Der schwarz-weiße Regenbogen

Am Zentralfriedhof is‘ Stimmung, wia’s sei Lebtoch no net wor, weu olle Tot’n feiern heite seine erscht’n hundert Johr.“ An diesen Satz aus Ambros‘ „Zentralfriedhof“ musste ich beim Durchblättern der 1.504 Seiten denken, die die OECD gestern zur PIAAC-Studie (1) veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu den vielen Politikern (2) und Journalisten, die sich gestern schon mit profunden Analysen zu Wort gemeldet haben, die zweifellos auf einem ausführlichen Studium der 1.504 Seiten beruhen – alles andere wäre ja unseriös –, bin ich wohl noch lange nicht in der Lage, einen abschließenden Befund zu publizieren. Ein paar interessante Aspekte sind mir allerdings bereits aufgefallen:

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Über weite Strecken handelt es sich bei PIAAC um einen wenig spektakulären Zahlenfriedhof, auf dem u. a. auch sehr eigenartige statistische Korrelationen hergestellt werden wie etwa zwischen der Lesekompetenz und der Wahrscheinlichkeit, dass jemand Freiwilligenarbeit leistet. (3) Oder man erfährt, dass besonders in Deutschland, Österreich und den USA gute Leser gesünder sind oder sich für gesünder halten als schlechte Leser. In Italien sind hingegen Leser aller Qualitätsstufen fast gleich gesund. (4) Was man nicht erfährt: Liegt das daran, dass in Italien auch die guten Leser zu Krankheiten neigen oder dass die schlechten gesünder sind? Zumindest habe ich die entsprechenden Daten noch nicht gefunden.

Womit ich bei Italien bin, dem Land, das sich LH Platter so gerne zum bildungspolitischen Vorbild nimmt. Italien hat ein wahres PIAAC-Debakel erlebt: So zeigen dort etwa 27,7 % (Österreich 15,3 %, Mittelwert aller Teilnehmerländer 15,5 %) sehr niedrige Lesekompetenz (5) und 31,7 % (Österreich 14,3 %, Mittelwert aller Teilnehmerländer 19,0 %) sehr geringe alltagsmathematische Kompetenz (6). Kein weiterer Kommentar zu den Vorbildern mancher Landeshauptleute, denn ein höflicher fällt mir nicht ein.

Das Abschneiden Österreichs – es liegt bei den meisten Aspekten im Mittelfeld – weiß man wohl nur dann zu würdigen, wenn man den Anteil der Bevölkerung mit einer anderen Erstsprache betrachtet. In Österreich liegt er um über 50 % über dem Italiens und ebenso hoch über dem OECD-Schnitt. (7)

Zuletzt noch eine kleine Anmerkung zum „Expertentum“ der OECD-Bildungsabteilung: „Der Reaktor hatte pro Jahr eine durchschnittliche Leistung von 3.572 Gigawattstunden (GWh) an elektrischer Energie erzeugt.“ Diese Aussage ist physikalischer Nonsens. Man kann nur Energie in GWh messen und nicht Leistung. „Experten“ der OECD leisten sich eben die Verwechslung von Äpfeln und Birnen. „The reactor had been generating an average energy output of 3,572 GWh of electrical energy per year“, heißt es übrigens sprachlich und physikalisch korrekt in der englischen Version.

Für mich ist dieses Beispiel ein Indiz für die Scharlatanerie der OECD. Eine Gruppe von „Experten“, die vorgibt, „objektive“ Daten u. a. zur Sprachkompetenz liefern zu können, ist nicht in der Lage, einen im Englischen korrekt formulierten Text fehlerfrei ins Deutsche zu übersetzen. Meine Conclusio: In der Bildungsabteilung der OECD versuchen Farbenblinde, uns die Schönheit des Regenbogens zu erklären.

(1) PIAAC steht für „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“, dem „PISA für Erwachsene“.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) „The relationship between literacy and volunteering is strong in Canada, Australia, England/Northern Ireland (UK), the United States and Germany, while it is weakest in Japan and Austria.“ OECD (Hrsg.), Skills Outlook 2013 (2013), S. 240.

(4) „… the relationship between literacy and selfreported health status is strongest in Germany, the United States and Austria, while it is weakest in Japan and Italy.“ Ebenda, S. 242.

(5) Ebenda, S. 257.

(6) Ebenda, S. 262.

(7) Ebenda, S. 439.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Der schwarz-weiße Regenbogen

  1. Eine Wohltat nach all dem Geschwätz, das gestern PolitikerInnen abgesondert haben, offensichtlich ohne diese Studie auch nur aufgeschlagen zu haben.
    Eine Top10 der dümmsten Aussagen zu PIAAC wäre doch etwas!

  2. Ich bin schon gespannt, ob jemals veröffentlicht wird, wer denn für den im Artikel genannten physikalischen Nonsens verantwortlich ist…

    Anmerkung Quin: Mittlerweile scheint klar zu sein, dass der Fehler in Österreich passiert ist (siehe http://diepresse.com/home/bildung/weiterbildung/1462671/ErwachsenenPISA_Wirbel-um-schlampige-Uebersetzung). In Deutschland war man jedenfalls in der Lage, eine korrekte Übersetzung vorzunehmen (siehe http://www.berliner-zeitung.de/blob/view/24564672,19703254,data,PIAAC.pdf – Beispiel 4).

  3. Das die OECD viele „Experten“ haben, wo die Gänsefüßchen dazuhören glaube ich sicher. Bei dem Beispiel mit der Leistung könnte ich mich allerdings denken, dass das Problem eine Übersetzung durch einen physikalischen Laien ist, die „Leistung“ eher im allgemeinsprachlichen Sinne benutzt hat. So könnte man durchaus eine Verknüpfung „output“(Original)–„Leistung“(Übersetzung) sehen—und mit einem Denglischen „Der Reaktor hatte pro Jahr eine durchschnittliche Output von 3.572 Gigawattstunden (GWh) an elektrischer Energie erzeugt.“ ist der Satz eigentlich auch korrekt. (Mit erheblichen Vorbehalten für das Geschlecht von „Output“.)

  4. Bin über 30 Jahre Physik- und Chemielehrer. Hörte oft von Eltern, dass ich nicht so pingelig sein sollte. Wenn ich heute so manche Kontrolle von früher anschaue, weiß ich, dass das Niveau einfach im Keller ist. Es wird uns im Einheitsbrei getesteter Analphabeten, langsam aber sicher in den bildungsmäßigen Ausguß ziehen.

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