Gerhard Riegler: Schreckgespenst Perspektivlosigkeit

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt über 25 Prozent, die berufliche Bildung ist unterentwickelt und die Integration von Migranten stellt ein riesiges Problem dar.“ (1) Die erschreckenden Bilder aus Frankreich riefen in mir Erinnerungen an Informationen wach, die ich bei der Lektüre, die ich mir über die Weihnachtsferien vergönnt habe, gewonnen habe.

Frankreich hat eine phänomenal hohe Abiturquote von beinahe 80 Prozent, ist also schulpolitisch ganz im Sinne der OECD unterwegs, und doch ist in kaum einem anderen Land Europas die Perspektivlosigkeit der jungen Menschen so groß. Für Jugendliche, die im „tiefste[n] Banlieue, mit Wohnsiedlungen so fantasielos, wie sie nicht einmal einem DDR-Planer in den Sinn gekommen wären“ (2) aufwachsen, hat Schule eine besondere soziale Funktion: eine Perspektive aufzuzeigen, die Hoffnung gibt und Lebenswege abseits von Gewalt und Illegalität eröffnet. In den Banlieues vieler französischer Großstädte aber scheitert das Schulsystem.

Despair bandit praying God for forgiveness

Der Anteil der 25- bis 54-Jährigen, die nicht einmal die Sekundarstufe I erfolgreich abgeschlossen haben, liegt bei Menschen, die im Ausland geboren worden sind, in Frankreich bei erschreckenden 17,6 %. Österreichs differenziertes Schulsystem entlässt nur 2,7 % dieser Gruppe ohne Pflichtschulabschluss. (3) Warum wird dieser eklatante Unterschied in Österreichs Schuldiskussion so fahrlässig ausgeblendet? Oder ist er unseren „BildungsexpertInnen“ wirklich nicht bewusst?

Fühlen sich SchülerInnen mit Migrationshintergrund in der Schule angenommen oder von ihren LehrerInnen benachteiligt? Die kürzlich publizierte Studie zur „Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg“ (4) gibt uns darauf Antworten, die ein verbales Vorzugszeugnis darstellen:

  • Der kulturelle Hintergrund macht bei der Frage nach der Schulfreude der Schülerinnen und Schüler keinen Unterschied.“ (5)
  • Erfreulich ist, dass sich Schüler/innen unabhängig von ihrer Muttersprache und Herkunftskultur von den Lehrpersonen gemocht wissen.“ (6)
  • Insgesamt zeigt sich ein sehr hohes Vertrauen der Eltern in die Schule ihres Kindes, unabhängig davon, ob das Kind an der NMS oder einer AHS ist. Auch kulturelle oder sprachliche Zugehörigkeiten machen hier keinen Unterschied.“ (7)

Ein Zitat aus der „Mittelbayerischen“ hat drei Wochen nach seinem Erscheinen leider dramatisch an Bedeutung gewonnen: „Ein Blick in die Welt oder zumindest zum Nachbarn Frankreich würde Bertelsmann, der OECD und einigen Bildungsjournalisten und selbsternannten Bildungsexperten guttun.“ (8)

Die Leistungen, die von Österreichs LehrerInnen erbracht werden, verdienen höchste Wertschätzung. Die Politik ist mehr denn je zur Umkehr aufgerufen.

(1) Jürgen Böhm, Unendliche Möglichkeiten. In: Mittelbayerische online vom 18. Dezember 2014.

(2) Stefan Brändle, In der Heimat-Banlieue der Attentäter: „Es ist wie im Krieg“. In: Standard online vom 8. Jänner 2015.

(3) Siehe OECD (Hrsg.), International Migration Outlook 2014 (OECD Publishing 2014), S. 85.

(4) Gabriele Böheim-Galehr und Johann Engleitner (Hrsg.), Schule der 10- bis 14-Jährigen in Vorarlberg. Entwicklungen, Bildungshaltungen und Bildungserwartungen. Projektbericht Band 1 (Innsbruck 2014).

(5) a.a.O., S. 78.

(6) a.a.O., S. 92.

(7) a.a.O., S. 74.

(8) Böhm, Unendliche Möglichkeiten.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Schreckgespenst Perspektivlosigkeit

  1. Erich Wallner

    Was die Perspektiven von jungen Menschen angeht, so herrscht auch in Österreich ein zwiespältiges Bild:
    Bei jungen Ärzten geht die Tendenz in Richtung weniger Arbeit und (relativ) mehr Gehalt.
    Bei jungen Lehrern ist es genau umgekehrt: mehr Arbeit für weniger Geld.

  2. ITAART

    Stärkung des Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühls, Kreatives Miteinander, jeden in seinen Stärken fördern … die Lern- und Hirnforschung ist schon so weit fortgeschritten – und wir sind immer noch im Konkurrenz- und Vergleichsdenken unterwegs!

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