Gerhard Riegler: I have a dream …

Es wäre traumhaft, in Zeitungen Berichte über die Arbeit von uns LehrerInnen zu lesen, in denen unser beruflicher Alltag in all seiner Vielfalt abgebildet wird, also Berichte, die auf seriöser journalistischer Recherche beruhen.

CO2Es wäre traumhaft, wenn sich JournalistInnen die Mühe machten, Schulen aufzusuchen, um vor Ort mit Lehrkräften zu sprechen und sich deren berufliche Freuden und Sorgen anzuhören.

Es wäre traumhaft, würde einmal ein Journalist die Einladung annehmen, die schon so viele LehrerInnen so vielen JournalistInnen ausgesprochen haben, und eine Lehrkraft zumindest für einige Tage von früh bis spät begleiten. Von einer Verwirklichung der alten indianischen Redensart „Urteile nie über einen anderen, bevor du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist“ wage ich ja gar nicht zu träumen.

Neben mir liegt ein Artikel aus der renommierten deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“. (1) KEIN Traum, sondern traumhafte schöne Wirklichkeit: „Lasst die Lehrer in Ruhe!“, titelt dort die Journalistin Anja Reschke, nachdem sie meinen obigen Wünschen entsprechend gehandelt hat. (Zur ebenfalls von Anja Reschke gestalteten NDR-Dokumentation „Unter Lehrern“ haben wir den Link auf www.oepu.at gestellt.)

Hierzulande diktieren leider nach wie vor Hochglanzinserate und halbseidene Medienkooperationen albtraumhaft viele Redaktionen. Eigene diffuse Schulerinnerungen mischen sich dort mit Einflüsterungen ministerieller LobbyistInnen. Das daraus entstehende Gebräu ist nicht nur für uns LehrerInnen auf nüchternen Magen kaum mehr verkraftbar. Wiens ehemaliger Bürgermeister Dr. Helmut Zilk hätte es deutlicher formuliert als ich.

Wenn in Österreich Schulbesuche stattfinden, dann im wohlorganisierten Schlepptau ministerieller Propaganda: Ausgewählten JournalistInnen werden potemkinsche Dörfer bestens ausgestatteter Schulen serviert, in denen LehrerInnen sehnsuchtsvoll nach einem neuen Dienstrecht lechzen, das ihnen endlich erlaubt, für deutlich weniger Geld deutlich länger zu arbeiten. Für wie blöd hält „Österreich“ den österreichischen Konsumenten eigentlich?

Als Medizin für angegriffene Magennerven empfehle ich die Lektüre des oben erwähnten „Zeit“-Artikels, in dem Anja Reschke aus ihrer Praxisbegegnung mit der Schulwirklichkeit folgerichtig schließt:

Das, was von Lehrern erwartet wird, und das, was sie unter solchen Bedingungen leisten müssen, ist: eine Zumutung.“ (2)

(1) Anja Reschke, Lasst die Lehrer in Ruhe! In: Zeit Online vom 29. Mai 2013.

(2) a.a.O.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: I have a dream …

  1. Recht hast du, lieber Gerhard! Aber in einem Land, in dem „Österreich“, „Heute“ und „Krone“ die „gesunde“ Volksmeinung widerspiegeln, kannst du intellektuell halt auch nicht mehr erwarten!

    1. Danke, lieber Wolfgang! Wenn’s über das neue Dienstrecht die Administratoren abschaffen, wüsste ich einen Job für dich. Am Minoritenplatz soll ein Posten demnächst zu besetzen sein. Es wäre ein Traum, mit dir als Minister darüber nachzudenken, was dem Gelingen von Schule dient, und zügig einen Schritt nach dem anderen in diese Richtung zu setzen.
      PS ad „soll“ für Lateinkenner: Ist sowohl im Sinne von „dicitur“ als auch im Sinne von „utinam“ gemeint.

  2. Danke für den ausgezeichneten Link. Die Kommentare zum Text sollte man aber lieber nicht lesen, leider auch nicht viel besser als die Leserbriefseite der Krone (vielleicht abgesehen von der Rechtschreibung)

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