Die neue Qualität des Wahlkampfes

Ich präsentiere Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, hier sieben Forderungen. Woher sie stammen, verrate ich Ihnen am Ende (Bitte nicht schon jetzt hinunterscrollen!):bigstock-Businessman-liar-32397248_blog

  1. Oberstes Ziel ist es, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten, um eine möglichst hohe Beschäftigung zu erreichen.
  2. Wir fordern deshalb eine gesetzliche Einschränkung von All-In-Verträgen.
  3. Frauen sind heute so gut ausgebildet wie nie zuvor. Dennoch verdienen Frauen deutlich weniger als Männer und haben weniger Aufstiegschancen. Gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit ist daher ein zentrales Thema.
  4. Während viele ArbeitnehmerInnen immer mehr Arbeit leisten müssen, suchen andere oft jahrelang einen Job – ein Ungleichgewicht, unter dem die gesamte Gesellschaft leidet. Die Betriebe sollen daher verpflichtet werden, regelmäßig unter Mitwirkung der BetriebsrätInnen ihre Arbeitszeitsituation zu evaluieren.
  5. Modernes Dienstrecht für den Öffentlichen Dienst: Bund, Länder und Gemeinden als attraktiver Arbeitgeber
  6. Besoldungsrecht Neu: Abflachung der Besoldungsstruktur mit höheren Einstiegsgehältern unter Beibehaltung der Aktivverdienstsumme
  7. Stärkung der Sozialpartnerschaft im Öffentlichen Dienst

Und nun zum neuen Lehrerdienstrecht:

  • Eine Erhöhung der Arbeitszeit um bis zu 40 % (an Abendschulen bis 87 %) kostet allein im AHS- und BMHS-Bereich 12.000 bis 14.000 Arbeitsplätze.
  • Damit verbunden sind finanzielle Verluste im Lauf des Berufslebens von über einer halben Million Euro für jeden einzelnen.
  • Fast alle Zulagen werden gestrichen: Alle bekommen mit ihren „All-in-Verträgen“ gleich wenig, egal ob sie zusätzlich zum Unterricht mehr oder weniger Aufgaben übertragen bekommen.
  • Fast drei Viertel aller im Lehrberuf tätigen Personen sind Frauen, und der Frauenanteil steigt weiter. Diese Maßnahmen treffen in der Praxis daher in erster Linie Frauen.
  • Dauer und Qualität der Ausbildung spielen keine Rolle: Personen ohne jegliche fachspezifische Ausbildung bis hin zu universitär ausgebildeten LehrerInnen bekommen gleich wenig bezahlt.
  • LehrerInnen mit Bachelorstudium erfüllen in Zukunft die Anstellungserfordernisse für alle Schularten, also auch für die AHS-Langform (Unter- und Oberstufe), wo derzeit in der Regel nur LehrerInnen mit einem durchschnittlich sechsjährigen Universitätsstudium mit Magisterabschluss und einem einjährigen Unterrichtspraktikum unterrichten dürfen.
  • Alle LehrerInnen können unabhängig von ihrer spezifischen Ausbildung an jeder beliebigen Schulart in jedem beliebigen Ausmaß in jedem beliebigen Fach auch gegen ihren Willen eingesetzt werden.
  • Durch die Übernahme mehrerer zusätzlicher Klassen werden LehrerInnen deutlich weniger Zeit und Nervenkraft für die einzelnen SchülerInnen haben als bisher.
  • Die unterschiedlichen pädagogischen Herausforderungen in den verschiedenen Schularten werden nicht berücksichtigt.
  • Politischer Willkür wird durch die Streichung bestehender Reihungskriterien für die Aufnahme in den Lehrberuf, die Befristung der Leitungsfunktionen etc. Tür und Tor geöffnet.

Das ist eine lange Liste inakzeptabler Verschlechterungen in Hinblick auf Arbeitszeit und Entlohnung ebenso wie in Hinblick auf Schulqualität. Und diese Zumutung – nicht nur für Österreichs LehrerInnen, sondern auch für SchülerInnen und deren Eltern – schickt eine Regierung unter Aufkündigung des sozialpartnerschaftlichen Dialogs in Begutachtung.

Was ich daraus lerne? Es ist wohl allen ÖsterreicherInnen bewusst, dass ein Wahlversprechen der meisten PolitikerInnen nach dem Wahltag ungefähr so viel wert ist wie ein Sandkorn in der Sahara. Jetzt sind wir aber in ein neues Zeitalter eingetreten. Die anfänglich zitierten Forderungen stammen nämlich aus den Wahlprogrammen von SPÖ und ÖVP für die Nationalratswahl am 29. September! (1) Neuerdings werden also Wahlversprechen bereits vor der Wahl gebrochen. Das ist wirklich eine neue Qualität in Österreichs Politik.

(1) Die ersten vier Punkte findet man im SPÖ-Wahlprogramm auf den Seiten 15-17, die Punkte 5 bis 7 im ÖVP-Wahlprogramm auf Seite 78.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


18 Gedanken zu “Die neue Qualität des Wahlkampfes

  1. Gibt es eine wahlwerbende Partei, die für Lehrer noch wählbar ist? Eine winzige Chance haben die Parteien noch, wenn sie im Begutachtungsverfahren endlich auf Argumente der Gewerkschaft eingehen. Ansonsten wird wohl der Stimmzettel leer bleiben müssen, wenn man sich überhaupt die Mühe macht, am 29. Sept. ein Wahllokal aufzusuchen. Wählen kann man nämlich nur, wenn außer Pest und Cholera noch bessere Alternativen zur Wahl stehen.

  2. Die Richtung, die unsere Bildungsexperten (=Steuerberater, Juristen, Betriebswirtschaftler, etc.) im Auftrag „unserer“ Regierung vorgeben, ist erkennbar: Ziel scheint ein möglichst billiges Gesamtschulsystem zu sein, in dem Halbpädagogen, die nach einem beliebigen Kurz“studium“ irgendwelche Fächer in irgendwelchen Schultypen unterrichten und dabei tatkräftig von Post-, Telefon- und ähnlich pädagagisch erfahrenem Personal unterstützt werden …
    Das alles wird sicher die besten der Besten zum Lehrberuf hinströmen lassen!

  3. Danke für diese Information! Ich denke auch, dass dieser Artikel in den Zeitungen stehen sollte!

    Zu den „bis zu 87%“ an den Abendschulen:
    Bedeutet das, dass lt. Regierungsentwurf der Umrechnungsfaktor für Abendstunden abgeschafft werden soll? Wenn ja betrifft das alle Lehrer oder nur neue (mit der 5 jährigen Übergangsfrist)?

    Danke für Ihren Einsatz für uns Lehrer!!!

    Anmerkung Quin: Es ist kein Aufwertungsfaktor für Abendschulen vorgesehen. Derzeit würde es nur neue LehrerInnen betreffen, aber glaubt irgendjemand ernsthaft, dass solche massiven Eingriffe in die Arbeitszeit nicht innerhalb kürzester Zeit auch auf „AltlehrerInnen“ und andere Berufsgruppen umgelegt würden?

  4. Ich finde es unerhört, dass LehrerInnen, die ein Lehramt an der Pädagogischen Hochschule erworben haben, die Möglichkeit eingeräumt wird, an einer AHS-Langform zu unterrichten. In der freien Wirtschaft wird auch der Anwaltsgehilfe nicht gleich bezahlt wie der Anwalt. Warum also in der Schule? Wenn dieses Dienstrecht wirklich Gesetz werden sollte, dann muss man zukünftigen Maturanten davon abraten, Lehramt auf Universitätsniveau zu studieren. Sie sollten den einfacheren Weg gehen und einen „pseudo-akademischen“ Grad auf der PH erwerben. Zu bedenken bleibt die Sinnhaftigkeit eines solchen Weges: Wer würde sich gerne von einem Arzt behandeln lassen, der ein Kurzstudium hinter sich hat? Wohl kaum einer. Warum sollte es dann in der Schule anders sein?

    Anmerkung Quin: Ich glaube, Pädagogische Hochschulen zumindest ein bisschen zu kennen. Sie haben – wie auch so manches Universitätsinstitut – ihre Stärken und ihre Schwächen. Die fachwissenschaftliche Ausbildung ist zweifellos keine Stärke der PH. Deshalb aber den PH-Bachelor als „pseudo-akademischen“ Grad zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt – außer, man bezeichnet auch den universitären Bachelor als solchen.
    Was aber zweifellos stimmt, ist ein massiver Qualitätsverlust im Vergleich zum Status quo. Personen, die halb so lange ausgebildet werden wie bisher, können einfach im Schnitt nicht dasselbe Ausbildungsniveau erreichen.

  5. Meiner Meinung nach werden hier Äpfel mit Birnen verglichen. Wichtig ist doch nicht der Abschluss, sondern die Studieninhalte! Man kann von einem Volksschullehrer nicht verlangen, Integralrechnung erklären zu können, umgekehrt wird wohl kaum jemand erwarten, dass ein Lehrer mit abgeschlossenem Mathematikstudium den Zweitklässlern die Malreihen pädagogisch-didaktisch wertvoll vermitteln kann. Dazwischen liegen Welten und ich denke, das ist im Sinne unserer Kinder VIEL wichtiger! Reitet doch nicht auf den Abschlüssen herum! Wir haben spezifisch gebildete Lehrer und BRAUCHEN diese auch! Alles andere ist reinster Irrsinn, der hier auf dem Rücken unserer Kinder verbrochen wird.

  6. Voll einverstanden mit diesem Bericht. Als Mitglied der SPÖ bin ich schockiert über die Art und Weise, wie man von Regierungsseite und den meisten Medien mit der Lehrergewerkschaft umgeht. Die neue Lehrerausbildung ist eine Katastrophe, aber es steckt System dahinter: weg vom hochqualifizierten Fachlehrer hin zum „besseren“ Sozialarbeiter.
    Die Erhöhung der Lehrverpflichtung war schon 2002/3 ein Thema. Sie wurde damals verhindert, allerdings unter großen Opfern für die LehrerInnen und Lehrer: Erhöhung der Gratissupplierungen, Kürzungen der Prüfungstaxen, Verschlechterungen für die Abendschullehrer etc. Warum hat man der Regierung noch nicht gesagt, dass dieses Thema schon einmal verhandelt wurde und mit einem Kompromiss abgeschlossen wurde?

  7. Nachtrag: Ich verstehe die Schwierigkeiten der Lehrergewerkschaft sehr gut und es ist nicht leicht, eine geeignete Reaktion auf die aktuelleVorgangsweise der Regierung zu finden, denn schließlich setzt sie sich ein für eine Klientel, die es noch nicht gibt. Ich meine die mit der neuen „Lehererausbildung.“

    1. Das ist vielleicht die Krux! Jeder Reaktion der Lehrerschaft auf dieses neue Dienstrecht kann mit „euch betriffts ja gar nicht“ entgegnet werden. Und selbstverständlich bin ich nicht so naiv daran zu glauben, dass das Dienstrecht „alt“ auf Dauer überleben wird; zu groß sind die Unterschiede. Und Widerstand ist dann nicht mehr zu erwarten, wenn die überwiegende Mehrheit der Kollegen nach neuem Dienstrecht arbeiten.

      Aber die bis zu 87% mehr Arbeitszeit würde ich so nie hinschreiben, da kommt ziemlich rasch die verständliche Reaktion „wie gering muss die Arbeitszeit sein, dass man sie gleich um 87% erhöhen kann“!

    2. Wenn ich richtig informiert bin, dann gibt es diese Klientel bereits. Und sie hat noch die alte Lehrerausbildung.
      Wenn ich richtig informiert bin, dann steht im Dienstrechtsentwurf drin, dass alle neuen Verträge ab 2019/20 dem neuen Dienstrecht unterliegen. Ein „neuer“ Vertrag ist aber auch z.B. ein Dauervertrag nach einigen Jahren befristeter Verträge (letztere evtl. noch nach dem alten Dienstrecht).
      Die Sauerei besteht darin, dass alle jene, die jetzt gerade Lehramt studieren, das alte Dienstrecht nicht mehr „derpacken“ werden, höchstens ein paar Dienstjahre am Anfang mit befristeten Verträgen. Spätestens beim Dauervertrag schlägt dann das neue Dienstrecht zu.
      Diese Leute haben unter anderen Voraussetzungen zu studieren begonnen, als sie dann vorfinden werden – da wurden mitten unter dem Match die Spielregeln geändert. Das ist so, als ob ich mir eine Fahrkarte von Wien nach Innsbruck kaufe, und in Salzburg schmeißt mich dann der Schaffner aus dem Zug.

      1. Es gibt noch einen Aspekt, der vielleicht in der Diskussion zu kurz gekommen ist: Wieso rühren sich eigentlich die Elternvereine nicht? Schließlich bedeutet doch 4 Stunden höhere Lehrverpflichtung mindestens eine, meist aber zwei Klassen mehr. Das heißt wiederum weniger Aufmerksamkeit für den einzelnen Schüler/Schülerin. Haben die das noch nicht geschnallt? Nach wie vor bin ich der Ansicht, dass die gemeinsame Ausbildung und gemeinsame Schlechterstellung (mehr Stunden, weniger Lebensverdienstsumme) aller zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer das Grundübel ist. Mir kommt das so vor, wie wenn man im Spitalsbereich sagen würde: in Zukunft bekommen alle im Gesundheitswesen Tätigen, also Schwestern (Pfleger) und Ärzte/Ärztinnen die gleiche Ausbildung und dann das gleiche schlechtere Gehalt. Schließlich machen sie doch alle dasselbe: Patienten zu heilen.Proteste der Ärzteschaft wären dann mit dem Hinweis abzuwehren, dass diese ihre Standesdünkel gefälligst vergessen sollten. Begonnen haben diese Nivellierungen mit der Einführung der Berufsreifeprüfung, die wesentlich billiger zu erreichen ist als eine Reifeprüfung an der Tagesschule oder an den österreichischen Abendgymnasien. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich habe mir die Freiheit gestattet, ein Gesetz zu formulieren, entstanden aus leidvoller Erfahrung, vor allem mit der Schulpolitik: Keine Idee ist dumm genug, dass sie nicht eines Tages von einem Politiker verwirklicht würde.

  8. Die Stundenreduktion für besondere Belastungen (Abendschulen, Schularbeitsfächer, Bibliothekare, Netzwerkadministraoren etc.) wurden den Lehrer/-innen bisher ja nicht aus besonderer Großzügigkeit „geschenkt“, sondern weil man die Belastungen gesehen und anerkannt hat. Jetzt aber macht man vor ihnen fest die Augen zu („all iclusive“ ist doch so „modern“!) und „beruhigt“ mit Zulagenversprechungen… Und niemand hat sichtlich geprüft, ob derlei Arbeitskraft-Ausbeutungen praktisch überhaupt machbar sind, ob dann nicht die Unterrichtsqualität vehement leiden muss…
    Wenn die SP und die AK derzeit 12-Stunden-Tage für die Arbeiterschaft heftig ablehnen – solche Tage waren bei vielen Lehrer/-innen schon bisher regelmäßig wiederkehrende Tatsachen und werden sich im neuen Dienstrecht vervielfachen. Aber wenn der Staat der Arbeitgeber ist, gelten natürlich andere Prämissen….

  9. Leider hat hier eine längst (überholte?) Ideologie gesiegt, wie auch Unterrichtsministerin Claudia Schmied „nichts gegen den Begriff Ideologie einzuwenden“hat.(Presse 27.August 2013). Wie sollen LehrerInnen allein die angebliche „Zweiklassengesellschaft in Schulen auflösen“ können ? Geht es in der Schule also darum soziale Probleme auszugleichen und weniger um Bildung , die Österreich wettbewerbsfähig halten sollten?
    Welche Rolle spielt dann noch ein bemühtes und förderndes Elternhaus überhaupt noch?

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