Gerhard Riegler: Tabuthema Disziplin

Ein Kindergeburtstag steht bevor, Schweißperlen auf der Stirn der Gastgeberin. Die Freundin rät zu Baldriantropfen im Vorfeld und einer „eisernen Hand“ während des Festes, bedrohen doch nicht weniger als elf Halbwüchsige den häuslichen Frieden, das Nervenkostüm der Gastgeberin und ihr Mobiliar.

bigstock-Frustrated-Student-24459854_blogDass ein einziges Kind ein Geburtstagsfest zum Kippen bringen kann, weil es besonderer Betreuung bedürfte, diese schmerzliche Erfahrung hat schon manchen Kindergeburtstag vorzeitig enden lassen. Wir LehrerInnen aber müssen Verhaltensoriginelle bändigen, während wir der übrigen Klasse abwechslungs- und ertragsreichen Unterricht bieten. „1995 hatten wir zwei auffällige Schüler pro Klasse, heute sind es zwei, die unauffällig sind.“ (1) Wer für diesen pädagogischen Trapezakt geeignete Instrumente und Rahmenbedingungen fordert, stößt hierzulande beim Gesetzgeber nach wie vor auf taube Ohren und wird von der Meinungsschickeria, die keinen Tag in unserer Rolle meistern würde, seit vielen Jahren reflexartig mit dem Rohrstaberl-Argument zum Verstummen gebracht.

In Großbritannien scheinen jetzt auch linke Uhren ein wenig anders zu ticken. Der „Guardian“ titelte kürzlich „Tristram Hunt talks tough on classroom discipline” und widmete dem sozialdemokratischen Schattenminister für Unterricht breiten Raum. Sollte seine Partei die nächste Regierung bilden, würden Ordnung und Disziplin wieder Einzug in englische Klassenzimmer halten, Schwätzen und Smartphone-Benutzung sollen dann der Vergangenheit angehören, von gröberen Disziplinverletzungen ganz zu schweigen. (2)

Englands LehrerInnen werden im Vergleich mit uns schon heute mit Unterstützungspersonal verwöhnt. Und doch weiß Tristram Hunt um den dringenden Handlungsbedarf oder spürt zumindest die Unzufriedenheit der Eltern mit einer Schule, in der Unterricht durch Disziplinlosigkeit unmöglich gemacht wird.

BM Heinisch-Hosek dürfte es an diesem Wissen und Gespür noch massiv fehlen. Denn sonst hätte sie nicht für die über 6000 Schulen Österreichs 400 Personen als Unterstützungspersonal angekündigt – an den Schulen wurde trotz intensiver Suche noch niemand von ihnen entdeckt –, 150 davon Post- und Telekom-MitarbeiterInnen. (3) Diese Antwort auf die geforderten 13.500 Fachkräfte, die Österreichs Schulen brauchen, um im Support zumindest internationales Mittelmaß zu erreichen, war dabei nicht als Scherz gemeint! Mit ihrer Einschätzung ist unsere Neo-Ministerin um Welten weiter daneben als Eugen Freund mit seinem berühmt-berüchtigten 3000-Euro-Sager.

Eugen Freund musste sich vor laufender Kamera rechtfertigen. Bei Unsinn auf dem schulpolitischen Parkett schreit der Boulevard hingegen schon lange nicht mehr auf. Weil er es noch immer nicht besser weiß? Weil es ihn teuer zu stehen käme? Weil man Surreales aus dem Unterrichtsministerium inzwischen gewohnt ist? Jedenfalls verdient ein solches ministerielles und mediales Verhalten ein klares „Nicht zufriedenstellend“.

(1) Dr. Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater. Zit. n. Bettina Weber, „Es kommt zu Machtumkehr“. In: Tagesanzeiger online vom 4. Dezember 2013.

(2) Siehe Patrick Wintour, Tristram Hunt talks tough on classroom discipline. In: The Guardian online vom 15. Jänner 2014.

(3) Karin Leitner, Ex-Post- und Telekom-Leute sollen Lehrer entlasten. In: Kurier  Kurier online vom 13. Juli 2013.

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9 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

9 Antworten zu “Gerhard Riegler: Tabuthema Disziplin

  1. Christian Höfner

    Danke Gerhard – Du sprchst vielen aus der Seele!

  2. Karl Binder

    wieso winseln immer wieder nur jene lehrer hier auf, die es nicht schaffen, eine klasse zu bändigen? ja, vielleicht mag die zahl der „verhaltensuaffälligen“ kinder gestiegen sein. es gibt aber so viele lehrer, die das alles meistern. die nicht nach maßnahmen und sanktionen schreien. die tut man aber ab. die versteckt man, nein – die verschmäht man dann meistens auch noch oder stellt sie in ein eck, erklärt ihre arbeit für scheiße. das ist für die „gestressten“, armen, verfolgten lehrer mindestens so angenehm wie das „zurückhauen“ auf die medien, die ja den lehrern nur böses wollen. ich bezweifle, dass solch wehleidige kommentare der sache wirklich sonderlich dienlich sind. was den lehrern IMMER noch fehlt: ein selbstkritischer blick aus dem winkel des betrachters von außen. sie wären dann vielleicht nicht immer ganz so überrascht, erzürnt, schockiert oder beleidigt. ja – die gesellschaft hat sich gewandelt. ja – ganz sicher sind die kinder schwieriger geworden. ja, auch die arbeit mag schwieriger geworden sein. leute.. wenn ihr das nimmer wollt, dann sucht euch einen anderen job. jeder andere macht das auch, dem’s keine freude mehr macht. jahrelanges daherwinseln, demonstratives „dagegen“ schreien, sich immer in die opferrolle werfen – leute – das bringts nimmer. die strategie ist ausgelutscht. das mag auch keiner mehr hören. solange eure gewerkschaft immer noch diese strategie fährt und ihr allesamit immer noch meint, es wäre die einzig wahre, die beste strategie um was zu ändern, solange dürft ihr euch auch nicht wundern, dass die bevölkerung wenig lust verspürt, euch zu unterstützen. jahrelang hattet ihr die möglichkeit, es zu verändern und zu verbessern, jahrelang sind pisa-tests immer mieser geworden, hat sich der gesamtzustand „der schule“ verschlechtert. aber dass ihr endlich gegen die wahren probleme gekämpft hättet (mehr büros, arbeitsstätten für euch, ordentliche zeitzuteilung, messbare arbeitsleistung, usw…) – nöööööööööööö – bloß nicht. dann schon lieber grabenkämpfe um die „berühmten zwei stunden“ führen. monatelang. das bringt’s viel mehr. vor allem in der sache. get the message? wahrscheinlich net. aber es musste von der seele geschrieben werden.
    your call.

    • Ich denke, diese Zeilen kommentieren sich selbst. Ich verkneife mir eine Antwort, auch wenn es mir schwer fällt.

      • Michl Westreicher

        Wieso? Ich halte Karl Binders Kommentar im Ton und einigen Inhaltsteilen nicht für sonderlich hilfreich, trotzdem hätte ich mir von meinem obersten Personalvertreter sehr wohl eine Antwort erwartet – schließlich gibt es wirklich Kollegen (und nicht wenige!), die solche Situationen meistern. Oder reden wir uns jetzt schon selbst ein,wie unfähig wir sind? Unterstützungspersonal alleine bringts auch nicht.
        Und übrigens: Das mit Eugen Freund ist billig.

    • Gandhi

      Es sind auch Deine Kinder, KArl!

    • Folkher Gmach

      Einfach zum Nachdenken, Herr Binder …

      Warum gibt es in allen modernen Rechtsstaaten Sanktionen für z.B. Falschparker, Schwarzfahrer, Schnellfahrer und Steuerhinterzieher mit der Zielsetzung, Erwachsenen eine gewisse Disziplin in der Einhaltung notwendiger gesellschaftlicher Spielregeln aufzuerlegen?
      Warum reichen nicht einfach Appelle an die Vernunft?

      Denken Sie einmal darüber nach!

      Warum soll es in der Schule keine Sanktionen geben, die die Zielsetzung haben, Kindern und Jugendlichen eine gewisse Disziplin in der Einhaltung notwendiger Verhaltensregeln aufzuerlegen?
      Warum sollen hier Appelle an die Vernunft genügen?

      Denken Sie bitte einmal darüber nach!

      Mit hoffnungsvollen Grüßen,
      ein Lehrer

  3. In Deutschland klgen viele Ausbildungsbetriebe über „mangelnde Ausbildungsreife“ der Schulabgänger, und ich glaube, ich lige gar nicht so schlecht, wenn ich darin auch wieder das Problem mit der Disziplin erkenne.

    Disziplin ist wichtig, auch gegen sich selbst, d.h. ohne Druck oder „Nachhilfe“ von außen, sonst kommt man nie voran.

  4. Alfred Schirlbauer

    Wer G. Riegler des Jammerns und der Winselei zeiht, verfügt offenbar über geheimgehaltene oder unbewusst angewandte Mittel und Techniken der Disziplinierung. Anders wäre der hochmütige Ton von Kollegen Binder nicht möglich. Man ist dann der gute Pädagoge, der solche Probleme nicht einmal kennt. – Vom viel gepriesenen und auch heftig geforderten Unterstützungspersonal halte ich allerdings auch nicht viel. Diese Leute sollen dann können, was die Lehrer nicht können? – Eine schwere Überschätzung von Psychologen und anderen Disziplinartechnikern. Und gleichzeitig eine Abdankung der Lehrer als Erzieher. Vielleicht liegt der Hund anderswo begraben? – Was die geistloseste Variante der Pädagogikgeschichte vor rund 100 Jahren nassforsch behauptete (nämlich die „Heiligkeit des Kindes“ oder Nicht-erziehung als die beste Art der Erziehung) ist heute state of the art in der LehrerInnnenbildung. Was wir hier bräuchten, wäre eine theoretisch anspruchsvollere Pädagogik, in welcher der Sinn von Unterricht und Erziehung nicht schon als erfüllt gilt, wenn die Kinder in der Schule „Spaß gehabt“ haben.

    • Gast

      Sollte der Seitenhieb auf die derzeit praktizierte Lehrerinnenbildung auch nur im entferntesten eine Entsprechung in der Wirklichkeit haben, dann darf sich ja jeder glücklich schätzen, der, so wie ich, seine Kinder schon in der AHS-Oberstufe weiß, wo sie mit vielen verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten Umgang haben und eine ausgesprochen hohe Schulzufriedenheit bekunden. Ich möchte nicht ins Schwärmen verfallen, aber mein älterer Sohn, der heuer maturiert, hat ein derart gutes Lehrer(innen)team und eine so anregende
      Klassengemeinschaft, dass – ich glaube nicht, dass ich mich täusche – viele traurig sein werden, wenn diese fantastische Zeit zu Ende geht.
      Was aber wird aus unseren Enkelkindern? Selbst kompetenten Eltern wird ja durch angedachte Schulreformen wie Ganztagsschule etc. immer mehr die Möglichkeit genommen positiv ausgleichend zu wirken, wenn es in der Schule irgendwo krankt.

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