Gerhard Riegler: Die Schule wird’s schon richten

Die jüngsten Turbulenzen um die VWA machten wieder schmerzlich bewusst, wie sehr Schulpolitik in den letzten Jahren zum Schauplatz für Dilettantismus und maßlose Selbstüberschätzung geworden ist. Wo Kompetenz gefragt wäre, wird Präpotenz geboten, und das in kaum mehr auszuhaltenden Dosen.

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Wie gut tat es da, als der „Presse“-Kommentar eines Mannes erschien, mit dem mich seit Jahren eine respektvolle Freundschaft verbindet. Der vormalige amtsführende Präsident des Wiener Stadtschulrats Mag. Dr. Kurt Scholz meldete sich in seiner ebenso erfrischenden wie intellektuell beeindruckenden Art zu Wort, um jenen die Leviten zu lesen, die als „ExpertInnen“ auf Kosten der LehrerInnen ihr Unwesen treiben.

Der Schule wird von der Gesellschaft stets der Schwarze Peter zugeschoben, kritisiert Kurt Scholz: „Integration, Pflege, Gesundheit: Wie man immer mehr gesellschaftliche Probleme in die Hände der Lehrerinnen und Lehrer schwindeln will.“ Er lobt die Langmut der österreichischen PädagogInnen, die aller Diffamierung zum Trotz „Skikurse und Theaterbesuche organisieren, Sexualaufklärung betreiben und Kindertränen trocknen“. (1)

„ExpertInnen“ fordern den LehrerInnen alles ab, was sonst nicht mehr geschafft wird, und dreschen gleichzeitig auf sie ein. Kurt Scholz bringt die Verrücktheit dieses Tuns auf den Punkt „Es gibt auch ärztliche Kunstfehler, schlechte Journalisten, Winkeladvokaten und übergriffige Polizisten. Dennoch wäre es närrisch, unsere Spitäler, Medien, den Rechtsstaat und die Sicherheitsbeamten zu verteufeln. Nur bei der Schule hoffen wir, durch negative Stereotype den Boden für Reformen aufzubereiten.“ (2)

Das schulpolitische Treiben vergleicht Scholz mit dem der Schildbürger, die ihrem Pferd systematisch das Fressen von Hafer abgewöhnen wollen und es so um sein Leben bringen. Damit das „tückische Tier“ Lehreridealismus nicht verstirbt, empfiehlt Kurz Scholz den „Hafer“ Wertschätzung. Sie sei „das Nahrungsmittel der Schule. Sie benötigt mehr davon. Nur Schildbürger und Narren verweigern sie ihr.“ (3)

Vielleicht erkennt die Unterrichtsministerin zumindest jetzt, wer trotz aller Inkompetenz und Widrigkeiten von oben die Schule mit Langmut am Laufen hält und deshalb schon längst eine große Extraportion „Hafer“ verdient. Dank und Wertschätzung für LehrerInnen sollten endlich an die Stelle von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung treten! Denn sonst erlahmen irgendwann auch unsere Kräfte.

(1) Kurt Scholz, Politik als Schwarzer-Peter-Spiel: Die Schule wird’s schon richten. In: Presse online vom 10. Februar 2015.

(2) a.a.O.

(3) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

4 Antworten zu “Gerhard Riegler: Die Schule wird’s schon richten

  1. Corinna

    Super Formulierung der Tatsachen!
    Als Dank bekommen wir eine Besoldungsreform mit Gehaltskürzungen ;-)))!

  2. Es tut gut, auch einmal einen solchen Artikel zu lesen.

    Man sollte sich einmal eines überlegen: Österreich steht doch wirtschaftlich im internationalen Vergleich recht gut da. In den Zeitungen lesen wir immer von den Skandalen. Es wird nichts darüber geschrieben, dass auch Gutes geleistet wird.
    Es scheint aber so zu sein, dass unsere „unteren“ Chargen, bis hinauf zu den Hofräten und Ministerialräten, manchmal auch den Sektionschefs, ganz gut arbeiten, egal welcher Minister oder Ministerin sich gerade profilieren will.
    Bei den Lehrern scheint es mir ähnlich zu sein. Statt dass man ihnen Mittel zur Verfügung stellt, um ihren Unterricht zu modernisieren oder auch nur arbeitstechnisch zu unterstützen, werden Studien und Versuche vorgeschoben, damit man nicht wirklich etwas tun muss. Ich bin hinsichtlich der Zentralmatura leidenschaftslos. Warum nicht? Aber so, wie sie zur Zeit demontiert wird, ist es kein Versäumnis der Lehrer und Lehrerinnen, sondern eines politischen Apparats, der ausschließlich sagt, was er tun will, aber nichts tun.
    Die letzte Misere mit dem Upload-Problem dürfte keine sein. Wenn es ein technisches Problem gäbe, könnte ich in anderen Bereichen nicht einmal diesen Kommentar schreiben. Das Programm würde abstürzen und ich wäre nach einer Viertelstunde Schreiben so frustriert, dass ich nicht noch einmal von vorne anfange.
    Sämtliche Erklärungen, die bisher abgegeben wurde, würden im normalen Geschäftsleben zu einer Kündigung führen. Und die Reparaturversuche würden anders aussehen, als die angekündigten. Dieselben gelten nämlich aus Managementsicht alle als kontraproduktiv.

    Na ja, es tutgut, auch einmal einen solchen Artikel zu lesen.

    P.S. Ich bin kein Lehrer, doch ich unterrichte in Seminaren und hatte bis vor einem Jahr eine Vorlesung in Leipzig.

  3. Harald Tachezi

    Solange für Hubschrauber gegen Terrorismus 250 Mio Euro offenbar problemlos finanzierbar sind und solange zeitgleich nichteinmal 100 Schulpsychologen zusätzlich bezahlbar sind- solange muss jedem klar sein, dass Schule den Entscheidungsträgern nichts wert ist.

  4. Bei all den Problemen, die in den letzten Monaten im Zusammenhang mit der Neuen Reifeprüfung (….) aufgetreten sind und bei den vielen Aufgaben, die plötzlich die Schule (= die Lehrerinnen und Lehrer) zusätzlich zu den gesetzlich vorgegebenen Zielen (= Lehrplan, …) auch noch erfüllen soll, denke ich mir, dass der Auftraggeber (Ministerium und Gesellschaft) sehr rasch (sehr) umfangreiche (Finanz-) Mittel zur Verfügung stellen wird, damit das alles auch gemacht werden kann.

    Oder täusche ich mich?

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