Juchhu, ich bin ein Mensch!

Die Gesamtschule bleibt das Ziel der neuen Unterrichtsministerin. „Es wäre durchaus möglich, dass man entweder ein ganzes Bundesland oder einzelne Regionen als Modellregionen definiert“, sagt sie im „Standard“-Interview: „Dort könnte man die Gesamtschule etablieren. Wenn diese Landeshauptleute an mich herantreten, bin ich sehr dafür, dass wir diese Modellregionen bilden.“ (1) Dass dafür Gesetzesänderungen notwendig wären und im Regierungsübereinkommen davon nichts zu lesen ist, scheint BM Heinisch-Hosek nicht zu beirren.

© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Leo Hagen
© Parlamentsdirektion/Bildagentur Zolles KG/Leo Hagen

Nach der Angelobung gilt der neue Pakt auch für Bildungsministerin Heinisch-Hosek. Doch die Tinte auf dem Koalitionsvertrag ist noch nicht einmal trocken und Heinisch-Hosek will den Pakt schon wieder aufschnüren. Wenn sie mit dem vereinbarten Kompromiss nicht mit kann, hätte sie sich nicht angeloben lassen müssen“, richtet ihr tags darauf der neue ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel aus. (2) Zumindest sorgt das Neu-Regieren auch für Unterhaltung…

Keine Hausaufgaben, keine Noten, kein Sitzenbleiben!“, so lautet die Devise der Unterrichtsministerin. Und: „Sobald 15 Eltern das wollen, muss die Schule ganztägigen, verschränkten Unterricht anbieten.“ (3)

Wirklich nachdenklich macht mich die Haltung, die sich hinter alldem verbirgt. Es gab Zeiten, in denen Bildung als ein begehrenswertes, persönlichkeitsbildendes Gut galt, das man sich nur unter teils erheblichen Mühen selbst erarbeiten konnte und musste – im Idealfall motiviert und gefördert durch Eltern und LehrerInnen. „Im Gegensatz hierzu ist Schule heute zu einer Art Dienstleistungseinrichtung geworden, in die Steuer zahlende Eltern ihre Kinder schicken, um das Abitur einzulösen: Es sind Betriebe mit der Aufgabe der standardisierten Veredelung des Humankapitals mit Erfolgsgarantie und Rückgaberecht. […] Jeder Abbrecher, jeder Sitzenbleiber, jeder Durchfaller bezeugt nicht auch Fehlleistungen oder unglückliche Umstände auf Seiten der Schülerschaft, sondern wird stets allein als Versagen einer gleichgültigen und unfähigen Lehrerschaft interpretiert“, schrieb Mathias Brodkorb im Juni 2013. (4) Er hat das Magisterium in Philosophie und Altgriechisch, ist Sozialdemokrat und seit Oktober 2011 Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur – leider in Mecklenburg-Vorpommern …

Unsere neue Unterrichtsministerin ist dafür flott. BM Gehrer hat acht Jahre benötigt, um sich zu disqualifizieren. BM Dr. Schmied hat es in eineinhalb Jahren geschafft, aber BM Heinisch-Hosek ist dies schon bei Amtsantritt gelungen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt. BM Heinisch-Hosek wünscht sich lt. „Krone“ „eine gute Basis mit den Lehrer-Vertretern“ und konzediert generös: „Gewerkschafter sind auch Menschen.“ (5) Da bin ich jetzt aber froh …

(1) Lisa Aigner, Heinisch-Hosek will Gesamtschule in Modellregionen. In: Standard online vom 20. Dezember 2013.

(2) Blümel: Regierungspakt gilt auch für Heinisch-Hosek. Presseaussendung vom 21. Dezember 2013.

(3) Heinisch-Hosek: Aus für die
 Schul-Noten. In: Österreich online vom 19. Dezember 2013.

(4) Mathias Brodkorb, Eine Chemotherapie für die Schule? In: Deutscher Philologenverband (Hrsg.), Profil. Das Magazin für Gymnasium und Gesellschaft, Heft 6/2013, veröffentlicht am 25. Juni 2013.

(5) „Gewerkschafter sind auch Menschen“. In: Kronen Zeitung vom 19. Dezember 2013.


11 Gedanken zu “Juchhu, ich bin ein Mensch!

  1. Warum tun wir nicht, was sie will, wir können uns damit eine Menge Zores ersparen! Keine Hausübung geben – wie gerne verzichte ich darauf (fast) täglich 55 Hausübungen zu korrigieren. Keine Noten geben – wie gerne verzichte ich darauf Schularbeiten, Tests zu erstellen und zu korrigieren und Prüfungen durchzuführen. Und das Sitzenbleiben erübrigt sich dann auch! Nur unterrichten, davon träume ich!

    Anmerkung Quin: Michael Jeannée hat am 20. Dezember 2013 in der „Krone“ geschrieben:
    Und nun „visionieren“ Sie schon wieder. Als neue Bildungsministerin der Regierung Faymann II. Und das liest sich in einer Tageszeitung so:
    „Am Ende meiner Amtszeit 2018: Kinder, die neugierig in die Schule hineingehen, zufrieden nach Hause gehen, ohne Nachhilfe oder Hausaufgaben, und ihr Tagwerk damit erledigt haben. Der Rest des Tages ist für die Familien.“
    Schöne neue Welt à la Heinisch-Hosek. Und mindestens so populistisch wie utopisch.

    Recht hat er.

    1. Liebe Christine, der Sarkasmus ist nicht angebracht. Tatsächlich gibt es genug Studien, die die Sinnlosigkeit von Hausübungen und von Noten belegen, von den Erfahrungen alternativer Bildungsstätten, die ohne sie auskommen, ganz zu schweigen. Und wenn Sie persönlich auch wirklich gerne darauf verzichten würden – nun, wer stellt sich Ihnen in den Weg? Die neue Unterrichtsministerin offenbar nicht.

      Lieber Herr Quin, wenn Sie schon die Krone als Argumentationsgrundlage heranziehen: Ja, HH hat Visionen, und die Anführungsstriche sind alles andere als notwendig. Visionen sind die Voraussetzung für Veränderungen. Sie haben hoffentlich auch welche. Und es ist sehr einfach, die Visionen anderer lächerlich zu machen.

      Nur ist gerade diese Vision nicht populistisch. Tatsächlich reagiert vermutlich ein überwiegender Teil der gelernten Österreicher auf so eine Idee reflexartig mit Ablehnung – wo kämen wir denn hin, wenn unsere Kinder nicht den ganzen Tag was leisten müssten, genau wie wir das tun?

      Utopisch ist diese Vision auch nur von einem sehr konservativen Standpunkt aus. Es gibt tatsächlich Kinder auf dieser Welt, beispielsweise SchülerInnen diverser Alternativschulen, die tatsächlich neugierig in die Schule und zufrieden nach Hause gehen und ihr Tagwerk damit erledigt haben. Eine Utopie ist das nur im Bezug auf das öffentliche Schulsystem, dessen Wachstum und Entwicklung von zu vielen Seiten gebremst wird.

      Die Vision von HH ist nicht anderes als die von einer mehr oder weniger kindgerechten Kindheit (abgesehen von der Frage, ob es kindgerecht ist, fünf Tage die Woche zwischen 8 Uhr und 15:30 in einer Schule anwesend sein zu müssen) und einem familiengerechten Familienleben. Klar sprechen im Moment viele praktische Gründe dagegen. Aber als Vision ist sie mir allemal lieber als die Aussage, dass wir das nicht nur nicht leisten können, sondern auch nicht leisten wollen.

  2. Wie es scheint, ist die Lehrergewerkschaft als Tiger abgesprungen und als Bettvorleger gelandet.
    Das neue Lehrerdienstrecht ist also gegessen, oder?
    Wo bleibt z.B. die angekündigte Liste der Gewerkschaftsvertreter, die im Parlament dafür gestimmt haben?

    Anmerkung Quin: Es wurde niemals eine Liste von GewerkschaftsvertreterInnen angekündigt, die für das Lehrerdienstrecht gestimmt haben, sondern eine Liste der Abgeordneten. Die wird kommen.
    GewerkschaftsvertreterInnen gibt es meines Wissens nur im SPÖ-Klub.

  3. Warum habe ich das Gefühl, dass HH keine Kinder mag?
    Kann sie nicht verstehen, dass Kinder gerne zu Hause ihre Schulübungen und Bücher herzeigen, Hausübungen machen, lernen?
    Dass sie vielleicht unglücklich sind, wenn sie nichts herzeigen können?
    Die von den Sozialisten so gehassten Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, werden dann eben die Bücher ein zweites Mal kaufen, für zu Hause.
    Und es wird dann wieder keinen Schülereinheitsbrei geben ….

    1. Nein, Heinisch Hosek hasst keine Eltern und keine Kinder.
      Sie will nur alle Frauen in Beschäftigung bringen, weil pro 10 Frauen mit Kindern in Beschäftigung 1-2 zusätzliche Betreuungsarbeitsplätze entstehen und von allen wird Lohnsteuer eingehoben und alle finanzieren so besser das Pensionssystem, das in seiner Gesamtheit 30 Mrd. € jährlich an Zuschüssen aus dem Budget braucht.

      Gut bald gibts eh (Gott sei Dank) eine Reform, wo die 40 besten Jahre statt den 15 besten Jahren für die Pension gerechnet werden:
      https://www.wko.at/Content.Node/branchen/ooe/sparte_iuc/Versicherungsmakler-und-Berater-in-Versicherungsangelegenheiten/15_Jahre_sind_nicht_genug.pdf

      http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20003831

      Ich rechne eh mit einer Volkspension in der Höhe der Mindestsicherung, weil bei wohlerworbenen Rechten wird Neugebauer stur sein und wenn man die alten Systeme auslaufen lässt, dann ist nicht mehr viel für die nach 1955 geborenen mehr drinnen. Aber immerhin ist das besser, als sich so wie Spanien oder Portugal zu verschulden.

      Zum Glück laufen die Aktien-, Derivat- und Swapgeschäfte bei mir besser als bei den notverstaatlichten Banken und hinsichtlich dieser Pensionsaussichten, wird jeder Frau nach Arbeit und eigener privater Vorsorge lechzen, außer sie steht auf Altersarmut!

      1. „weil pro 10 Frauen mit Kindern in Beschäftigung 1-2 zusätzliche Betreuungsarbeitsplätze entstehen und von allen wird Lohnsteuer eingehoben und alle finanzieren so besser das Pensionssystem“

        Dieses Argument erinnert mich an die Eurofighter: Da hieß es auch, die würden sich durch die Gegengeschäfte quasi selber finanzieren – so wie sich Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat.

      2. Ich sage nicht, dass es die intelligenteste Strategie ist. Die intelligenteste Strategie, wäre es die größten Dauerlöcher und temporären Löcher im Budget zu stopfen.
        Das sind im Moment die Bankenrettungen bei den temporären Budgetlöchern und Föderalismus, Verwaltung und das Pensionssystem bei den permanenten Budgetlöchern.
        Das Pensionssystem ist halt wegen der negativen Alterspyramide das gravierenste aller Löcher, siehe: http://blog.area23.at/2013/11/alterspyramide-beschaftigung-und.html

        Eine Reform wäre hier die intelligenteste Lösung.

        Allerdings gibt es in Österreich das wohlerworbene Recht, dass sich für gewisse Stände nie im Leben was ändern darf, egal wie viel sich rundherum ändert und dieses wohlerworbene Recht auf ständische Lebensunveränderbarkeit ist mit Hammer und Sicher in die Verfassung eingemeisselt worden. Das könnte nur mit listigsten Tricks ohne Verfassungsbruch entfernt werden, aber die Regierungspartein wollten das sicher auch nie entfernen.

        Also muss frau kreative Lösungen von Zuwanderung über beschworene Konjunkturwunder bis hin zur Frauenarbeit erfinden, um irgendwie die anderen nicht zur Diskussionslösung gestellten ursprünglichen Probleme zu lösen.

  4. Volle Zustimmung zum Artikel von Kollegen Quin. Es ist schon so, wie schon einmal gesagt. Das österreichische Bildungswesen befindet sich seit mindestens 20 Jahren auf einer schiefen Ebene und geht jetzt nach Gehrer und Schmied mit Heinisch-Hosek in den freien Fall über. Auch noch so viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer werden das nicht verhindern können.
    Es ist zum Verzweifeln.

  5. 2 Systeme in Österreich erweisen sich als äußerst ideologisiert reformresistent:
    Das ist das Bildungs- und das Pensionssystem!
    Und die Argumentation für bessere Bildung hat wiederum was mit der Sicherung der Pensionen manchmal zu tun.
    Ich bin dafür, dass alle Kinder von Österreichern oder Migranten hier die besten Chancen bekommen!
    Die Frage ist nur: Wohin geht die Reise?
    Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten müssen die Kinder gut können um es in der Welt von morgen leichter zu haben?

    Schwer zu beantwortende Fragen, ich weiß!

    P.S.: Wir brauchen sicher nicht nur lauter Hilfsarbeiter, lauter Beamten oder lauter akademische hochphilosphische Wissensarbeiterinnen, weil eine Gesellschaft sollte sich selbst auch durch Produktion, Dienstleistungen und Innovationen selbst ohne zu starke Abhängigkeiten versorgen können.

    Mit P.S. meine ich nicht, dass Ö alles produzieren muss, aber dass wir zumindest nachhaltig eine ausgeglichene Handels- und Leistungsbilanz und ausreichend Binnenwirtschaft sicherstellen. (Ausgeglichene Handels/Leistungsbilanz heißt: Du brauchst rohstoffe und items von anderen und tauscht gleich viel heimisch erzeugte items oder Dienstleistungen in Summe mit dem Rest der Welt aus. Du brauchst also nicht mehr von außen und die Volkswirtschaft verschuldet sich dann, aber du produzierst auch nicht nur für die Außenwelt als Exportweltmeister)

    Die wirtschaftlichen Sachzwänge und die finanziellen Sachzwänge werden gerne von allen Ideologen immer prinzipiell ignoriert.
    Aber es ist ganz real, dass die Rohstoffe eher weniger anstatt mehr auf dem Planeten werden und das die Geldmengen M3 aller Notenbanken stetig sich steigert. Rohstoffe werden in Zukunft einfach noch viel teurer werden und du brauchst Gas hier im Winter oder andere alternative Wärmequellen um zu heizen. Freihandel heißt, dass du als Staat Rohstoffe, Waren und Dienstleistungen von anderen brauchst und du dafür im selben Wert wieder Rohstoffe, Waren und Dienstleistungen lieferst!

  6. ich schlage vor. solche oder ähnliche beiträge gelegentlich auf ihrer fb-seite zu posten; damit sie ja nicht mehr sagen kann, dass soviele Menschen hinter ihr stünden..

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