Gerhard Riegler: Operation „Pinocchio“

Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht.“ (1) Wie weitsichtig hat dereinst Franz Kafka die „Experten“-Strategie vorhergesehen, mit der die Gesamtschul-Vasallen (2) „unserer“ Ministerin ihre Propaganda betreiben.

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Was kümmert es unsere „Experten“, dass die Jugendarbeitslosigkeit genau dort am geringsten ist, wo das Bildungssystem früh und sinnvoll differenziert. Die Parole lautet offensichtlich: „Pfeif auf die Chancen der Jugend, wenn wir alte Lieder singen!“ Von der Kakophonie locker übertönt wird, dass der sozialistische Präsident Frankreichs seinem Parteifreund Faymann Bewunderung für Österreichs duales Bildungssystem zollt.

Hannes Androsch, aus dem Hut gezauberter „Bildungsexperte“ und von der Bevölkerung entzauberter Volksbegehrer, glaubte einmal mehr, vom Muppet-Balkon Zwischenrufe absondern zu müssen. Via Presseaussendung ließ er Österreich wissen, dass die Differenzierung mit 10 in zahlreichen deutschen Bundesländern abgeschafft worden sei. Der Salzbaron dozierte darin frisch von der Leber, dass die „die Separation im Saarland mit 11 Jahren, in Berlin, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit 12 Jahren und in Sachsen mit 13 Jahren“ erfolge. (3)

Seine Aussagen lösten nicht nur hierzulande Kopfschütteln aus. Dem Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus platze ob dieser Androsch‘schen Dreistigkeit der Kragen. Sie zeuge nämlich nicht mehr bloß von „purer Ahnungslosigkeit“, sondern von „skrupelloser Lügenhaftigkeit“. Fakt ist nämlich: „In Deutschland gibt es nur zwei Länder, die eine sechsjährige Grund-(Primar-)Schule haben: Berlin und Brandenburg. Nicht zuletzt deshalb gehören diese beiden Länder regelmäßig zu den Schlusslichtern in innerdeutschen Schulleistungsvergleichen. Zudem gibt es selbst in diesen beiden Ländern einige grundständige Gymnasien, die nach der vierten Grundschulklasse starten.“ Besonders dreist sei Androschs Hamburg-Lüge: „Die damals regierende schwarz-grüne Koalition wollte dort eine sechsjährige Grundschule einführen. Sie ist damit im Jahr 2010 kläglich an einem Bürgerentscheid gescheitert.“ Kann es sein, dass Androsch selbst das nicht mehr weiß?

Wäre Androsch der Fakten kundig, dann wüsste er auch, was Josef Kraus in Folge schreibt: „Je differenzierter ein Schulwesen ist und je weniger Gesamtschulen ein deutsches Land hat, desto besser schneidet es ab. Dieses bessere Abschneiden kommt allen Schülerpopulationen zugute, auch Kindern aus sozial schwächeren Schichten oder mit Migrationshintergrund.“ (4) Pfeif auf die sozial Schwachen, pfeif auf die Kinder mit Migrationshintergrund? Pfeif auf die Fakten, wenn sie der neuen Weltordnung entgegenstehen? Pfeif auf die Wahrheit …

Glaubt jemand, über eine Presseaussendung Wirklichkeiten herbeizaubern zu können? Für wie blöd hält man die österreichische Bevölkerung eigentlich? Inzwischen ist es über die Grenzen Österreichs hinaus beschämend, wer in unserem Land als Bildungsexperte gehandelt wird.

(1) Franz Kafka, „Der Prozeß“.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) OTS-Aussendung vom 17. Juni 2013.

(4) Brief von Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, an den ÖPU-Vorstand vom 18. Juni 2013.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Operation „Pinocchio“

  1. Was Franz Kafka vielleicht noch nicht wusste, wir aber inzwischen schon wissen müssten: Es gibt neben der äußeren Differenzierung auch die Möglichkeit der inneren Differenzierung.

    Anmerkung Quin:
    Der Versuch, schon innerhalb der Klasse dem unterschiedlichen Auffassungsvermögen der Schüler durch eine gestaffelte Aufgabenstellung, durch ‚Binnendifferenzierung‘ also, gerecht zu werden, ist zumindest an deutschen Gesamtschulen erwiesenermaßen nicht zu leisten.“ (Univ.-Prof. Dr. Peter Martin Roeder, Erziehungswissenschaftler und Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung bis 1995)

    Die immer wieder aufgewärmte Behauptung, wonach in begabungs- und leistungsheterogenen Lerngruppen und Einheitsschulen eine Minderung der Leistungsunterschiede bei gleichzeitiger Verbesserung der Leistungsförderung aller möglich sei, ist eindeutig empirisch widerlegt.“ (Prof. em. Dr. Kurt A. Heller, Direktor des Zentrums für Begabungsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Mitglied der New York Academy of Sciences (Sektion Psychologie), der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst (Akad. Rat); langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats für die OECD-Studien PISA I-III und DESI.)

    1. Als Ergänzung zu Eckehard Quins Kommentar:
      Die „innere Differenzierung“, die selbstverständlich die äußere ergänzen muss und in jeder Stunde in unterschiedlichem Ausmaß ergänzt, preisen SchulpolitikerInnen, die noch nie in einer Klasse gestanden sind, als Ersatz für die äußere an. Ob sie dabei all die bildungswissenschaftlichen Ergebnisse der letzten Jahre und Jahrzehnte tatsächlich nicht wissen oder diese mit monotoner Propaganda zuschütten wollen, weiß ich nicht.
      Wer sich über wissenschaftliche Erkenntnisse zeitschonend informieren will: http://www.bildungswissenschaft.at

    2. Lieber Professorgrass
      Ich bin mir ganz sicher, dass du das permanente innere Differenzieren mit einem Spagat zwischen Spitzensportler und physikalischer Therapie von Bewegungseingeschränkten (das soll ein Vergleich sein) in famoser Weise schaffst. Wie du das machst, entzieht sich allerdings meinem Verständnis:
      Wenn ich, wie im Durchschnitt üblich, pro 50 Minuten Einheit 15 Minuten für die Erarbeitung grundlegender neuer Inhalte, 15-20 für die Festigung von Grundlagen und 5-10 für individuelle Hilfe- und Fragestellungen brauche und eh schon nix mehr für administrative Tätigkeiten oder erweiterter Inhalte übrigbleibt, dann hab ich immerhin noch 5 Minuten für angesprochene innere Differenzierung. Toll!
      Aus meiner Sicht funktioniert das nicht – und glaub mir, ich weiß wovon ich spreche.
      Innere Differenzierung ist möglich, ja – aber in einem Ausmaß, das eine möglichst kleine Spannweite berücksichtigt. Das ist aber ohne äußere Differenzierung nicht möglich. Wer das behauptet, hat es nicht probiert oder lügt sich bewusst selbst an.

      1. Dies entspricht sämtlichen Erfahrungswerten aus undifferenzierten Schulen, die ich je gehört habe. Alles andere sind fromme Wünsche. Schon in den 80er Jahren betrug der Unterschied im Lernstand zwischen unseren Austausch-Gymnasiasten und ihren KollegInnen in der Comprehensive School bis zu 3 Jahre! Wer meint, es sei nicht wichtig oder politisch womöglich nicht korrekt, oder ideologisch verwerflich, dass unsere Maturanten allround- Könner sind, die jede Art von Studium schaffen können und die Mehrheit unserer Pflichtschulabgänger durch das duale Ausbildungssystem noch immer die vergleichbar besten Chancen am Arbeitsmarkt haben, der – sei für die Gesamtschule! Die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung sieht das anders!

    3. Jahr für Jahr versuche ich eine innere Differenzierung durch Vergabe der Noten 1 bis 5. Nur, das will eigentlich keiner! Die Eltern am allerwenigsten – die wollen nur „gute Noten“ für ihr Kind. Einser ist in Ordnung, Zweier schon nur mehr dann, wenns in der Klassenpopulation wenigstens auch Dreier gibt.

      Niemand will innere Differenzierung, alle wollns belogen werden mit guten Noten für immer weniger Leistung!

      Und innere Differenzierung wär dann das gelobte Land, wo endlich jeder einen Einser kriegt: der eine, weil er Inhalte versteht und sogar wiedergeben kann, der andere, weil er im zweiten Semester sogar schon an doppelt so vielen Terminen (6 statt im 1. Semester an nur 3) anwesend war! Immerhin steigende Tendenz! Jeder halt so, wie er kann…

  2. „Schulfachmann Androsch“ hat in einer TV-Diskussion in sehr populärer Weise den Fußballer Lionel Messi erwähnt. Seine Aussage in Zusammenhang mit der Gesamtschule war, dass der Weltfußballer Messi auch mit Spielern aus verschiedensten Ländern zusammen spielt und dabei erfolgreich ist. Ich hoffe, die große Mehrzahl der Zuseher ist ihm nicht auf den Leim gegangen und weiß, dass gerade Messi seine Erfolge dem Umstand zu verdanken hat, frühzeitig in eine „Eliteschule“ in Barcelona gekommen zu sein. In einer „Gesamt(fußball)schule“ hätte er nie sein Niveau erreicht. Zudem hätten sich bei Mitschülern Frusterlebnisse gehäuft.
    Androsch wird diese Zeilen nicht lesen. Sie würden ihn auch nicht abhalten, weiter Lügengeschichten zu erzählen. Die Wahrheit ist egal – populär muss es sein!

  3. Also „Schuster bleibt bei euren Leisten“

    Ich würde als Nichtfachmann mich hüten, einem Steuerberater Hannes Androsch Finanztipps, einer Betriebswirtin Claudia Schmid Tipps, wie man eine Bank richtig führt, einem Betriebswirt Andreas Salcher Unternehmenstipps oder einem Juristen Bernd Schilcher rechtsfreundliche Tipps zu geben …

    Doch diese Tugend der Selbsteinschätzung ist bei „Bildungs“-Politikern offenbar verloren gegangen …

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