Aurea prima sata est aetas …

Jeder (1), der früher ein Gymnasium besucht hat, kennt diese Worte aus den „Metamorphosen“ Ovids, der das erste Weltzeitalter als das goldene beschreibt. Aber ist die „gute alte Zeit“ wirklich so gut gewesen?

bigstock-Northern-Deer-37307023_blogIch gehöre definitiv nicht zu den Personen, die meinen, alles würde schlechter. (2) Ich bin aber ebenso felsenfest davon überzeugt, dass etwas Neues nicht per se besser ist als das Alte.

Finnland wird von den Gesamtschulapologeten gerne als das Gelobte Land dargestellt. Die gemeinsame Schule der 10- bis 14-, 15- oder gar 18-Jährigen wäre die einzige Möglichkeit, unser sozial ach so selektives Schulsystem zu verbessern.

Im „Erwachsenen-PISA“, der OECD-Studie namens PIAAC (3), deren Ergebnisse vor eineinhalb Wochen erstmals präsentiert worden sind, findet man dazu interessante Daten. PIAAC setzt in altbewährter OECD-Tradition vom Probanden erbrachte Leistungen mit dem höchsten Bildungsabschluss seiner Eltern in Korrelation. Daraus ergibt sich ein „slope of the socio-economic gradient“. Je höher der Wert, umso stärker hängt die bei der Testung erbrachte Leistung vom sozio-ökonomischen Hintergrund der Testperson ab – oder wertend ausgedrückt, wie es die OECD so gerne tut, umso „ungerechter“ ist ein Bildungssystem. Zur Überraschung aller, die die PISA-Studien und ihre „Interpretationen“ durch Ideologen im Expertengewand ernstgenommen haben, zeigt jetzt die OECD-Studie PIAAC, dass der „Slope“ Finnlands über dem Österreichs liegt, dass also Finnlands Bildungssystem im Sinne der OECD ungerechter ist.

Dieser „Slope“ beträgt bei der Lesekompetenz der 16- bis 24-jährigen Finnen 21,3, bei den 45- bis 65-Jährigen allerdings nur 16,4. Die meisten der Letzteren haben die finnische Schule besucht, als diese noch keine „gemeinsame“, sondern eine differenzierte gewesen ist. Die Abhängigkeit der Leistungen vom sozio-ökonomischen Hintergrund hat sich in Finnland seit der Einführung der Gesamtschule also massiv erhöht! (4)

Im hohen Norden ist das „goldene Zeitalter“ der Schule Geschichte. Hoffen wir für Österreich, dass die „hohe Politik“ nicht denselben Fehler begeht. Bei manchen politisch Verantwortlichen muss ich nämlich an das „eiserne Zeitalter“ denken, über das Ovid schreibt: „fugere pudor verumque fidesque; in quorum subiere locum fraudesque dolusque insidiaeque et vis et amor sceleratus habendi.“ (5) Vor einer Ehrenbeleidigungsklage fühle ich mich sicher, denn die, an die ich dabei in erster Linie denke, verstehen das ohnehin nicht. 😉

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe dazu etwa mein Posting „Reif“ vom 27. Juni 2013.

(3) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“.

(4) OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 283f.

(5) „Es flohen Schamgefühl, Wahrheit und Treue; an deren Stelle traten sowohl Betrug als auch Hinterlist, Hinterhalt, Gewalt und vor allem die verbrecherische Habsucht.“

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Quins Kommentare

4 Antworten zu “Aurea prima sata est aetas …

  1. Alfred Schirlbauer

    Einfach treffend! Sollte eigentlich einer größeren Leserschar zugänglich sein. Mit herzlichem Gruß, Alfred Schirlbauer

  2. Hugo Klingler

    Edu-diversität ist ebenso gesünder, effizienter wie Bio-diversität. Das haben unsere Bildungspolitiker immer noch nicht begriffen, obwohl die Natur es uns vormacht.

  3. wer bin ich

    Kann man das nicht einer größerer Leserzahl-natürlich mit Übersetzung und Interpretation d.h. Erläuterung;;;)))-zugänglich machen? Gratulation zum formal u. inhaltlich ansprechenden Text. sit honor auctori scribendi causa.
    erich thummer, Tirol, wilder westen

  4. andreas ZEUGSWETTER

    guten morgen, die hoffnung stirbt zuletzt (aber sie schaut schon sehr krank aus, angesichts des heimischen “ jetzt aber über den schattenspringwettbewerbs“, der sich unter unseren charismatischen verhandlern ankündigt. Besser doch alle mit der Nase draufstoßen, ehe das gymnasium(„zum wohl des landes“) geschichte ist

    andreas zeugswetter

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