Gerhard Riegler: Mobbing 2.0

In Kanada ereignete sich nach dem tragischen Selbstmord Amanda Todds im Jahr 2012, über den die Medien weltweit berichteten, eine weitere Teenager-Tragödie, die Erinnerungen an diese erschütternde Tat wachruft. Vor wenigen Tagen nahm sich die erst 17 Jahre alte Rehtaeh P. aus Halifax das Leben. (1)

Teenage girl siiting against brick wall in a depressed stateRehtaehs Mutter hat jetzt deren Martyrium öffentlich gemacht: Unter dem Titel „Angel Rehtaeh“ richtete sie bei Facebook eine Trauerseite für ihre verstorbene Tochter ein. Die Zweischneidigkeit digitaler Medien kann kaum offenkundiger in Erscheinung treten: Die Internetplattform war ebenso Instrument des Mobbings, das Rehtaeh in den Tod getrieben hat, wie sie nun Forum zur Trauerbewältigung ist.

Darstellungen sexueller Gewalt landen via Internet massenhaft auf den Smartphones Minderjähriger. Jugendliche sind dadurch zweifelsohne mit mehr Gewalt konfrontiert denn je. „Mobbing 2.0“ beschränkt sich aber keineswegs auf sexuelle Attacken und deren digitale Ausschlachtung. Auch „Hänseleien“ verschiedenster Art, die wohl immer zu den Erfahrungen Pubertierender gezählt haben und zählen werden, erhalten durch die neuen Medien eine Dynamik und Wucht, die sie für die Betroffenen vielfach unerträglich machen. Auch Flucht, im prädigitalen Zeitalter etwa durch einen Schulwechsel, ist nicht mehr möglich. Es gibt aus dem digitalen „Netz“ in dieser Welt kein Entkommen mehr.

Wie so oft in der Menschheitsgeschichte kann der ethisch-moralische Fortschritt mit dem technischen nicht mithalten. Wie Zauberlehrlinge stehen wir fassungs- und ratlos vor den negativen Konsequenzen der digitalen Revolution.

Patentrezepte zur Problemlösung wird es wohl kaum geben. Verbote sind wenig wirkungsvoll, würden letztendlich wahrscheinlich sogar den Reiz erhöhen. Die Schule wird bestenfalls subsidiär wirken können. Was die heranwachsende Generation braucht, ist ein sie tragendes Werte-Fundament und Nestwärme, die Schutz vor externen Attacken bietet. Ob „Eltern 2.0“ das optimal bieten können, ist fraglich. Hier sind in der Familie prädigitale Tugenden gefragt: Liebe, Zuwendung, Zeit.

(1) Siehe Kerstin Rottmann, Teenager zerbricht nach Vergewaltigung an Mobbing. In: Die Welt Online vom 10. April 2013.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


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