Geisterstunde

Manchmal stelle ich mir die Frage, warum das Sprechen mit vollem Mund gesellschaftlich verpönt, zerebrale Diarrhoe, also das Sprechen mit leerem Kopf, hingegen gesellschaftlich akzeptiert zu sein scheint und oftmals noch mit Applaus belohnt wird. Umso erfreulicher war es, am Mittwochabend Konrad Paul Liessmann im „Science Talk“ mit Barbara Stöckl zu erleben. Es zahlt sich wirklich aus, diese halbe Stunde „nachzusehen“. (1)

Illustration composition for Halloween background card or party invitation.

Liessmann warnt davor, „den Bildungsbegriff so mit Hoffnungen zu überladen, dass man immer nur scheitern kann, wenn Bildung alles das leisten soll, was in der Gesellschaft sonst nicht funktioniert. Die Gerechtigkeit funktioniert nicht, aber im Schulsystem soll sie funktionieren. Der soziale Ausgleich funktioniert nicht, aber im Schulsystem soll er funktionieren. Alle Defizite individueller, kollektiver, sozialer, psychischer Natur, die sonst nirgendwo gemanagt werden können, sollen in der Schule ausgeglichen werden.“ (2)

Den Lehrberuf bezeichnet Liessmann als einen „der schwierigsten Berufe“, „denn auf der einen Seite soll der Lehrer natürlich ein bestimmtes Wissen vermitteln. Er muss das nicht nur vermitteln, sondern er muss dafür auch begeistern können, enthusiasmieren können. Er muss glaubhaft etwas zu sagen haben. Und auf der anderen Seite ist der Lehrberuf zunehmend natürlich auch ein sozialer Beruf geworden. Es geht darum, soziale Konflikte zu bewältigen, zu managen. Es geht darum, mit Kindern unterschiedlichster Herkunft, unterschiedlichster Situationsgebundenheit angemessen umgehen zu können. Das erfordert zweifellos auch viel soziale Kompetenz, viel Sensitivität, viel Fingerspitzengefühl. Und das Dritte, was den Lehrberuf natürlich ganz, ganz schwer macht, ist, dass unendlich viele, zum Teil einander widersprechende Anforderungen gestellt werden. Der Lehrer, der moderne Lehrer, soll den Unterricht individualisieren, aber […] am Ende sollen alle gleich sein, aber jeden soll er sozusagen so behandeln, als wäre er ganz ein einzigartiges Individuum. Und das geht natürlich an der Realität, an den Möglichkeiten der Realität weit vorbei.

Und manche „Bildungsexperten“ schätzt der Philosoph ebenso wie wir LehrerInnen: „Es gibt natürlich viele, die als Bildungsexperten tituliert werden, sich als Bildungsexperten auch titulieren lassen, die sich also zu Bildungsfragen zu Wort melden, ohne dass sie in der Tat mit dem Bildungssystem wirklich unmittelbar zu tun haben müssen – ehemalige Finanzminister zum Beispiel.“ Und er stellt bedauernd fest: „Es ist schon interessant, dass niemand diejenigen als Bildungsexperten bezeichnet, die tatsächlich Tag für Tag mit diesen Bildungsprozessen zu tun haben, nämlich die Lehrer. Meines Erachtens wären das eigentlich die Experten, denn sie kennen zumindest die Probleme, wenn sie sie auch nicht immer lösen können.

Ich freue mich schon auf das neue Buch des Philosophen und Universitätslehrers Konrad Paul Liessmann „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung“, das Ende September erscheinen wird. Liessmann ist nämlich, wie er selbst ausdrücklich betont, wirklich kein „Bildungsexperte“.

(1) Derzeit jedenfalls nachzusehen hier.

(2) Ich verweise dazu auch auf meinen Kommentar „Schule als moralische Müllhalde“ vom 30. August 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Geisterstunde

  1. Sehr treffende Argumentation und Situationsanalyse!
    Bin selbst nur mehr als 2 Jahrzehnte als Lehrer in AHS+BMHS+Lehrerfortbildung unterwegs und komme als Nicht-Bildungsexperte zu ähnlichen Schlussfolgerungen… 🙂
    LG aus dem Ländle

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