Gerhard Riegler: Getrimmt und durch den „Gaokao“ gezogen

Im Sozialismus machte das Sinn.“ So beurteilt der kanadisch-chinesische Bildungsexperte Jiang Xueqin das chinesische Bildungssystem. (1) Standard-Antworten auf Standard-Fragen für Standard-Menschen – Mao lässt grüßen. Doch PISA & Co stellen den teilnehmenden chinesischen Provinzen hervorragende Zeugnisse aus. Denn deren Schüler (2) schneiden bei diesen Tests stets weit besser ab als die Europas.

Schoolboy in front of blackboard holding head

Für Yang Dongping vom Pekinger Institut für Technologie sind PISA-Triumphe Pyrrhussiege, die aus den landesüblichen Testformaten und Unterrichtsmethoden resultieren, deren „krönender“ Abschluss die gefürchtete Gaokao-Prüfung ist: „Alle Tests haben Standard-Antworten. Lehrer und Eltern achten darauf, dass die Schüler diese Antworten lernen, sie werden nicht ermutigt zu hinterfragen, kritisch zu sein, etwas Neues zu entdecken. Daher gibt es keine Innovation bei uns. Seit der Gründung der Volksrepublik vor 60 Jahren haben wir keine Wissenschaftler von Weltrang hervorgebracht. Das ist schlichtweg die Realität.“ (3)

Weltweit beugen sich Bildungsverantwortliche devot dem PISA-Diktat. Heiß begehrt ist der PISA-Erfolg, gefürchtet ein Abrutschen im PISA-Ranking um einige Plätze. Denn welcher Bildungsminister kann es sich leisten, von den Medien durch den Kakao gezogen zu werden? Während weltweit „Teaching-to-the-test“ deshalb zur Standardmethode erhoben wird, regt sich im kommunistischen China erster Widerstand. Von Verwegenen wird laut über Reformen nachgedacht, die quasi eine Unkultur-Revolution darstellten.

Fang Ping, Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Beijing Normal University, bringt es auf den Punkt: „Ich denke, die Bildung spielt eine ganz wichtige Rolle bei der Kultivierung der Kreativität und als Motivation für die weitere Entwicklung. Die Verantwortlichen haben das mittlerweile erkannt und räumen Bildungsreformen einen hohen Stellenwert ein.“ (4)

In Staaten, die PISA in Serie gewinnen, wird also das Schulsystem, das sie zu PISA-Seriensiegern macht, als höchst reformbedürftig empfunden, weil es zwar exzellente Vollzieher im mechanistischen Sinn hervorbringt, die Kreativität junger Menschen aber erstickt.

Ist es nicht eine bittere Ironie der Schulgeschichte, dass die OECD weltweit Bildungsminister am Gängelband durch die Arena führt – mit einer Studie, die von Staaten „gewonnen“ wird, deren Verständnis von Schule „im Sozialismus Sinn machte“, aber für eine freie Gesellschaftsordnung als untauglich erlebt wird? Fehlt es der OECD-Bildungsabteilung diesbezüglich an Problembewusstsein oder an Problemlösungskompetenz? Oder sind Menschen, die parieren und normgerecht funktionieren, gar das Bildungsideal der OECD und ihrer Hintermänner?

(1) Zit. n. Ruth Kirchner, Gaokao. Schulische Kreativität bleibt auf der Strecke. In: Deutschlandfunk vom 9. Juni 2014.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) a.a.O.

(4) a.a.O.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Getrimmt und durch den „Gaokao“ gezogen

  1. Ich kann hier natürlich nur für Englisch und Chemie sprechen, aber ich denke, dass wir mit der neuen Matura hier zumindest einen Anfang gemacht haben. Weg von dem in meiner Schulzeit noch üblichen Auswendiglernen von „Standard-Antworten auf Standard-Fragen für Standard-Menschen“ hin zu einem intelligenteren, individuelleren Umgang mit Inhalten. Es geht endlich weniger oft darum genau das zu sagen, was der Lehrer gesagt hat (am besten noch in genau den gleichen Worten), sondern mit dem eigenen Wissen und Verständnis sinnvoll agieren zu können.

    Das die Umsetzung nicht immer ideal ist und da noch viele Probleme am Weg liegen, ist klar. Aber ich denke die Richtung stimmt.

  2. Erich Wallner

    Manchen Leuten dürfte es nicht aufgefallen sein, dass im letzten PISA-Test das Land China gar nicht vorkam – stattdessen war Schanghai angeführt.
    Auf die Schnelle habe ich einen Artikel gefunden, der diese Diskrepanz beleuchtet. Man findet ihn, wenn man googelt: „This December, the latest scores will be released“

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