Pragmatismus

In der Stellungnahme der AHS-Gewerkschaft zum Entwurf der Prüfungsordnung AHS, die die neue Matura regelt, schrieb ich am 13. Februar 2012: „Die AHS-Gewerkschaft spricht sich im Sinne der Kandidaten mit Nachdruck gegen die Streichung der Arbeitsgruppen zur Vorbereitung auf die mündliche Reifeprüfung aus und fordert die Beibehaltung der heutigen Rechtslage.

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Diese Forderung haben SchulpartnerInnen gemeinsam in einer Pressekonferenz des Bundesschulgemeinschaftsausschusses am 12. Dezember 2014 erneuert. Weil die Politik auf diese Kritik seit Jahren nicht reagiert, wird es für eine entsprechende Änderung des Gehaltsgesetzes „schön langsam“ etwas spät. Aufgrund der Dauer des parlamentarischen Verfahrens besteht nämlich die Gefahr, dass eine solche Gesetzesänderung nicht mehr rechtzeitig in Kraft tritt, damit die KandidatInnen des Haupttermins 2015 davon profitierten.

Meines Erachtens hat jetzt eine Lösung für die SchülerInnen der heurigen Maturaklassen oberste Priorität. Ich habe daher in der Sitzung der Bundesreifeprüfungskommission am 19. Dezember 2014 für folgenden Vorschlag plädiert:

  • Ab dem Zeitpunkt, an dem die Noten der SchülerInnen in den Maturaklassen feststehen (an den meisten Schulen ab 20. April 2015, drei Tage vor der Beurteilungskonferenz), werden die Unterrichtsstunden der Abschlussklassen an den noch zur Verfügung stehenden Unterrichtstagen ausschließlich der Vorbereitung auf die (schriftliche und mündliche) Matura gewidmet. Im genannten Beispiel wären das neun Tage.
  • Die PädagogInnen erbringen diese „Vorbereitungsstunden“ im Rahmen ihrer „normalen“ Lehrverpflichtung. Es fallen keine zusätzlichen Stunden an – weder als Arbeitsbelastung für die LehrerInnen noch als Budgetbelastung für das Unterrichtsressort.
  • Für die SchülerInnen gilt ab diesem Zeitpunkt die Vorbereitung auf die Reifeprüfung als gerechtfertigte Verhinderung am Besuch des „normalen“ Unterrichts.
  • Aufgrund der sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen an den einzelnen Schulstandorten (Schulgröße, Schulformen, Wahlverhalten der KandidatInnen etc.) obliegen alle weiteren Festlegungen der Schule.

Schüler- und ElternvertreterInnen sind mit dieser Lösung, die keine Änderung von Rechtsnormen erfordert und daher jetzt noch umsetzbar ist, ebenso einverstanden wie der Direktorenverband und das BMBF. Die genaue Formulierung eines entsprechenden Erlasses soll kommende Woche erfolgen.

Nach dem ersten flächendeckenden Durchgang der neuen Matura wird eine genaue Analyse aller operativen und wohl auch inhaltlichen Aspekte der Reifeprüfung erfolgen. Ob sich dieser Weg bewährt, wird sich weisen.

Natürlich ist die heute vereinbarte Lösung nicht ideal, aber ich halte es im Sinne der MaturantInnen des heurigen Unterrichtsjahres mit Heinrich Böll: „Politik ist weder eine Wissenschaft noch eine Kunst, sie ist nicht einmal ein Handwerk, sie ist ein von Tag zu Tag sich neu orientierender Pragmatismus, der bemüht sein muss, die Macht und deren Möglichkeiten übereinander zu bringen.

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7 Kommentare

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7 Antworten zu “Pragmatismus

  1. Erich Wallner

    1. „werden die Unterrichtsstunden der Abschlussklassen an den noch zur Verfügung stehenden Unterrichtstagen ausschließlich der Vorbereitung auf die (schriftliche und mündliche) Matura gewidmet“ – Der bestimmt Artikel „die“ deutet darauf hin, dass reguläre Stunden gemeint sind.
    Wenn also z.B. in Chemie niemand antritt, dann werden die stundenplanmäßigen Chemiestunden für andere Fächer verwendet, z.B. für Englisch. Das können aber dann ja wohl nur zusätzliche Englischstunden sein. Dem widerspricht aber: „Es fallen keine zusätzlichen Stunden an – weder als Arbeitsbelastung für die LehrerInnen noch als Budgetbelastung für das Unterrichtsressort.“
    2. „Für die SchülerInnen gilt ab diesem Zeitpunkt die Vorbereitung auf die Reifeprüfung als gerechtfertigte Verhinderung am Besuch des „normalen“ Unterrichts.“ – Dass ein Schüler die Geografiestunde schwänzen darf, weil er eh in Geografie nicht antritt, kann ich ja noch (pragmatisch) verstehen. Offenbar darf er das aber nur dann ungestraft, wenn gleichzeitig eine Vorbereitungsstunde in einem anderen, von ihm gewählten, Fach stattfindet. Sonst muss er sich weiterhin in Geografie berieseln lassen, obwohl er eh schon eine Note hat. Das war bisher auch so, nur hat man eine solche Zwangsbeglückung nicht als „Pragmatismus“ interpretiert.
    3. „Lösung, die keine Änderung von Rechtsnormen erfordert“: Das stimmt so nicht. Das Gegenstück zur Schulpflicht ist das Recht auf Unterricht. Auch wenn niemand in Chemie antritt, so haben doch alle Schüler ein Recht darauf, bis zum bitteren Ende in Chemie unterrichtet zu werden. Wenn aber die letzten Chemiestunden ausfallen, dann wird das Recht der Schüler auf Unterricht verletzt.

    • muss man wirklich in jeder situation „i-tüpfel-reiten“ ?? haben sie je schon die „unbändige gier“ von angehenden maturanten nach unterricht in den fächern, in denen sie nicht antreten, erlebt?

      • Erich Wallner

        Vielleicht verstehen Sie es ja, wenn man es in Geld ausdrückt:
        Kriegt der Chemielehrer, dessen Stunden ausfallen, weil niemand in Chemie antritt, diese jetzt weiterhin bezahlt?
        Und der Englischlehrer, der die frei gewordenen Chemiestunden stattdessen zusätzlich in seinem Fach hält – macht der sie gratis?
        Oder unterrichtet vielleicht der Chemielehrer ein paar Stunden Englisch, sodass sich das alles kostenneutral und arbeitsbelastungsneutral ausgeht, wie E. Quin schreibt?

        Anmerkung Quin: Wenn ich eine Maturaklasse in Chemie unterrichte und niemand in Chemie maturiert, werde ich am Ende der Abschlussklasse NICHT einfach zwei Stunden pro Woche weniger unterrichten, sondern z.B. für die KollegInnen, die Englisch und Geschichte in der Maturaklasse unterrichten und bei denen viele KandidatInnen antreten, diese zwei Stunden pro Woche supplieren, damit die beiden mehr Zeit für die Vorbereitung mit den SchülerInnen haben.

    • Erich Wallner

      Anmerkung Quin: Wenn ich eine Maturaklasse in Chemie unterrichte und niemand in Chemie maturiert, werde ich am Ende der Abschlussklasse NICHT einfach zwei Stunden pro Woche weniger unterrichten, sondern z.B. für die KollegInnen, die Englisch und Geschichte in der Maturaklasse unterrichten und bei denen viele KandidatInnen antreten, diese zwei Stunden pro Woche supplieren, damit die beiden mehr Zeit für die Vorbereitung mit den SchülerInnen haben.

      Frage von E. Wallner: Wie habe ich das zu verstehen? Ich kann das nur so interpretieren, dass der Chemielehrer zwei reguläre Englischstunden des Englischlehrers in einer niedrigeren Klasse übernimmt. Dort fallen also zwei Stunden Englisch aus. (Wie das im Fach Sport mit der Verfügbarkeit der Turnsäle aussieht, mag ich mir gar nicht ausmalen – und das Fach Sport wird ja in erster Linie betroffen sein.) Die Englisch-Matura-Vorbereitung wird also mit Englischstunden aus einer anderen Klasse bezahlt. Das ruft mir als Englischlehrer ein englisches Verb in den Sinn: to cannibalise: „to take the parts of a machine, vehicle etc. and use them to repair or build another.“ (Oxford Advanced Learner’s Dictionary)

      Anmerkung Quin: Die gestrige Einigung ist ein pragmatischer – und für die SchülerInnen der derzeitigen Maturaklassen der einzig mögliche – Weg. Er ist nicht ideal, wie ich in meinem Kommentar ausdrücklich schreibe. Er löst auch nicht automatisch alle Probleme, aber er entschärft viele.
      Mir sind in den vergangenen zwei Wochen gleich mehrere Chemie-Stunden wegen mehrstündiger Schularbeiten meiner SchülerInnen ausgefallen. Es könnte ja z.B. auch sein, dass ich nicht in einer 3., sondern in einer 7. Klasse suppliere und ausgefallene Chemiestunden nachhole …
      Und zu weiteren möglichen Einwänden, dass dann … Ja eh. Siehe erster Absatz.

  2. mittenf

    Dass Supplierungen erst dann bezahlt werden, wann der Pool abgearbeitet ist, ist hoffentlich bedacht worden – ich fürchte, dass ein weiteres Einsparungspotetial eröffnet wurde.

    Anmerkung Quin: Wenn ich anstelle meiner Chemiestunde eine Supplierstunde halte, ist das in unserem Besoldungsrecht noch nie bezahlt worden – und das zu Recht. Ich bekomme ja die Chemiestunde ohnehin bezahlt. Bei dieser Art von Supplierung handelt es sich um eine sogenannte „Statt-Stunde“.

  3. Anna Neulentner

    Ich werde meine Deutschstunden für die Vorbereitung der schriftlichen Matura brauchen. Meine mündlichen Kandidaten und ich haben dann wie gehabt 1,33 Stunden für die Vorbereitung (wir haben drei Maturaklassen) Toll!

  4. Thomas Jeide

    Ich möchte nochmal mit Nachdruck auf das von meiner Vorposterin beschriebene Problem hinweisen: Es geht beim berechtigten Anliegen der Schüler um mehr Vorbereitungszeit für die mündlichen Prüfungen. Zumindest in Deutsch, Mathematik und Englisch (bzw. einer anderen Fremdsprache) müssen ja alle Schüler schriftlich antreten. Hier werden somit logischerweise alle Stunden (egal ob reguläre oder zusätzliche) zur Vorbereitung auf die schriftliche Reifeprüfung verwendet werden. Für jene Schüler, die in einem der genannten Gegenstände auch mündlich antreten, wird somit keine einzige zusätzliche Einheit geschaffen. Im Gegenteil: Es besteht jetzt sogar ein Wettbewerbsnachteil im Vergleich anderen Gegenständen.

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