Ein bisschen schwanger

Fritz Enzenhofer, der amtsführende Präsident des Landesschulrates für Oberösterreich, „ortet in der Diskussion um Gesamt- sowie Ganztagsschule eine „babylonische Sprachverwirrung“, da viele Begriffe von „vorgeblichen Experten“ falsch verstanden oder verwendet würden.“ (1) Damit drückt er sich sehr vornehm aus, wenn man die Aussagen der Regierungsparteien betrachtet.

bigstock-Pregnancy-Test-Sticks-4447189_blog

Die ÖVP-Linie in der Schulorganisationsfrage lautet seit der nächtlichen, sonntäglichen Doch-Nicht-Krisensitzung in etwa: Gesamtschule ja, aber ohne die Gymnasien anzutasten. (2) BM Heinisch-Hosek hat ähnlich kreative Ideen: „Mit kleinen Änderungen im Schulorganisationsgesetz wäre es durchaus möglich, dass man entweder ein ganzes Bundesland oder einzelne Regionen als Modellregionen definiert. Dort könnte man die gemeinsame Schule etablieren.“ (3)

Da frage ich mich wirklich, ob die Regierenden in diesem Land dieselbe Sprache sprechen wie ich. Es gibt international sehr unterschiedliche Gesamtschulmodelle. Aber eines haben sie gemein: Die gesamte Population eines Jahrganges besucht dieselbe Schulart – daher ja auch der Name „Gesamtschule“. Mit „kleinen Änderungen“ im Schulorganisationsgesetz, wie BM Heinisch-Hosek meint, wird man nicht das Auslangen finden, wenn man alle Kinder in die gleiche Schule zwingen möchte, da in der österreichischen Bundesverfassung ein differenziertes Schulwesen vorgesehen ist. Und eine Gesamtschule neben der gymnasialen Langform bezeichnet das BIFIE zu Recht als „Ding der Unmöglichkeit“. (4) Es sei denn, die von manchen ÖVP-Landeshauptleuten in Modellregionen gewünschte Gesamtschule hat mit dieser so viel zu tun wie die ÖVP-Doch-Nicht-Krisensitzung mit einem „Gespräch im Kreis der Landes- und Bündeobleute […], wie es ohnehin alle sechs Wochen stattfinde“. (5)

Für wie dumm hält uns diese Regierung eigentlich? Eine Gesamtschule ist per se alternativlos. Das bedeutet aber – und das wollen uns viele PolitikerInnen wohlweislich verschweigen –, dass mit der Einführung der Gesamtschule nicht nur eine neue Schulart geschaffen wird, sondern auch alle anderen abgeschafft werden: kein Gymnasium, keine Hauptschule, keine Neue Mittelschule, keine Sonderschule, keine Schwerpunktschulen für Sport, Musik, Informatik etc. Es gibt dann eine einzige Schulart für alle – ausnahmslos, abgesehen von Privilegierten, deren Kinder in sündteuren Privatinstituten Zuflucht finden. Egal ob hochbegabt oder mit extremem sonderpädagogischen Förderbedarf, alle sollen, ja müssen, gemeinsam miteinander lernen.

Das kann man befürworten oder ablehnen, aber verschweigen sollte man es nicht, denn das ist unredlich. Ein bisschen Gesamtschule ist ebenso unmöglich wie ein bisschen schwanger zu sein.

(1) Landesschulratspräsidenten der ÖVP fordern mehr Sachlichkeit. In: Standard online vom 14. Jänner 2014.

(2) Siehe Gesamtschule oder Gymnasien. In: Salzburger Nachrichten, Printausgabe vom 14. Jänner 2014.

(3) Lisa Aigner, Heinisch-Hosek will Gesamtschule in Modellregionen. In: Standard online vom 20. Dezember 2013.

(4) Gesamtschule oder Gymnasien.

(5) Nach Krisensitzung: VP ist um Beruhigung bemüht. In: Kurier online vom 13. Jänner 2014.

Bild lizenziert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Ein bisschen schwanger

  1. „Es gibt dann eine einzige Schulart für alle – ausnahmslos, abgesehen von Privilegierten, deren Kinder in sündteuren Privatinstituten Zuflucht finden.“

    Wenn ausgerechnet ein ÖPU-Funktionär mit klassenkämpferischen Aussagen daherkommt, dann ist das zu durchsichtig. Sachlich falsch ist der Verweis auf „Privatinstitute“ außerdem: Privatschulen kriegen ihr Öffentlichkeitsrecht nur, wenn sie dem Regelschulwesen äquivalent sind, sie würden sich aus einer österreichweiten Gesamtschule also nicht ausklinken können. Gäbe es z.B. eine flächendeckende staatliche Gesamtschule, dann würde eine Schule mit Latein verpflichtend ab der 3. Klasse kein Öffentlichkeitsrecht (mehr) bekommen. Ein weiteres Beispiel: An meinem Schulstandort (privates Mary-Ward Schulzentrum St. Pölten) gibt es eine Hauptschule, welche nächstes Jahr auf NMS umstellt / umstellen muss. Privatschulen sind keine gallischen Asterix-Dörfer.

    Sollte Kollege Quin aber Institutionen ohne Öffentlichkeitsrecht meinen wie Waldorfschulen, Schweizer Internate o.ä – nun, die gibt es jetzt auch schon – ohne dass sie sich (bisher) das klassenkämpferische Missfallen der Gewerkschaft zugezogen hätten.

    Anmerkung Quin: Wie Kollege Wallner richtig zitiert, spreche ich von „sündteuren Privatinstituten“, wie sie in traditionellen Gesamtschulländern üblich sind. Das hat NICHTS mit den – meist katholischen – Privatschulen Österreichs zu tun, für die man monatlich oft weniger bezahlen muss als für den Kindergarten.

    Und wenn hier etwas „durchsichtig“ ist, dann die fadenscheinige Argumentation, dass auch Privatschulen, wollen sie das Öffentlichkeitsrecht, denselben schulrechtlichen Bestimmungen unterworfen sind wie öffentliche Schulen. Das wissen wohl alle LeserInnen. Aber ebenso wissen alle, dass Privatschulen sich aussuchen können, welche Schülerinnen sie aufnehmen. Allein die Höhe des Schulgeldes in Eliteinstituten schließt 99 % der Bevölkerung aus. Oder möchte uns Kollege Wallner etwa erzählen, die öffentliche Schule im Londoner East End wäre de facto dasselbe wie Eton?

    1. 1. Was soll an meiner Aussage fadenscheinig sein, dass das Öffentlichkeitsrecht an bestimmte Bedingungen geknüpft ist? Waldorfschulen etwa haben kein Öffentlichkeitsrecht – warum nicht? Weil sie andere Lehrpläne und Stundentafeln haben; ein Beispiel aus Salzburg: http://stundenplan.waldorf-salzburg.info/untis.php Das Sacré Coeur hat Öffentlichkeitsrecht – wieso? Zum Beispiel Preßbaum: http://gym.scp.ac.at/?page_id=18
      2. Wenn Kollege Quin darauf insistiert, dass sich Privatschulen ihre Schüler aussuchen können, dann schießt er sich argumentativ als AHS-Vertreter ordentlich ins Knie: Er unterstellt, dass es sich die oberen (Zehn)tausend einen Batzen Geld kosten lassen würden, ihre Josefs und Marias von den Kevins und Suleikas fernzuhalten. Da es die von Koll. Quin angesprochenen „sündteuren Privatinstitute“ bis dato in Österreich gar nicht gibt, kann das nur bedeuten, dass das real existierende Gymnasium die soziale Segregation zur Zufriedenheit der oberen (Zehn)tausend erfüllt – sonst wären sie ja schon längst in exklusivere Gefilde abgewandert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s