Eine Parodie auf die Idee

Am 20. Jänner 2013 stimmten die Österreicher (1) mit 59,7 % für die Beibehaltung der allgemeinen Wehrpflicht. Nicht nur die Parteien, die für die Wehrpflicht warben, sondern auch die Gegner wie die SPÖ oder die Grünen betonten, das Ergebnis sei zu akzeptieren. Reformen wurden angekündigt, um das Heer attraktiver zu machen.

Die Unterrichtsministerinnen werden nicht müde zu betonen, wie wichtig ganzheitliche Bildung sei, zu der selbstverständlich auch künstlerische Fächer gehörten. „Kreativität als Schlüssel zu Innovation“ lautete etwa der Titel einer Presseaussendung des Unterrichtsressorts mit dem Untertitel: „75 % der Bevölkerung halten kulturelle Bildung für sehr wichtig“. (2)

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Und die Realität? Das österreichische Bundesheer wird zu Tode reformiert und finanziell ausgehungert. Man könnte es ja fast als Glück im Unglück bezeichnen, dass die Eurofighter technische Mängel aufweisen. Denn den Betrieb kann man sich ohnehin nur noch sehr eingeschränkt leisten. Selbst für die Kraftfahrzeuge fehlt der Treibstoff.

Im Bildungssystem wird die Bedeutung von Literatur marginalisiert. „Erst hat man aufgehört, in der Schule Gedichte zu lernen. Dann hat man begonnen, der Klassik zu misstrauen. Dann hat die Literatur überhaupt an Bedeutung verloren. […] Smart, trendig, PISA-tauglich, ein flacher Modernismus: Das ist alles, was die versagende Bildungspolitik zusammenbringt“, meint der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz. (3)

Die Zentralmatura trägt ihren Teil zu diesem Bildungsabbau bei. „Dass literarische Texte offenbar nur mehr als Anlassfall für modische Themenstellungen benutzt werden, dass es als fortschrittlich gilt, dazu drittklassige Autoren und sprachlich wenig anspruchsvolle Reportagen zu verwenden, dass niemand einen Gedanken daran verschwendet, was es bedeutet, wenn für die Reifeprüfung aus dem Fach Deutsch die grundlegenden Kenntnisse der deutschsprachigen Literatur als entbehrlich, ja hinderlich gelten, zeugt von einem Willen zur Unbildung, der nur abenteuerlich genannt werden kann“, schreibt Konrad Paul Liessmann. (4)

Das nächste Opfer dessen, was sich in Österreich „Bildungspolitik“ nennt, ist die Musik. „Die Regierung der Kulturnation Österreich schickt sich an, ab 2015 die Ausbildung der Lehrer zu optimieren. Im Fall der Musikpädagogik geschieht dies mit der Effizienz einer Straßenwalze, flächendeckend durch sämtliche Altersgruppen und mit schwer zu übertreffender Nachhaltigkeit“, wie im neuesten „News“ zu lesen ist. (5) Der ressourcenintensive Musikunterricht in der Volksschullehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen wird aus Geldmangel massiv gekürzt, bei musikalischen Wettbewerben wird ein Kahlschlag durchgeführt, und auch im Verteidigungsressort will man fünf Militärmusiken auflassen. Militärisch mögen sie von geringem Wert sein, doch sind sie bedeutende Ausbildungsstätten für Blasmusiker. Die rund 2.200 Blasmusikkapellen Österreichs gehören zu den wichtigsten Vereinen, die Jugendarbeit leisten – ganz zu schweigen von den rund 35.000 jährlichen Auftritten und den rund 53 Millionen Euro, die diese Vereine jährlich investieren. Das Bundesheer erspart sich 3,5 Millionen … (6)

Ich habe die Nase voll von Politikern, die nicht verstehen, dass Lippenbekenntnisse nicht genügen. Ich erwarte mir von Verantwortungsträgern, dass sie Goethe Lügen strafen, der meinte: „Erfahrung ist immer eine Parodie auf die Idee.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Presseaussendung des BMUKK vom 6. Dezember 2007.

(3) Zit. n. Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky und Dagmar Kaindl, Du meine Goethe! Österreichs Schulen schaffen die Literatur ab. In: News, Nr. 38/2014, S. 20.

(4) Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift (Wien 2014), S. 90.

(5) Susanne Zobl, Heinz Sichrovsky, Schaffen unsere Schulen jetzt den Musikunterricht ab? In: News Nr. 43/2014, S. 18.

(6) Siehe den offenen Brief des österreichischen Blasmusikverbandes an die Bundesregierung vom Oktober 2014.

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12 Kommentare

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12 Antworten zu “Eine Parodie auf die Idee

  1. Es gibt in Wien keinen Fachinspektor mehr für Bildnerische Erziehung!

  2. Erich Wallner

    Gespart wird auch sonst im Schulbereich:

    Im vergangenen Schuljahr hielt ich 55 Supplierstunden, davon waren 13 bezahlt. Da die Englisch-Lehrverpflichtung an AHS 18 Wochenstunden beträgt, heißt das umgerechnet, dass ich mehr als 2 Wochen gratis gearbeitet habe.
    Ich erspare mir einen Kommentar dazu, wer für die Abrechnungs-Modalitäten der Supplierstunden verantwortlich ist, weil ich davon ausgehe, dass das in diesem Forum bekannt ist.

  3. Wolf-Dieter Sterkl

    Danke für diese Aussendung!
    Typisch für den einäugigen Kulturjournalisten Sichrovsky ist der News-Titel „Schulen schaffen den Musik-U ab“, als ob die Ministerin völlig unschuldig daran wäre.

    • christian sitte

      Als jemand der in seiner Biographie ein Musikinstrument gelernt zu haben (Klarinette)…die pädagogische Wirkung „des Übens“ bis heute dankbar verinnerlicht hat… dazu von Musiklehrern in der eigenen Schulzeit über Guldas „Play-Bach“ u.a.m glücklicherweise „infiziert“, ferner auch seit fast drei Jahrzehnten in einer Gemeinde „am Land“ die Funktion der Musikkapelle erlebe…
      gemeinsam mit meinem historischen Bewußtsein der österr. Kultur auf diesem Gebiet –
      vgl.
      http://diepresse.com/home/zeitgeschichte/4195165/Siegen-mit-der-Klarinett-statt-mit-dem-Bajonett? –
      finde ich, kann man über die „zentral gesteuerte“ Kulturdemontage auf allen Linien nicht oft genug protestieren!

      Jedoch sollte man den Politikern der zentrale „Einsparstellen“ auch sagen, dass Österreich nicht nur die Verhältnisse in Wien sind, dass „am Land“ viel in kleinen, autonomen Zirkeln an Kultur besteht und auch bestehen bleibt, lebt – trotz der Kulturdemontage aufgrund falscher Einsparwut.

      Aber offenbar auch hier ein Zeichen: „Bildung“ wird in Österreich immer mehr „privatisiert“ – wenn sie über einen immer dünner werdenden „Bildungseintopf“ hinaus gehen soll…
      Dagegen sollten wir ebenso immer wieder protestieren !

      • Walter

        was brauchen die Schüler die Bundeshymne lernen wenn sie diese nicht mehr singen lernen?
        Wir haben bis zu 5 Wochenstunden Mate bei bis zu 1 Stunde Körpererziehung. Die versprochene tägl. Turnstunde der beste Witz der letzten Jahre.

  4. Leider kann ich nicht einmal in einem einzigen Punkt widersprechen. Aber ich sage danke für das Goethe-Zitat. Das kannte ich interessanterweise noch nicht. Wo kommt dasvor?

    Antwort Quin: Ich kenne die genaue Quelle nicht, sondern habe das Zitat in einem Artikel des Schriftstellers und Publizisten Peter Bichsel aus dem Jahr 2013 gelesen, der den Title „Die Parodie auf die Idee“ trägt.

  5. Hans

    Das ist wohl unglaublich was hier abgeht. Eine Bankrotterklärung der Bildungspolitik!!!!! Und wohin das führt können wir uns denken. Kahlschlag bei Kreativität und Innovation. Das ist auch ein Desaster für die Wirtschaft, denn woher die nehmen, die durch Innovation unser Land nach vorne bringen????

  6. Gast

    Und dass unserem Herrn Bundeskanzler, angesprochen auf die Verfehlung des Maastricht-Einsparungsziels, nichts anderes einfällt, als sich in abfälligster Art über die angebliche Standpunktlosigkeit von Vorzugsschülern zu äußern, geht völlig unwidersprochen durch. Wie springen wir eigentlich mit den Strebsamsten in unserer Gesellschaft um? Welche alten Ressentiments eines Bildungsverlierers kamen da zum Vorschein?

  7. Hat dies auf Richard J. Palfalvi rebloggt und kommentierte:
    Es ist schon spannend zu sehen(mittlerweile von außerhalb des Bildungssystems) und sehr bedenklich zugleich, wohin unser Bildungssystem „driftet“ und mit welcher Hartnäckigkeit unsere BildungspolitikerInnen und -expertInnen Bildung für die Statistiken und internationale Vergleichstest in reine Ausbildung (um jeden Preis?!) degradieren…

  8. Pingback: Eine Parodie auf die Idee | Christgewerkschaft im Bundesheer

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