Gerhard Riegler: Kein Arsenal, sondern ein Horizont

Der Schweizer Pädagoge Roland Reichenbach, Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich, ließ vor einigen Tagen mit einem Interview im „Standard“ aufhorchen. Auf die kürzlich in Deutschland entflammte Debatte, ob die Schule ausreichend auf „das Leben“ vorbereite, merkte Reichenbach kritisch an: „Das sogenannte Leben hat einen sehr guten Ruf, die sogenannte Schule weniger. Die pädagogische Forderung nach „Lebensnähe“ der Schule bleibt unkritisch bejaht.“ (1)

Near Space photography - 20km above ground / real photo

Selbstverständlich ist der Kanon an Inhalten und Fertigkeiten, die Schule vermitteln soll, nicht in Stein gemeißelt, sondern in laufender Veränderung. Wer aber Bildung auf den Aspekt der Nützlichkeit und Anwendbarkeit reduziert, darf sich nicht wundern, wenn der Mensch zur Humanressource degeneriert. Lassen Sie mich Konrad Paul Liessmann und Julian Nida-Rümelin zitieren:

  • Wer sich nur dem widmet, was er unmittelbar benötigt, wer sich immer nur an Brauchbarkeit und an Verwertbarkeit orientiert, wird letztlich beschränkt bleiben.“ (2)
  • Die humanistische Bildungstradition seit Platon legt Wert darauf, dass Bildung ein Selbstzweck sei, dass sich Bildung nicht erst als Mittel zur Erreichung anderer Zwecke rechtfertigt. Im Zentrum des Humanismus steht daher die Persönlichkeitsbildung (nicht Macht, Reichtum, Sieg etc.).“ (3)

Reichenbach, der sich seit Jahren mit Bildung im Fernen Osten beschäftigt, weist auf einen grundlegenden Unterschied in der Wertschätzung für Bildung und damit im Ansehen der LehrerInnen hin: „Der Lehrer und die Lehrerin – auf allen Schulstufen – genießen gerade in Südkorea, das sehr konfuzianisch geprägt ist, eine hohe gesellschaftliche Anerkennung, gerade weil die Schule eine hohe gesellschaftliche Anerkennung erfährt und nicht als notwendiges Übel gegen das sogenannte Leben positioniert wird.“ (4)

Bildung, so zitiert Professor Reichenbach Hans Blumenberg „ist kein Arsenal, sondern ein Horizont. Mit einem Horizont können Sie nichts anfangen. Es geht bei dieser Metapher um Einsicht in die Dinge und die Welt. Und es ist immer gut, wenn Menschen einen „weiten Horizont“ haben, die Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen können, nicht nur aus jener des unmittelbaren Nutzens.“ (5)

Die Politik, gerade auch die Wirtschaftspolitik, muss die akuten Krisen mit weitem Horizont und aus unterschiedlichen Perspektiven beurteilen. Gebildete Persönlichkeiten werden Europa hoffentlich vor Perspektivlosigkeit bewahren können!

(1) Lisa Nimmervoll, Schweizer Pädagoge: „Die Reformitis ist eine globale Entzündung“. In: Standard online vom 13. Jänner 2015.

(2) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 41.

(3) Julian Nida-Rümelin, Der Akademisierungswahn (edition Körber-Stiftung 2014), S. 48.

(4) Nimmervoll, Reformitis.

(5) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


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