Gerhard Riegler: Gestresste Eltern

Eltern fühlen sich heute mehr unter Druck. Sie wollen aber unbedingt, dass es ihrem Kind besser geht.“ (1) So beschreibt der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff die Gefühlslage vieler Paare, die sich um die Zukunft ihres Kindes bzw. – selten geworden – ihrer Kinder sorgen.

Half-length portrait of future businessman with hands crossed an

Neben „Helikoptereltern“, die die Entwicklung ihrer Sprösslinge durch übertriebene Fürsorge behindern, sehen Forschungsergebnisse den Narzissmus auf dem Vormarsch (2), verursacht durch Eltern, die das Ego ihres Kindes trotz besten Willens verformen.

In einer aktuellen Studie befragten PsychologInnen und ErziehungswissenschaftlerInnen sieben- bis elfjährige Kinder und deren Eltern und kamen zu folgendem Ergebnis: „Eltern, die ihre Kinder überbewerten, würden meist in der Absicht handeln, sie zu selbstbewussten Personen erziehen zu wollen. Doch anstatt ihr Selbstbewusstsein zu fördern, könne die Überbewertung ungewollt narzisstische Züge fördern.“ (3)

Michael Winterhoff warnt: „‚Wir müssen uns klar sein, dass diese Menschen nicht lebenstüchtig sind. Sie sind zum Beispiel nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.‘ In der Schule würden sie sich häufig verweigern. Glückliche Kinder seien das nicht …“ (4)

Selbstbewusstsein kommt von elterlicher Wärme, und wenn es da ist, ruht es in sich selbst. Narzissmus braucht Bestätigung von außen, darin liegt noch eine Weisheit des Mythos: Narzissten neigen eher zu Depression, Angst, auch Aggression, und sie greifen eher zu Drogen“, so der Wissenschaftsjournalist Jürgen Langenbach. (5)

Und spätestens da stelle ich mir die Frage, wie krank eine Gesellschaft ist, in der Eltern durch Stress und Verunsicherung derart unter Druck geraten, dass sie in bester Absicht eine gesunde Entwicklung ihrer Kinder verhindern.

Welch unverantwortlichen Beitrag zu diesem Irrsinn leistet eine Politik mit ihren Pseudo-ExpertInnen, die der Öffentlichkeit das Vertrauen in das Schulwesen und die Professionalität der LehrerInnen zu rauben suchen, um sich dadurch Aufsehen und/oder politischen Handlungsspielraum zu verschaffen?!

Doch: „Das Bild der heutigen Elterngeneration, die, geprägt durch massiven Zweifel in die eigene Erziehungskompetenz, bei jeder Frage dem gedruckten oder programmierten Expertenrat folgt, ist offenbar falsch. Suchen sie Rat, wenden sich die Eltern vor allem an eine Person: die Lehrerin oder den Lehrer ihres Kindes.“ (6) Über keine Meldung der vergangenen Woche habe ich mich mehr gefreut.

(1) Elterliche Überhöhung schadet. In: ORF online vom 9. März 2015.

(2) Siehe Jürgen Langenbach, Psychologie: Wie Eltern sich Narzissten heranziehen können. In: Presse online vom 9. März 2015.

(3) Elterliche Überhöhung schadet.

(4) Elterliche Überhöhung schadet.

(5) Langenbach, Psychologie.

(6) Thomas Sebastian Vitzthum, Eltern vertrauen bei Erziehung meist nur den Lehrern. In: Die Welt online vom 11. März 2015.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Gestresste Eltern

  1. Ich kann diesem Artikel leider nur zustimmen. „Kann der Bus unser Kind nicht aus XX abholen. Das wäre so praktisch.“ Kommentar bzw Anfrage einer Mutter, deren Kind auf Skikurs fahren soll und die gerade im Wochenendhaus sind. Was soll das Kind anderes denken, als dass sich die ganze Welt um es dreht? 120 Kinder und 10 Lehrer können ja gerne einen kleinen Umweg machen, oder? Grenzen zu setzen ist offenbar nicht mehr angesagt und dem Kind zu zeigen, dass die eigene Freiheit dort endet, wo man die Freiheit der anderen einschränkt, das passiert in der Familien oft nicht mehr. In der Klasse sieht man dann genau das.

  2. Zwei Gedanken dazu:
    1. In einer Gesellschaft mit einer Reproduktionsrate von ca. 1,5 – wo eine Familie mit vier Kindern schon als Großfamilie gilt – ist es nur logisch, dass einzelnen Kindern mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das fängt schon an, wenn der Staat einen Menge Geld als Zuschuss für künstliche Befruchtung bezahlt, und setzt sich fort in der Neonatologie, wo Frühchen mit einem Geburtsgewicht von unter einem Kilo heute schon überleben können – wenn auch öfters mit lebenslangen Schäden. Wenn also schon von Amts wegen ein Kind, das früher gar nicht gezeugt worden wäre, oder das nicht überlebt hätte, soviel Aufmerksamkeit bekommt, dann ist es doch nicht überraschend, dass sich auch später die Welt um dieses Wunderwesen dreht.

    2. „Wir müssen uns klar sein, dass diese Menschen nicht lebenstüchtig sind. Sie sind zum Beispiel nicht in der Lage, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.“ (M. Winterhoff)
    Tun wir doch nicht so, als ob das nur für Kinder gälte. Ein Beispiel dafür, dass dieses Phänomen auch unter Erwachsenen weit verbreitet ist, ist die hohe Scheidungsrate. Das Zurückstellen eigener Bedürfnisse gehört nicht zu den angesagten Tugenden unserer Zeit – wieso sollten gerade Kinder die besseren Erwachsenen sein?

    P.S.: Der durchschnittliche Arbeitnehmer in Österreich kommt auf ca. 13 Krankenstandstage. Unter Lehrern ist diese Quote viel niedriger. Hier funktioniert das Zurückstellen eigener Bedürfnisse offenbar viel besser. Das wäre ein Thema, welches die Lehrergewerkschaft medial transportieren könnte – tut sie aber nicht, weil das den anderen Gewerkschaften nicht passen würde (Stichwort „Krankfeiern“). Da zählt die Solidarität unter Genossen allemal mehr – auch eine Form der Zurückstellung eigener Befindlichkeiten …

    1. Fassungslos lese ich Ihren Kommentar (über Frühchen) und kann kaum glauben, was Sie hier schreiben. Im besten Fall würde ich es als Unreflektiertheit oder Ignoranz bezeichnen.
      Meine beiden Kinder – Zwillinge- feiern gerade heute ihren vierzehnten Geburtstag. Sie hatten bei ihrer Geburt je ein gutes halbes Kilo. Heute sind sie völlig normale junge Menschen, die sich nicht von anderen Gleichaltrigen unterscheiden. Für mich sind sie, wie Sie das despektierlich schreiben „Wunderwesen“.
      Und ich bin froh und dankbar dafür, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen eine gute und sicher auch teure Versorgung ermöglicht hat und die ihnen eine Chance gegeben hat. In einer Gesellschaft, die Sie offenbar für erstrebenswert halten, wären beide sicher nicht mehr am Leben.

      1. Was Ignoranz betrifft, so ist sie in diesem Zusammenhang wohl am ehesten in einem Mangel an sinnerfassendem Lesen zu finden – wenn mir nämlich Dinge unterstellt werden, die ich nicht geschrieben habe.
        „In einer Gesellschaft, die Sie offenbar für erstrebenswert halten, wären beide sicher nicht mehr am Leben.“: Was für interpretative Kunstgriffe sind wohl nötig, um mir zu unterschieben, dass ich etwas gegen die Neonatologie hätte? Bin ich dann vielleicht auch verdächtig, Notarzthubschrauber abzulehnen, nur weil sie manchmal dazu führen, dass Patienten lebenslange Pflegefälle werden, die sonst gestorben wären?

        Abschließend nehme ich zur Kenntnis, dass Sie das Recht haben, den Terminus „Wunderwesen“ zu verwenden, ich aber nicht. Dazu passt das von G. Riegler gefundene Zitat:
        „Eltern, die ihre Kinder überbewerten, würden meist in der Absicht handeln, sie zu selbstbewussten Personen erziehen zu wollen. Doch anstatt ihr Selbstbewusstsein zu fördern, könne die Überbewertung ungewollt narzisstische Züge fördern.“

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