Gerhard Riegler: Blutsverwandtschaft

Berichte über Tigermütter (1) und Gänseväter (2) werfen ein grelles Licht auf eine Mentalität, die befremdet und erschreckt. In China, dem Land der „Ein-Kind-Politik“, sind Eltern um die Bildungskarriere ihres Kindes derart besorgt, dass sie selbst zu unglaublichen Schritten bereit sind. „Chinese parents are literally giving their own blood for their children’s test scores.” (3)

doctor with a package of donor blood

Eltern, die ihrem Kind zusätzliche Punkte für den karriereentscheidenden Aufnahmetest in die Oberstufe, den „zhongkao“, verschaffen wollen, spenden Blut. Für vier Liter gibt es einen Extrapunkt, für sechs Liter zwei und für acht Liter sogar drei. Da bekanntlich pro Blutspende nur rund ein halber Liter abgezapft werden kann, bedeutet das einen beträchtlichen Aufwand.

So unglaublich die Geschichte bis hierher ist, gibt es doch noch eine Steigerung: Ein 28-jähriger Chinese hat kürzlich stolz gepostet, die magische „4-Liter-Marke“ überschritten zu haben. Kind habe er zwar noch keines, doch habe er sich den Blutspenden für seinen ungeborenen Sohn unterzogen, um diesem einen besseren Start ins Leben zu ermöglichen. Der eine Zusatzpunkt solle seinem Kind einmal den Zugang zu einer der begehrten Schulen verschaffen, die den Weg an die Universität bahnen. (4)

Davon sind wir weit entfernt. Doch Österreichs GesamtschulproponentInnen wollen noch immer nicht wahrhaben, dass staatliche Einheitsschulen bei uns die Gründung sündteurer Privatinstitute zur Folge hätten. Der Blick nach China und der nicht nur dort immer enger werdende Flaschenhals zu Universitäten und Fachhochschulen sollten sie zum Nachdenken anregen. Doch auch eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Frankreich, Europas traditionsreichem Gesamtschulstaat, könnte sie belehren: Das „collège unique“, Frankreichs staatliche Gesamtschule, hat anders als vor Jahrzehnten intendiert nicht der égalité gedient, sondern elitäre Privatinstitute sprießen lassen, wie zuletzt Univ.-Prof. Dr. Peter Brenner beim 55. Internationalen Bodenseetreffen eindrucksvoll beschrieben hat.

Bildung ist auf Wissen angewiesen, auch auf das politischer VerantwortungsträgerInnen, denen es oft noch am Verstehen fehlt. „Wissen hat immer mit Verstehen zu tun. Es ist nach wie vor eine zentrale Aufgabe von Schule, Wissen in diesem Sinn zu vermitteln.“ (5) Dieser Aufgabe werden wir uns, Liessmanns Worten folgend, weiterhin widmen. Denn wir müssen Österreichs Politik davon abhalten, Maßnahmen zu setzen, deren Konsequenzen sie (hoffentlich) nicht will.

(1) Sandra Kegel, Wie die Tigermutter ihre Kinder zum Siegen drillt. In: FAZ online vom 22. Jänner 2011.

(2) Anne Schneppen, Koreas einsame Gänseväter. In: FAZ online vom 27. Jänner 2007.

(3) Jeanne Kim, Chinese parents are literally giving their own blood for their children’s test scores. In: Quartz online vom 27. September 2014.

(4) a.a.O.

(5) Bernadette Bayrhammer, Liessmann: „Permanente Reformiererei ist irritirend [sic!]“. In: Presse online vom 28. September 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

5 Antworten zu “Gerhard Riegler: Blutsverwandtschaft

  1. Erich Wallner

    „The lady doth protest too much, methinks.” (Hamlet)

    So knapp vor den Personalvertretungswahlen könnte man sich als Gewerkschafter allen möglichen Themen widmen, z.B. dem Umstand, dass ein durchschnittlicher österreichischer AHS-Lehrer im Jahr via unbezahlte Supplierstunden ca. 2 Wochen gratis arbeiten muss – allerdings geht es dabei ja nur um nebbiche 20.000 Personen, und das bloß in Österreich.
    Da macht es schon mehr her, wenn man seinem interkontinentalen geistigen Horizont die Zügel schießen lässt und einen kühnen Bogen schlägt von ausgebluteten chinesischen Eltern zur Gesamtschule in Österreich: „Doch Österreichs GesamtschulproponentInnen wollen noch immer nicht wahrhaben, dass staatliche Einheitsschulen bei uns die Gründung sündteurer Privatinstitute zur Folge hätten. Der Blick nach China und der nicht nur dort immer enger werdende Flaschenhals zu Universitäten und Fachhochschulen sollten sie zum Nachdenken anregen.“ Zwar wird nicht näher ausgeführt, was finanziell unterdotierte Universitäten mit Gesamtschulen 10-14-Jähriger zu tun haben (immerhin gibt es bei uns in Österreich schon seit längerem Aufnahmsprüfungen für manche Studienzweige, ohne dass wir eine Gesamtschule hätten), aber das gespenstische Bild anämischer Eltern deckt eine solche Ungereimtheit zu.

    Das permanente Beschwören des Schreckgespenstes Privatschule seitens der ÖPU erinnert mich als Englischlehrer, der ich selber an einer solchen unterrichte, an das o.a. Shakespeare-Zitat. Wenn ausgerechnet eine bürgerlich orientierte Gewerkschaftsfraktion (E. Quin trat in NÖ für die ÖVP bei den letzten Landtagswahlen an) die SPÖ links überholen will, dann wirkt das verkrampft – überhaupt, wenn die Position zur égalité so zwiespältig ist wie die der ÖPU: geht es gegen Privatschulen, dann ist man FÜR mehr égalité, geht es gegen die Gesamtschule, dann ist man GEGEN mehr égalité.

  2. Lieber Kollege Wallner,

    ich glaube es Ihnen nicht, dass Sie nicht zwischen
    – Privatinstitutionen internationalen Formats, vor denen wir warnen – Schulen, deren Schulgeld über dem mittleren Einkommen von ArbeitnehmerInnen liegt, die somit sozial diskriminieren, einem Geldadel dienen und ihn perpetuieren -, und
    + Privatschulen österreichischen Zuschnitts, für die man weniger Schulgeld bezahlt, als ein Raucher für seine Zigaretten ausgibt,
    unterscheiden können.

    Österreichs Privatschulen leisten einen höchst wertvollen Beitrag zum Erfolg des österreichischen Schulwesens, eigene Schulen für den Geldadel, wie es sie in Frankreich und England etc. gibt und selbstverständlich auch bei uns geben wird, wenn sich die Gesamtschullobby durchsetzt, lehne ich ab. Das hat aus meiner Sicht nichts mit links, sondern mit sozialem Denken zu tun, zu dem mich meine christlich-soziale und andere ihre sozialdemokratische Überzeugung bringt.

    • Erich Wallner

      Ad: „Privatschulen österreichischen Zuschnitts, für die man weniger Schulgeld bezahlt, als ein Raucher für seine Zigaretten ausgibt“:

      Die erste Privatschule, auf deren Homepage ich bei der Suche nach der Höhe von Schulgeldern gestoßen bin, ist die Rudolf Steiner Schule Pötzleinsdorf (= Waldorfschule mit Öffentlichkeitsrecht). Dort wird ein Monatsbeitrag von € 429,42 für das letzte Schuljahr angegeben.
      Die freie Waldorfschule Salzburg kostet, wenn ich das richtig verstanden habe, zwischen 195 und fast 585 Euro im Monat (sozial gestaffelt). Die € 195 zahlt man bei einem Familieneinkommen von € 1.400 netto. Ab einem Familieneinkommen von € 4.900 netto wird der Höchstbetrag fällig. Dazu kommen noch Sachleistungen in Form von ehrenamtlicher Mitarbeit.
      Die Waldorfschule Klagenfurt verlangt € 360 für das erste Kind.

      Ich habe den Eindruck, da kommt schon einiges an Zigaretten zusammen …

      Und jetzt bitte nicht sagen, die Waldorfschulen sind eh nur ein Minderheitenprogramm und daher für diese Diskussion nicht relevant: Der „Geldadel“, dem Kollege Riegler keine eigenen Schulen vergönnt, ist auch nur eine Minderheit in jeder Gesellschaft.

  3. Lieber Kollege Wallner,

    zur Klärung der Dimensionen:
    Die 10 OECD-Staaten, in denen die SchülerInnen bzw. ihre Eltern den höchsten Anteil der Kosten für das Schulwesen zu bezahlen haben (Stand 2012):
    Chile: 20,8 %
    Südkorea: 17,8 %
    Mexiko: 17,3 %
    Australien: 13,8 %
    Türkei: 13,2 %
    Neuseeland: 11,2 %
    Großbritannien: 11,2 %
    Slowakische Republik: 9,8 %
    Spanien: 8,9 %
    USA: 8,4 %

    Zum Vergleich:
    Österreich: 2,8 %
    OECD (Hrsg.), „Education at a Glance 2014: OECD Indicators“ (2014), Table B3.1.

    Es eint uns, wie mir scheint, das Anliegen, dass Österreich auch in Zukunft in dieser Tabelle unter ferner liefen aufscheint.

    • Erich Wallner

      Vorneweg: Ich schätze Kollege Rieglers Arbeit, die er sich schon seit Jahren antut, indem er schulbezogene Studien und Statistiken studiert, auswertet und seine dabei gewonnen Erkenntnisse publiziert.
      In unserer laufenden Diskussion ist die Tabelle über den Kostenanteil der Eltern am Schulwesen jedoch fehl am Platz: Selbst in Koll. Rieglers worst-case Szenario (Gesamtschule + „sündteure Privatinstitute“) würde ja die zusätzliche Belastung der Eltern eh nur den „Geldadel“ (Zitat Riegler vom 2.11.) betreffen – und da trifft’s keine Armen, um die man sich sorgen müsste.

      Die ÖPU warnt vor einer (zukünftigen!) Situation, wo sich Minderverdiener die (aus deren Sicht) beste Schule für ihre Kinder nicht leisten können. Wie ich nun am 2. November geschrieben habe, beträgt das Schulgeld für Montessori-Privatschulen irgendwo zwischen 200 und fast 600 Euro monatlich.
      Würden mehr Mercedes auf der Straße fahren, wenn sie nur halb so teuer wären? Ich glaube ja. Würden mehr Eltern ihre Kinder in Montessori-Schulen schicken, wenn diese nicht so teuer wären? Ich glaube ja. Das ist elementare Marktwirtschaft.
      Am 1.11. habe ich vom „permanenten Beschwören des Schreckgespenstes Privatschule“ seitens der ÖPU geschrieben. Wenn es der ÖPU ernst wäre mit ihrem (vorgeblichen) Anliegen, sozialer Diskriminierung im Schulwesen vorzubeugen, dann müsste sie logischerweise als erstes verlangen, dass ALLEN Privatschulen mit Öffentlichkeitsrecht die Personalkosten vom Staat ersetzt werden – so wie das bei sämtlichen katholischen Privatschulen der Fall ist. Denn dann würden auch z.B. in Montessori-Schulen die Schulgebühren auf das Niveau katholischer Privatschulen sinken und damit für alle leistbar werden. Nur – von einer solchen Forderung der ÖPU habe ich noch nie etwas gehört.
      Die ÖPU malt ein zukünftiges Szenario sozialer Diskriminierung und verschließt die Augen vor der Gegenwart, in der es Eltern gibt, die ihr Kind aus finanziellen Gründen nicht auf die (aus ihrer Sicht) beste Schule (= Montessori-Schule o.ä.) schicken können. Diese kognitive Dissonanz macht die Warnungen der ÖPU vor „sündteuren Privatinstituten“ unglaubwürdig. Und wieso man sich Sorgen machen soll um den Geldadel – das ist auch nicht einsichtig (für alle anderen Bürger erwachsen ja im Szenario „Gesamtschule + sündteure Privatinstitute“ sowieso keine Mehrkosten).

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