Gerhard Riegler: Kompetenzorientierungskompetenz

Wird die Schule zur Quasselbude?“, fragt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in einem meiner Meinung nach höchst lesenswerten Artikel mit dem Titel „Der Kompetenz-Fetisch“ (1). Der Wiener Philosophieprofessor Konrad Paul Liessmann stand Pate für diese Headline, gilt er doch im deutschsprachigen Raum als einer der prominentesten Kritiker dieser via OECD-„Bildungsstudien“ über den großen Teich transportierten Fehlentwicklung.

Competence wooden sign with a street background

Bei einer Tagung der „Gesellschaft für Bildung und Wissenschaft“ (GBW), an der auch ich teilnehmen konnte, setzte sich Liessmann in seinem Referat mit dem „Kompetenzfetischismus“ auseinander, der immer skurrilere Blüten treibt: Auf „stolze 4500 Kompetenzen“ komme der schweizerische „Lehrplan 21“ bereits für die Grundschulen. „Ungeklärt bleibe laut Karl [sic!] Liessmann allerdings oft, wie genau Kompetenzen wie ,lebendige Vorstellungen beim Lesen von Texten entwickeln‘, ,Inhalte zuhörend verstehen‘, ,zu Texten Stellung nehmen‘, ,bei der Beschäftigung mit Texten Sensibilität und Verständnis für Gedanken und Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen zeigen‘ abgeprüft werden sollen, wie auch: ,Texte auf Wirkung überprüfen‘ oder ,Lernereignisse präsentieren‘“, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in ihrem Beitrag, der selbst leidenschaftlichste KompetenzfetischistInnen zum Nachdenken anregen sollte. (2)

… seine Wiener Universität habe, um die Kompetenzorientierung in der Lehrerausbildung zu forcieren, eigens eine Expertengruppe eingerichtet. Zentral sei in der Wiener Lehrerausbildung nun die Aneignung von etwa 30 Kernkompetenzen wie zum Beispiel der Innovationskompetenz, der Reflexionskompetenz, der Prüfungskompetenz, des Durchhaltevermögens oder gar der Kompetenzorientierungskompetenz. Das letzte war kein Scherz. Die Aneignung von Fachkompetenz (vormals: ,Wissen‘) nehme nur noch einen erschreckend niedrigen Stellenwert ein, sagte Liessmann.“ (3)

Ein Blick auf die VWA-Beurteilungsbögen, in denen Leistungen in ihre Atome zerlegt werden, um sie „objektiviert“ und „kompetenzorientiert“ bewerten zu lassen, und manch Skurrilität lassen in mir den Verdacht aufkommen, dass selbst die Kompetenz von „ExpertInnen“ ihre Grenzen kennt.

Dunkel erinnere ich mich ans finstere 20. Jahrhundert, in dem die Leistungen junger Menschen ganzheitlich betrachtet und bewertet werden sollten. Im Ernst: Hätte ich als Junglehrer beurteilt, wie es jetzt „von oben“ gewünscht wird, wäre ich wohl nicht lange Lehrer gewesen. Meine Landesschulinspektorin hätte mir das erforderliche pädagogische Verständnis abgesprochen.

Die FAZ drückt aus, was ich empfinde: „Im Kern steht die Sorge, ob die reformierte Schule besser in der Lage sein wird, Individuen hervorzubringen. Oder eher Abiturienten, die über Produktionskompetenzen verfügen.“ (4)

(1) Klara Keutel und Jan Grossarth, Der Kompetenz-Fetisch. In: FAZ online vom 18. Februar 2015.

(2) a.a.O.

(3) a.a.O.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


10 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Kompetenzorientierungskompetenz

    1. Eine wichtige Kompetenz für unsere Bildungsexperten vermisse ich schon lange: Lehrerverstehungskompetenz!
      Gratuliere zu dem tollen Artikel – spricht mir aus der Seele!
      LG Erich Böck

  1. Danke für den treffenden Kommentar. Als ich junger Lehrer war (ab 1980), gab es die LERNZIELORIENTIERUNG: Ich habe das stets als viel zu enges und nicht zweckmäßig Konzept empfunden – ich wollte Lehrer und kein „Lernzielvollzugsbeamter“ sein.
    Heute ist das mit der Kompetenzorientierung noch viel schlimmer.
    Und das Allerschlimmste:
    Diejenigen, die uns das eingebrockt haben (BIFIE und Co.), zeigen durch ihr Vorgehen bei der neuen Reifeprüfung (ob Änderung des Anforderungsschlüssel in den Fremdsprachen, die schlampige Zustellung der Aufgaben aus Mathematik, die fragwürdige Textauswahl bei der „kompetenzorientierten“ Deutschmatura, die Probleme beim Hochladen der VWA), dass die Kompetenzorientierung gerade bei ihnen absolut NICHT angekommen ist.

    1. Mir fällt dazu nur ein: Was ist heute gefragt? Frei nach Alfred Schirlbauer, was muss man heute können – Inkopentenzkompensationskompetenz!!I Ja und noch was. Leider machen viel zu viele Lehrer unreflektiert mit und manche haben endlich ein Betätigungsfeld gefunden, wo sie doch einmal wichtig sein können. Man wird in der Schule und in den Bildungseinrichtungen dafür belohnt, wenn man sich auf diesem Felde engagiert.

  2. Dir Kritik an der übermäßigen Kompetenzorientierung im Schulwesen generell ist natürlich absolut berechtigt.
    Hier gerade den VWA-Bewertungsbogen als abschreckendes Beispiel anzuführen, ist aber verfehlt. Zumindest für alle KollegInnen im Bereich des LSR f. Stmk. ist er ein großer Fortschritt gegenüber dem alten FBA-Bewertungsbogen. Nach diesem konnte (musste?) eine Arbeit noch mit „Befriedigend“ beurteilt werden, wenn sie inhaltlich nicht entsprach (Inhalt: 0 Punkte), jedoch perfekt gegliedert und formatiert war.
    Der vorliegende VWA-Bewertungsbogen scheint doch zumindest der LBVO zu entsprechen.

  3. diese kompetenzhudelei ist beschämend. wir lehrer lassen uns prächtig bevormunden.
    mir fehlt die zeiteinteilungskompetenz, daher komme ich mit 3 vwas und sportwochenorganisation kaum dazu meinen unterricht vorzubereiten und mit schülern gespräche zu führen – das geht sich alles nicht mehr aus.

  4. Als Betroffener frage ich mich: wie kann man
    1. Der Kandidat/die Kandidatin beherrscht die wesentlichen Grundprinzipien von Orthografie, Satzzeichensetzung und Grammatik.
    weit über das geforderte Maß übererfüllen???
    Helft doch bitte einem dummen Lehrer, der sich mit dieser Experten- oder Juristenlogik überfordert sieht, ihr Experten! Danke.
    Und: nein, die LV Krankenhaushygiene während meiner Lehramts-Ausbildung hilft mir nicht bei der Lösung dieses Problems.

    1. Eine kleine Ergänzung: Wie soll man die Selbstkompetenz bei den VWA sehen? Wie kann ich die Selbstkompetenz weit über das geforderte Maß hinaus realisieren? Dass ich weiß, dass ich ich bin – und das weit über das geforderte Maß hinaus? Ich würde gerne wissen, wem solcher Blödsinn eingefallen ist!

  5. Jenseits des arithmetischen Mittels!

    Zumindest für sprachliche Leistungen, also Texte (wahrscheinlich aber zumindest für jede geistige Leistung) gilt immer noch, dass das Ganze entschieden mehr, aber auch weniger sein kann als die Summe seiner Teile.
    So wie es z.B. absolute „No-Gos“ gibt, die jeden noch so guten Text zerstören, gibt es andererseits Arbeiten, die in einzelnen Punkten zwar nicht den „Produktionsanforderungen“ der Textsorte entsprechen, aber trotzdem einfach gute Texte sind.
    Mit einer entsprechend formulierten Begründung sollte so ein objektivierbarer Gesamteindruck doch in die Beurteilung einfließen können. Unsere derzeitigen Kompetenzkataloge suggerieren und bewirkten aber gerade das Gegenteil, indem sie allen Einzelkriterien stets die gleiche Bedeutung zuschreiben und auf das „Ganze“ keine Rücksicht nehmen (können).

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