Die Ökonomisierung der Bildung

Durch nichts zeigt sich mathematischer Unverstand deutlicher als durch ein Übermaß an Genauigkeit im Zahlenrechnen“, schrieb der große Mathematiker Carl Friedrich Gauß. Daran musste ich denken, als ich die auf tausendstel (!) Prozent genau festgesetzten Notengrenzen bei der Zentralmatura sah. Aber hinter diesem Messbarkeitswahn verbirgt sich nicht nur „mathematischer Unverstand“, er ist ebenso Ausdruck einer für das Bildungswesen fatalen Entwicklung, die nun auch von renommierten WissenschaftlerInnen in einem offenen Brief an Andreas Schleicher, den „PISA-Mann“ der OECD, massiv kritisiert wird.

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Da PISA nur einen engen Ausschnitt messbarer Aspekte von Bildung betont, lenken die Tests die Aufmerksamkeit von den weniger messbaren oder nicht messbaren Bildungs- und Erziehungszielen wie z.B. der körperlichen, moralischen, staatsbürgerlichen und künstlerischen Entwicklung ab. Dadurch wird die öffentliche Vorstellung von dem, was Bildung ist und sein soll, in gefährlicher Weise verengt.

Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung ist die OECD naturgemäß auf die ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen fokussiert. Aber die Vorbereitung auf einträgliche Arbeit kann nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptziel öffentlicher Bildung und Erziehung sein. Unser Schulwesen muss Schülerinnen und Schüler auch auf die Mitwirkung an der demokratischen Selbstbestimmung, auf moralisches Handeln und auf ein Leben in persönlicher Entwicklung, Reifung und Wohlbefinden vorbereiten. […]

Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist die OECD „Public Private Partnerships“ und Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten – realen oder vermeintlichen – Bildungsdefizit Profit zu schlagen. […]

Kostentransparenz: Die direkten und indirekten Kosten der Durchführung von PISA sollten veröffentlicht werden, so dass die Steuerzahler der Mitgliedstaaten alternative Verwendungen der Millionenausgaben für diese Tests erwägen und bestimmen können, ob sie weiterhin an diesen Tests teilnehmen wollen.

Unabhängige Aufsicht und Überwachung: Unabhängige internationale Beobachterteams sollten die Durchführung von PISA von der Konzeption bis zur Umsetzung überwachen, so dass häufig geäußerte Kritik bezüglich Testformat, Statistik­ und Auswertungsmethoden angemessen diskutiert werden kann und Vorwürfe von Einseitigkeit und unfairen Vergleichen geprüft werden können.

Rechenschaftslegung und Interessenkonflikte: Es sollte detailliert Rechenschaft über die Rolle privater, profitorientierter Unternehmen in der Vorbereitung, Ausführung und Nachfolge von PISA abgelegt werden, um scheinbare oder tatsächliche Interessenkonflikte zu vermeiden.“ (1)

Alle können sich mit ihrer Unterschrift dieser Kritik anschließen (einfach hier klicken). Ich habe es bereits getan.

P.S.: Viele der kritisierten Punkte erinnern mich sehr an die Probleme bei der Zentralmatura.

(1) Offener Brief an Andreas Schleicher vom 4. Mai 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Die Ökonomisierung der Bildung

  1. Lieber Herr Mag. Quin!
    Als AHS Geschichte Lehrer hier in Saalfelden kann ich Ihnen nur zustimmen und sie bitten weiterhin alles für Sie mögliche zu tun diesen Fehlentwicklungen entgegenzusteuern. Die zunehmend befohlene Standardisierung und „Gleichschaltung“ (das Wort verwende ich bewußt) trägt mehr und mehr faschistische Züge. Die Wirtschaft und Politik wollen den Einheitslehrer und Schüler, damit möglichst entmündigte Untertanen „produziert“ werden, die dann später willige, unkritische Arbeiter und Angestellte abgeben. Ich finde nur traurig, dass leider soviel Kollegen und Direktoren um ihrer eigenen Friedens Willen alles mittragen. Wir müssen uns wehren, sonst machen wir uns schuldig an der zukünftigen Bildungsarbeit der nächsten Generationen. Ich möchte nicht sagen müssen, „ich habe ja nur meine Pflicht getan“ (polemisch), wenn uns ein System gewachsen ist, dass uns alle mehr und mehr entmenschlicht und zu entmündigten Staatsbürgen macht.
    Liebe Grüße Mag. Armin Dutzler

  2. Was passiert, wenn sich LehrerInnen/Teams entschlossen haben, die vom Bifie für die heurigen Englisch-Klausuren festgesetzten Notenschwellen (63 statt 60% für ein Genügend) kollektiv zu ignorieren? Wie reagieren Vorsitzende darauf? Verkommt die standardisierte Reifeprüfung nicht zur Farce, noch bevor sie überhaupt flächendeckend eingeführt wird. Wem/Was können MaturantInnen noch trauen? Entscheidet in einer für sie sensiblen Phase mit viel Stress die Entfernung von Wien, der Frust über das Bifie, Aufmüpfigkeit, ein Akt des zivilen Ungehorsams, sich über die viel kritisierten Vorgaben des nicht weisungsgebundenen Bifie hinwegzusetzen, über so manche Note? Welches Bild von Rechtssicherheit vermittelt eine solche Vorgangsweise jungen StaatsbürgerInnen? Wie erklären all jene, die die Vorgaben des Bifie nolens volens umgesetzt haben, jetzt ihren SchülerInnen, dass 62% eben doch nicht gereicht haben, oder 71,5% kein Befriedigend sind? Liefert dieser Umstand die nächste Schlagzeile für die Medien – als weiterer Beleg für die mangelnde Professionalität bei der Durchführung der Reifeprüfung? Oder deckt der Skandal um die Deutschmatura alle weiteren Unzulänglichkeiten für den Augenblick zu?
    Wann stehen wir LehrerInnen auf und sagen – so wie die Ministerin, dass wir die Nase voll haben? Von Expertensprech, von unsinnigen Vorgaben und Vorschriften für die Lösungen und von einer Beurteilungskala, bei der sich die Deskriptoren oft nur marginal unterscheiden? Gaukeln wir da nicht nur eine Scheinobjektivität vor, indemwir vermessen, was nur schwierig zu vermessen ist?
    Vielleicht sollten die ExpertInnen des Bifie (waren es 15?) zuerst diese Fragen diskutieren, bevor sie akribisch und mit wissenschaftlich abgesicherten Methoden den Schwierigkeitsgrad der nächsten SRP austüfteln und auf Tausendstel genau vermessen.

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