Gerhard Riegler: Schöne neue Bildungswelt

An Juvenals „difficile est saturam non scribere“ erinnerte mich ein Kommentar Rudolf Öllers mit dem vielsagenden Titel „Die Bildungsbegrenzungsverordnung“. Er zeichnet ein völlig verrücktes Szenario, was aber nicht heißen soll, dass es völlig realitätsfern ist.

Dark abstract concrete interior. Man stands in the light of opening.

Die „Bildungsstaatsanwaltschaft“ verfolgt in dieser düsteren Vision Vergehen wie das illegale Betrachten von naturwissenschaftlichen Dokumentationen und Verbrechen wie das illegale Unterrichten der Infinitesimalrechnung.

Manch‘ LeserIn wird Öllers Zukunftsszenario für maßlos übertrieben halten, vielleicht auch als Panikmache zur Seite schieben wollen. Das taten wohl auch viele, als sie dereinst Orwells Roman „1984“ gelesen hatten. Mittlerweile sind Orwells düstere Prognosen nicht nur dank NSA in manchen Bereichen von der Realität übertroffen worden.

Zurück zur „Bildungsbegrenzungsverordnung“: Ziel „fortschrittlicher“ Bildungspolitik ist es, Chancengleichheit in erster Linie durch „Chancenbegrenzung“ zu erreichen. Kinder sollen möglichst früh und möglichst lang dem Einfluss ihrer Eltern entzogen werden. Die schöne neue „hausübungsfreie“ Welt wird gelebt. Eltern sollen in ihrer „Freizeit“ gemeinsam mit ihren Kindern der Spaß- und Konsumgesellschaft huldigen: vom Freizeitpark in den Shoppingtempel und abends ab vor das Pay-TV-Gerät. Das kurbelt den Konsum an und belebt die Wirtschaft.

Eltern, die mit ihren Kindern das Einmaleins üben oder gar Vokabel wiederholen, wird von der „ExpertInnen“-Propaganda das schlechte Gewissen vermittelt, sie seien schuld, wenn sich MitschülerInnen aus bildungsferneren Familien schlecht fühlen. „Gute“ Eltern wünschen sich Kinder, die ganztagsschulbetreut um 18:00 Uhr lächelnd und hausübungsfrei im trauten Heim erscheinen, um sich schulstressfrei der Nutella-Familienidylle hingeben zu können.

Dass weder die Ganztagsschule noch die Gesamtschule – Österreichs „BildungsexpertInnen“ verwechseln die Begriffe aus Einfalt oder Absicht noch immer – mehrheitsfähig sind, kümmert eine „fortschrittliche“ Bildungspolitik wenig. Wer Widerstand leistet, wird zwangsbeglückt. Völlig verrückt, aber leider gar nicht realitätsfern!

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Schöne neue Bildungswelt

  1. Öller und Riegler beschreiben mit ihren Kommentaren vermutlich treffend Bildungsziele selbsternannter Experten, die als „Bildungsflüsterer“ nicht nur in der Medienwelt sondern auch in PolitikerInnenkreisen gerne auftreten …

  2. Blumig, wie immer. Paranoid wirken die Ausführung allerdings wirklich – zumal von Verboten überhaupt nirgends die Rede ist. Ganztägige Schulformen hindern Eltern ja überhaupt nicht daran, ihre Kinder in der Freizeit mit Vokabel-Prüfungen zu beglücken. Nur bleibt eben etwas weniger Zeit dafür.
    Um Kinder dem Einfluss der Eltern zu entziehen, müssten wir uns schon noch etwas mehr anstrengen. Und mal im Ernst: fallen Ihnen wirklich keine Betätigungsfelder für Familien ein, die weder mit Schuldrill, noch mit hirnlosem Konsum, noch mit Nutella etwas zu tun haben? Mir schon – da muss ich noch nicht einmal lange überlegen.

    1. Für linke Köpfe natürlich unvorstellbar, dass Bildung Freude bereitet.
      Schadenfreudige Formulierungen wie „Nur bleibt eben etwas weniger Zeit dafür.“ sind allerdings gespenstisch und inaktzeptable Bevormundung – eigentlich faschistoid.
      Aber was will man Menschen erklären, die nicht einmal zwischen Ausbildung und Bildung unterscheiden können, die keinen Wert im mühsamen Erarbeiten erkennen können.

  3. Ich stelle mir – natürlich weit überzogen – die zukünftigen Bildungsabschlüsse in etwa so vor. Z.B.
    Matura aus Mathematik 2040:
    1) Wie hieß der Mathematiker Rudolf Taschner mit Vornamen?
    a) Heinz b) Ludwig c) Rudolf d) Taschner

    2) Der Tischler Kemal schneidet ein 2m Brett in der Mitte durch. Er erhält
    dadurch drei Stücke zu je 50 cm.
    a) Was fällt dir an der Lösung auf? Diskutiere darüber mit deinem iPad!
    b) Lade dir die App „Tischler“ vom Store herunter und virtualisiere.
    Versuche zu erkennen, was Kemal falsch gemacht hat!
    c) Sollte dir nichts einfallen, schließe dich der What`s-right-Gruppe
    Apiduhr-2040 an und lade die richtige Lösung auf dein iPad!

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