Sokrates oder Murphy?

„Sokrates“ ist der Name einer webbasierten Schülerverwaltungssoftware, die derzeit an allen Bundesschulen eingeführt wird und mit der bereits im laufenden Schuljahr alle LehrerInnen werden arbeiten müssen. Sie wirbt mit dem Satz: „Und das Chaos hat keine Chance in der Schule!“ Je nach Persönlichkeitsstruktur wird dieser Slogan den einen zum Lachen, den anderen zum Weinen bringen.

Murphy's law concept- many uses in the safety industry.

Die Rückmeldungen, die ich in den letzten Wochen erhalten habe, kurz gefasst:

  • Die Einschulungen sind teilweise unbrauchbar (schlechte und/oder überforderte Vortragende, kein Webzugriff auf Dateien möglich, mit denen gearbeitet werden sollte, etc.).
  • Im Zuge der Ausbildung von AdministratorInnen wurde von einem Teilnehmer (Informatiklehrer einer HAK) innerhalb kürzester Zeit vor laufendem Publikum an der Schule des Kursleiters (Administrator einer AHS), auf die er selbstverständlich keinen Zugriff haben dürfte, ein neuer Schüler angelegt, benotet und für ihn ein Zeugnis erstellt.
  • Es gibt kein brauchbares Handbuch. In mühevoller Kleinarbeit stellen deshalb die AdministratorInnen von Testschulen ein solches zusammen.
  • Der Datenupload dauert teilweise tagelang.
  • Die automatische Datenmigration vom alten ins neue Schülerverwaltungsprogramm funktioniert nur mangelhaft. Manchmal ist umfangreiches „händisches Nacharbeiten“ erforderlich.
  • Die Software wurde offenbar nicht mit Blick auf Benutzerfreundlichkeit am Schulstandort programmiert, sondern als zentrale Datenbank für leichten Zugriff „von oben“ angelegt. (1) Die benutzerfreundlichen Elemente von „SchüSta“, dem bisherigen Schülerverwaltungsprogramm, wurden nahezu vollständig eliminiert.
  • Der Server „friert“ schon jetzt pausenlos ein, obwohl erst ein Teil der Bundesschulen auf das Programm umgestellt ist. Wie wird das erst am Ende des Unterrichtsjahres werden, wenn alle Schulen gleichzeitig Noten eintragen (müssen)? Die TirolerInnen können bereits „ein traurig Lied“ davon singen, da die flächendeckende Umstellung auf „Sokrates“ in Tirol schon vor der Ausstellung der Schulnachrichten erfolgt ist.
  • Bei der Telefonhotline hängt man sehr lange in der Warteschleife, und die Antworten sind nicht immer hilfreich. Ein Kollege rief mich mit bedenklich hohem Blutdruck an, nachdem er unter Anleitung der Hotline Modifikationen vorgenommen hatte. Das Ergebnis der „kompetenten“ Beratung: Er musste alle Daten von „SchüSta“ neu überspielen und ganz von vorne mit der Arbeit beginnen.
  • Bei Mail-Anfragen muss man bis zu einer Woche auf Antwort warten.
  • Wegen der vielen Probleme wickeln die meisten Schulen die kommende Matura im alten Programm ab, um den Ausdruck der Maturazeugnisse gewährleisten zu können. Die Daten müssen dann aber händisch in „Sokrates“ nochmals eingetragen werden.

Die Mängelliste ließe sich noch lange fortsetzen. Sowohl die AHS-Gewerkschaft als auch der ZA AHS haben BM Heinisch-Hosek eindringlich auf die Probleme hingewiesen. Die Firma behauptet ständig, dass alle Probleme behoben seien …

Ich weiß, dass ich nicht weiß.“ (2) Der berühmte Satz von Sokrates dürfte jedenfalls nicht das Motto der Softwarefirma sein. Das Programm hätte wohl eher den Namen „Murphy“ verdient – in Erinnerung an den US-amerikanischen Air Force-Ingenieur Edward Aloysius Murphy, dem wir Murphys Gesetz verdanken: „Anything that can go wrong will go wrong.“

(1) Dies steht im krassen Widerspruch zu den ständigen Beteuerungen seitens des BMBF, dass zentraler Zugriff nicht Zweck des Programms sei.

(2) Das ergänzende „-s“ an „nicht“ ist ein Übersetzungsfehler. Mit seiner Aussage behauptete Sokrates nicht, dass er nichts wisse. Vielmehr hinterfragte er das, was er zu wissen meinte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bilder lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.

10 Kommentare

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10 Antworten zu “Sokrates oder Murphy?

  1. Was auch immer das Akronym „SOKRATES“ bedeuten möge („Gemeinschaftliches Aktionsprogramm der allgemeinen Bildung“ ???), das Akronym „BITMEDIA“ bietet da schon etwas mehr – so etwa „Werbeträger für Häppchen“ – und käme damit (im Vergleich zum geradezu genial funktionierenden und alle Verwaltungsschritte perfekt abdeckenden SCHÜSTA) seiner Funktionaltität recht nahe …

    • Erich Wallner

      Nach Lektüre des Artikels ist das Akronym relativ leicht zu entschlüsseln:

      Systemumstellung
      Ohne
      Konkreten
      Reformbedarf,
      Approbiert
      Trotz
      Elementarer
      Sicherheitsmängel

  2. Übrigens: Die Aussage „Und das Chaos hat keine Chance in der Schule!“ stimmt sicher, denn die Daten werden ja meines Wissens ausschließlich „in einer Cloud“, also webbasiert verwaltet – somit kann in der Schule gar kein Chaos sein … 😉

  3. Harald Tachezi

    Höchstwahrscheinlich wird der Sicherstellungserlass bereits mit diesem Programm erstellt.
    Das macht es verständlich, dass es wohl noch etwas dauern wird.

  4. ich danke gott, allen heiligen und auch allen antiken göttern (habe latein, griechisch und webdesign unterrichtet), dass ich bereits in pension bin. ein anderer kommentar, der mir jetzt auch einfiele, wäre nicht salonfähig.

  5. Sehr geehrter Herr Kollege Quinn,

    ich kann als Administrator und einer, der vor 15 Tagen
    auch eine höchst fragwürdige „Ersteinschulung“ zu Sokrates hatte,
    all Ihre kritischen Anmerkungen und die aufgelisteten kritischen Rückmeldungen nur zu 100% bestätigen!

    Ich werde weiterhin mit dem bewährten Programm Schüsta arbeiten,
    die Datensicherheit und die Verlässlichkeit dieses Programms erleichtert mir
    die tägliche Arbeit seit vielen Jahren

    Als klassischer Philologe tut es mir außerdem besonders weh, dass
    der Name „Sokrates“ für solch ein fragwürdiges Unterfangen verwendet wird,
    aber, kleine Ironie am Rande, Sokrates ist ja auch vielen mit seiner Fragerei
    auf die Nerven gegangen

    Mit kollegialen Grüßen aus dem Süden

    Harald Triebnig

  6. Johannes Maurek

    Es ist bei jeder Neueinführung eines Softwareprodukts dasselbe: Unheimliche Aufregung und Proklamation des Niedergangs des Abendlandes. Die Gewerkschaft springt leider gerne und nur allzu schnell auf den Zug der Kritiker, ohne sich selbst ein objektives Bild gemacht zu haben. Ich weiß aus langjähriger und leidvoller Erfahrung, dass man Erfahrungsberichten aus dem Kollegenkreis mit größter Vorsicht begegnen sollte. Viele lehnen ein neues Programm a priori ab. Natürlich versagt es dann in der eigenen Testung auf ganzer Linie. Mein Trost: In drei Jahren redet keiner mehr davon!

    • Stefan Huber

      Naja, ihr Argument kann man ja gelten lassen, wenn es um weiche Kritikpunkte geht, wo subjektives Empfinden eine Rolle spielt. Aber im Artikel wurden ja ganz klar harte, objektive Kritikpunkte angebracht; die treffen zu, oder nicht. Etwa: Ein Unberechtigter kann Zeugnisse ausstellen, oder eben nicht. Da ist die angemessene Reaktion nicht, dass man den Kritikern prinzipielle Ablehnung attestiert. Gerade beim Thema Sicherheit hat sich ja unlängst das BIFIE ordentlich die Finger verbrennt.

  7. Josef Böck, Adminstrator am BG/BRG Rohrbach, Sokrates-Pilotschule

    Ich möchte mich dem Kommentar von Herrn Maurek zu 100 % anschließen: Nicht nur die Einführung neuer Software, sondern JEDE Veränderung in der Schule – zumindest in den letzten 30 Jahren – hat zuerst einmal Ablehnung hervorgerufen, um bei der nächsten Veränderung aber mit Vehemenz verteidigt zu werden usw.
    Eines ist klar: Sokrates ist ganz anders, als z.B. Schüsta, und ohne Bereitschaft zur Umstellung wird’s ziemlich schwierig werden!
    Hat sich „die Gewerkschaft“ selbst ein Bild von der Anwendung von bzw. den Problemen mit Sokrates gemacht?

  8. G. Lotter

    G.Lotter, GRG10

    Wie sieht es mit der Sicherheit der gesammelten Daten aus? Werden wir nächstes Jahr alle Schülerdaten inklusive Zeugnisnoten in Rumänien wiederfinden? Eine zentrale Stelle mag zwar die Kontrolle erleichtern, macht aber die Möglichkeit von Missbrauch sicher wahrscheinlicher.

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