lösungsansätze wird immer geringer ….

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