Blackwhite

Am 5. Juli 2013 wurde den Lehrergewerkschaften um etwa 21:00 Uhr ein überarbeiteter Dienstrechtsentwurf vorgelegt. Die Kommentare von Schmied & Co. (und den von ihnen aus Steuergeldern entsprechend „unterstützten“ Medien) eignen sich hervorragend für den Unterricht in Literatur und politischer Bildung.

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90.000 Euro mehr für jeden Lehrer“, entnehme ich „Österreich“. (1) „Das jetzige Konzept brächte für jeden Lehrer pro Jahr im Schnitt um mehr als 2.000 Euro zusätzlich, die Lebensverdienstsumme würde sich für jeden der mehr als 120.000 Lehrer im Vergleich zum Status quo um über 90.000 Euro erhöhen“, führt „heute“ aus. (2) „Demnach kostet das Regierungsangebot vom Start 2015 bis vom Vollausbau 2054 aufsummiert 11,6 Milliarden Euro. Pro Jahr wären das rund 300 Millionen Euro […] Für den einzelnen Lehrer bietet das Modell enorme Vorteile: […] Keine Rede also von den Verlusten, die die Lehrer-Gewerkschaft an die Wand gemalt hatte“, wusste „Österreich“ bereits am 6. Juli in seiner Morgenausgabe zu berichten. (3) Die Zeitung wurde gedruckt, bevor die Lehrergewerkschaften den Entwurf übergeben bekommen haben.

Die einzigen erwähnenswerten Änderungen im Entwurf: Ein Klassenvorstand (4) oder ein Mentor (entspricht derzeit dem Betreuungslehrer im Unterrichtspraktikum) bekommt eine Stunde in die Lehrverpflichtung eingerechnet. Die von Schmied & Co. in den Medien großartig präsentierte „Beratungsstunde“ entspricht im Wesentlichen einem derzeitigen Förderkurs. Im günstigsten Fall reduziert sich damit im Schnitt die künftige Unterrichtsverpflichtung von 24 auf 23 Stunden – für einen Deutsch-Englisch-Lehrer also eine Erhöhung der Lehrverpflichtung von „nur“ mehr 34 % im Vergleich zum Status quo.

Bei einem „normalen“ Berufsverlauf eines AHS-Lehrers würde das etwa bei mir (Fächer Geschichte und Chemie, Chemie-Kustode) zu einem Verlust von rund 520.000 Euro führen, wenn ich bis 65 im aktiven Dienst bin und in der Unterstufe und Oberstufe unterrichte – also im Schnitt rund 12.500 Euro pro Dienstjahr weniger als bisher. Und das sind keineswegs die höchsten Verluste, zu denen das neue – angeblich so lukrative – Modell führen würde.

Meine Berechnungen werden – wohl eher unfreiwillig – von Schmied & Co. bestätigt. „Gewerkschaftsmodell: Dieses komme, so Fekter, wesentlich teurer: Schmied ging von 534 Millionen Euro pro Jahr aus“, konnte man in „Österreich“ lesen. (5) Das „Gewerkschaftsmodell“ sieht – was Schmied & Co geflissentlich verschweigen – nichts anderes vor als die kostenneutrale Umverteilung der Aktivverdienstsumme – also am Anfang des Berufslebens genau die Summe mehr, die man am Ende weniger bekommt, gerechnet unter Berücksichtigung der Barwertmethode. Wenn also dieses Modell so viel teurer ist als der Schmied-Entwurf, ist letzterer nichts anderes als ein riesiges Sparpaket. Werner Faymann hatte zumindest die Courage, das auch offen zuzugeben: „Um Geld für Schulreformen zu bekommen, brauchen wir ein neues Lehrerdienstrecht mit flacherer Gehaltskurve und höherer Stunden-Verpflichtung.“ (6)

Ein kleines Schmankerl noch zu den angeblichen „Verbesserungen“ im neuen Schmied-Papier: Die Änderungen zum Erstentwurf sind vom Dienstgeber gekennzeichnet. Bezüglich Vorrückung heißt es nunmehr:

Vorrückung

Die Vorrückung erfolgt später als im Erstentwurf, was das Lebenseinkommen weiter senkt!

George Orwells Newspeak aus „1984“ bezeichnet eine Sprache, die von einem totalitären Staat geschaffen worden ist, um damit das freie Denken seiner Bürger zu unterbinden. Einer der darin vorkommenden Begriffe ist „Blackwhite“. Orwell definiert ihn so: „Applied to an opponent, it means the habit of impudently claiming that black is white, in contradiction of the plain facts. Applied to a Party member, it means a loyal willingness to say that black is white when Party discipline demands this.“ Besser als Orwell kann man die oben zitieren Aussagen und Pressemeldungen zum neuen Dienstrechtsentwurf nicht charakterisieren.

(1) Schmied: „Lehrer-Gesetz noch vor Wahl“. In: Österreich Online vom 6. Juli 2013.

(2) Regierung und Lehrer nähern sich an. In: Heute Online vom 5. Juli 2013.

(3) Lehrer-Gipfel: Vor Einigung. In: Österreich vom 6. Juli 2013, S. 4.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Lehrer-Gipfel.

(6) Werner Faymann in einem „Kurier“-Interview vom 7. Oktober 2012.

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3 Kommentare

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3 Antworten zu “Blackwhite

  1. Erich Wallner

    Jetzt gäbe es gerade einen schönen Anknüpfungspunkt, um Medien-Vertretern den Gewerkschaftsstandpunkt nahe zu bringen: Der Journalisten-Gewerkschaft ist es jahrzehntelang gelungen, den Umstand zu verschweigen, dass dort 15 Monatsgehälter bezahlt wurden. Per 1. 7. 2013 ist das jetzt geändert worden, und den Journalisten mit Alt-Verträgen hat man das 15. Monatsgehalt weggenommen. Das schaut so aus: Anstatt Jahresverdienstsumme dividiert durch 15 spielt es jetzt Jahresverdienstsumme dividiert durch 14. Verlust für den betroffenen Journalisten: keiner. Somit sollte es jetzt also möglich sein, einem Journalisten begreiflich zu machen, dass die Jahres- bzw. Lebensverdienstsumme eine sinnvolle Bezugsgröße ist.

    Detail am Rande: Gab es früher bei den Journalisten Quinquennien und bei den Beamten Biennien, so scheint sich das jetzt umzudrehen: In den neuen Journalisten-Verträgen werden Biennien / Triennien eingeführt, und bei uns Lehrern sollen es (wie in E. Quins Beitrag zu lesen) Quinquennien / Sextennien werden. Man darf gespannt sein, ob der Begriff „Biennium“ in Zukunft in den Medien weiterhin mit dem Epithet „(Beamten)privileg“ assoziiert wird …

  2. Für Schmied, Fayman et. al. im Klartext: Es kann angesichts der sprudelnden Milliardensubventionen für Bahn, Hypo-Alpe-Adria, etc. keine Einsparungen bei einem Berufsstand geben, der immer höheren Belastungen ausgesetzt worden ist, ist und (leider) sein wird.

  3. Stefan Wehinger

    Herr Quin, ich bin immer wieder erstaunt wie schlecht sich die Lehrer in dieser Dienstrechtsdiskussion verkaufen. Das breite öffentliche Bild kann sich bei einer solchen Argumentation nur GEGEN die Lehrer richten.

    Solange Sie die politisch getriebenen Argumente der Opponenten derart beantworten/bekämpfen wird sich dieses Bild nicht ändern. Auch wenn sie sicher (zumindest aus ihrer Sicht) mit vielen Punkten durchaus recht haben, sollten Sie doch die Kommunikation mehr aus dem Blickwinkel der Nicht-Lehrer sehen.

    Die wenigsten Österreicherinnen werden sich gegen sehr gut bezahlte Lehrer wenden, wenn dieselben bereit sind sich als Diener der Bildung und nicht als Faulpelze mit 24h Woche (ja ich weiss schon….) und 5 Monaten Urlaub darzustellen.

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