Die bunte Bildungsblumenwiese

„Don’t put all your eggs in one basket!” Das alte englische Sprichwort sollte auch für schulpolitische Entscheidungen gelten. In einem beachtenswerten „Profil“-Kommentar (1) warnt Peter Michael Lingens, der Grandseigneur des österreichischen Journalismus, eindringlich vor der flächendeckenden Einführung der Gesamtschule in Österreich. (Als Sohn zweier Widerstandskämpfer und ehemaliger Redakteur der Arbeiter-Zeitung und Mitbegründer des „Profil“ ist er wohl über jeden Verdacht erhaben, ein „konservativer Betonschädel“ oder Rechter zu sein.)

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P. M. Lingens hat nicht aus Hochglanzbroschüren abgeschrieben, sondern nach guter, alter Journalistenmanier den Weg zu den Betroffenen im Kärntner Gailtal auf sich genommen. Dort hat er Fakten aus der Schulpraxis erfahren, die in Inseraten des Unterrichtsministeriums nie zu lesen sind: „Ich habe in meiner Klasse alles – von potenziellen Sonderschülern bis zu Hochbegabten. Es ist einfach unmöglich, die gemeinsam zu unterrichten. Die Schwachen verstehen nicht, was ich sage, und langweilen sich – die Guten haben es längst verstanden und langweilen sich auch. Das wird nicht besser, wenn ein zweiter Lehrer dabei ist: Spricht er leise, verstehen ihn nur zwei, drei Kinder, spricht er laut, so stören wir uns gegenseitig.“ (2) Offene Worte eines NMS-Lehrers, der laut Lingens aus Sorge vor Repressalien nicht genannt werden möchte. Auch viele Eltern im Raum Hermagor wollen Vielfalt und Wahlfreiheit (3), und auch sie wollen ungenannt bleiben. (4) So sieht Meinungsfreiheit im Kärnten des 21. Jahrhunderts aus!

Doch zurück zu Peter Michael Lingens. Am Ende seines Artikels appelliert er an die Grünen Verfechter der Gesamtschule und zeichnet ein Bild, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: „Wenn bei einer Monokultur etwas schiefgeht – etwa ein resistenter Schädling auftritt –, ist nämlich alles verloren. Das sollte man auch bei Schulen für möglich halten: Wenn man die NMS wirklich flächendeckend zur einzigen Schulform macht und dabei etwas schiefgeht, können wir durchaus hinter das aktuelle PISA-Niveau zurückfallen.“ (5) Seinen Appell sollten aber auch Wirtschaftskammerpräsident Leitl, die Unterrichtsministerin und manch Landeshauptmann und „Bildungsexperte“ beherzigen!

Ich wünsche mir für meine beiden Kinder, dass auch sie einmal ihre Kinder in ein qualitätsvolles, öffentlich finanziertes Schulsystem schicken können, das ihnen Wahlmöglichkeiten bietet – eine bunte Bildungsblumenwiese und keine Monokultur. Und ich wünsche mir, dass P. M. Lingens mit seinen Worten anderen Journalisten Mut macht, Fakten zu recherchieren und zu berichten und nicht bloß bunte Inserate abzutippen!

(1) Peter Michael Lingens, Die Gefahr einer Schul-Monokultur. In: Profil online vom 1. November 2014.

(2) a.a.O.

(3) Siehe etwa die Elterninitiative Hermagor.

(4) Lingens, Schul-Monokultur.

(5) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Die bunte Bildungsblumenwiese

  1. So klar, wie hier im Zitat des Befundes von P.M. Lingens, habe ich die Gesamtschule wahrscheinlich noch nie kommentiert gesehen. Es handelt sich dabei offensichtlich um einen Befund aus erster Hand. Das überzeugt, denn ich bin im Grunde meines Herzens nie ein unbedingter Gegner der Gesamtschule gewesen, sehe mich aber aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit gezwungen, solche Sachverhalte anzuerkennen.

    1. Wir alle lieben bunte Blumenwiesen.Tun uns in der Regel aber mal leichter auf englischem Rasen zu unterrichten. Ob nun in Mono- oder in Duokultur mit dem Rasenmäher über die Wiese gefahren wird, es bleibt von der bunten Blumenvielfalt nicht viel über. P.M.Lingens hat in dieser Situation seinen Sohn in eine teure, private Integrierte Gesamtschule gegeben. Fördern wir Projekte im Sinne des Schulaufbruchs wie in Berlin- Mitte oder Göttingen, um auch Kindern diese Chance zu geben, die sich teure Privatschulen nicht leisten können! Und möge in solchen Ansätzen dann eine gemeinsame Vielfalt für alle gefunden werden!
      Übrigens, um nicht nach Deutschland schielen zu müssen: 1+1=100

  2. Ad: „P.M.Lingens hat in dieser Situation seinen Sohn in eine teure, private Integrierte Gesamtschule gegeben“:

    Auf Wikipedia steht, dass Lingens mit „seinem jüngsten Sohn Eric in Österreich und Spanien“ lebt.
    Frage 1: War / ist das der angesprochene Sohn, und falls ja, wie alt ist der jetzt und geht er immer noch in diese Schule?
    Frage 2: Was für eine Schule ist das? Der Begriff „Integrierte Gesamtschule“ hat in Österreich eine bestimmte Bedeutung (erst recht, wenn das Adjektiv groß geschrieben wird so wie hier) – was für eine Privatschule ist das wohl, die genau diese Struktur übernimmt und dafür noch teure Schulgebühren verlangen kann?

    1. Ich habe nur den Artikel im Profil von P.M.Lingens gelesen und daraus entnommen, dass Eric eine private Gesamtschule besucht hat. Da ich auf Grund anderer Kommentare von P.M.L . davon ausgehe, dass es eine englische Schule in Wien war, habe ich die Bezeichnung IGS gewählt um auszudrücken: Eine Gesamtschule in einem mehrgliedrigen System kann nur eine IGS sein, also eine Schule, die dem Leistungsspektrum der Bevölkerung nachgebildet ist, ohne Notenerfordernisse zum Einstieg.
      Inhomogen – von „Sonderpädagogischer Förderbedarf“ bis „Hochbegabung“.
      Im Falle der teuren Privatschule aber wohl nicht allzu inhomogen, was die soziale Schichtung betrifft!
      Keinesfalls wollte ich an die Bedeutung anstreifen, die der Begriff in Österreich haben mag.- Warum auch immer.
      Schließlich sind IGS in Österreich ja nicht soweit verbreitet,dass sich dieser Ruf aus breiter Erfahrung und Evaluierung ableiten ließe.
      Mir fällt dazu spontan in Wien nur 40 Jahre Anton-Kriegergasse ein und
      so abschreckend hab ich die bei meinen Besuchen gar nicht erlebt.
      Leider kenne ich Eric Lingens nur als talentierten jungen Schauspieler und nicht privat und konnte mich daher noch nie mit ihm über seine Gesamtschulzeit unterhalten. Möglicherweise können wir das demnächst im Ateliertheater nachholen, nachdem mein Interesse jetzt geweckt ist.
      Mit IGS verbinde ich z.B IGS Göttingen. deren Ideen ich auch schon vor 40 Jahren kennenlernen durfte und nicht erst durch den Innovationspreis.
      Die evangelische Schule Berlin Zentrum verwendet den Begriff Gemeinschaftsschule. Ich habe einige Publikationen von P.M.L. zum Thema Schule gelesen und kann mir vorstellen. dass auch er solchen oder ähnlichen Projekten nicht abgeneigt ist.
      Die Bezeichnungen sind aber nicht so entscheidend. Konkrete Zustände und Wirkungen sind wichtig und Strukturen,wie Sie schreiben. WAS oder WIE ist “ genau diese Struktur “ die so abschreckt? Möglicherweise teilen wir ja den gleichen Schrecken – auch mit P.M.Lingens.

  3. Lieber PM Lingens, Lieber E.Quin!
    Wir wissen es eh – uns (lange) praktizierende Lehrer braucht man nicht überzeugen. Die Schwierigkeit ist es, die „Straße“ zu überzeugen. Wie bringt man solche Artikel, Untersuchungen, Kommentare an das Volk?
    Wie setzt man den selbst erannten Experten Fakten so entgegen, dass sie öffentlich (zurecht) unglaubwürdig werden? Das ist wohl hier die Frage und die große Aufgabe gleichzeitig..

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