Die „Bin-ich“-Mentalität

Wir alle erinnern uns an die Abberufung des designierten Rektors der Pädagogischen Hochschule Tirol Elmar Märk im Juli 2012 durch BM Schmied. Dieser hatte es wenige Tage zuvor gewagt, in einem Gespräch mit der APA in Sachen Lehreraubildung geringfügig gegen die Linie seiner Chefin zu argumentieren, und gemeint, eine künftige gemeinsame Lehrerausbildung in Tirol sehe er langfristig an der Universität angesiedelt. (1)

Elmar Märk hätte es ahnen können. BM Schmied hatte schon vor ihm einen Kritiker schonungslos aus seinem Amt entfernt. Der damalige BIFIE-Direktor Josef Lucyshyn bezweifelte im November 2011 die Sinnhaftigkeit einer weiteren Teilnahme Österreichs an der PISA-Studie. (2)

Damit aber nicht genug. Im Jahr 2009 hatte das Parlament das BIFIE beauftragt, den Schulversuch Neue Mittelschule zu evaluieren – einen Schulversuch, der immerhin zusätzliche Kosten von 1.000 Euro pro SchülerIn und Jahr verursacht. Der Bericht sollte Ende 2012 vorgelegt werden und als Entscheidungsgrundlage dafür dienen, ob die NMS ins Regelschulwesen übernommen wird oder nicht. Die Politik aber wartete nicht auf das Evaluierungsergebnis, was Josef Lucyshyn als „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“ bezeichnete. „Die Darstellung im Vorblatt zum entsprechenden Gesetzesentwurf, wonach sich „der Modellversuch in Österreich bewährt hat“, sei sachlich nicht nachvollziehbar. „Das ist nicht datenbasierte Politik, sondern hier ist man wieder in alte Muster zurückgefallen und ideologischen Argumentationen gefolgt“, so Lucyshyn.“ (3)

Diese geballte Majestätsbeleidigung bekam ihm nicht gut. Am 29. März 2012 wurde Josef Lucyshyn von BM Schmied mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend. Von einem Schreibtisch um 12.000 Euro war die Rede, von verschwundenen Blackberrys und von mehreren unrechtmäßigen Vertragsvergaben. Auch ein Disziplinarverfahren wurde eingeleitet. Interessant dabei: „Der Schreibtisch und die Blackberrys waren übrigens kein Thema mehr für die Kommission. Die Anschuldigungen wurden nach der Abberufung zwar medial verbreitet, das Ministerium ließ diese Vorwürfe aber nicht einmal von der Kommission prüfen. Hintergrund: Die Anschuldigungen dürften ohnehin haltlos gewesen sein.“ (4)

Am 30. Jänner 2013 stellte die Disziplinarkommission das Verfahren in zwei Anklagepunkten ein. Vom verbliebenen dritten wurde Josef Lucyshyn am 20. März freigesprochen (siehe Faksimile).

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Wer sich jetzt an General Entacher erinnert, liegt nicht so falsch: Ministerielle Arroganz prallte in beiden Fällen gegen die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit. Und Josef Lucyshyn wird vom selben Anwalt vertreten wie einst der Generalstabschef.

„L’état, c’est moi – der Staat bin ich!“ gilt als Leitsatz des Absolutismus. „Das Heer bin ich“ oder „Das Bildungssystem bin ich“ wären wohl passende Leitsätze für das Amtsverständnis von Norbert Darabos und Claudia Schmied. Mich erinnert all das mehr an SED als SPÖ.

(1) Siehe etwa Gegen Linie des Ministeriums: PH-Rektor darf nicht antreten. In: Standard Online vom 20. Juli 2012.

(2) Siehe etwa Studienautor bezweifelt Sinn der Teilnahme an PISA-Studie. In: Standard Online vom 29. November 2011 oder Kleinmaßnahmen statt großer Wurf. In: ORF Online vom 6. Dezember 2011.

(3) Neue Mittelschule: „Ignoranz der Politik gegenüber Daten“. In: Presse Online vom 28. November 2011.

(4) Julia Neuhauser, Ministerin Schmied entließ BIFIE-Chef zu Unrecht. In: Presse Online vom 9. April 2013.

9 Kommentare

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9 Antworten zu “Die „Bin-ich“-Mentalität

  1. Lieber Blog-Autor!

    Wie immer sind deine Beiträge wunderbar formuliert und seriös recherchiert. Wüsste ich nicht, dass deine berufliche Situation sehr gefestigt ist, würde ich mir schön langsam Sorgen um dich machen …

    DANKE für diesen Blog und schöne Grüße aus Krems!

  2. Scheinbar geht der Kampf um Ideologien bis ganz nach unten: Nachdem ich wieder in meine Heimatstadt zurückzog, habe ich mich an einer höheren Schule mit künstlerischer Ausrichtung für den Fachvorstandsposten beworben, aber auch (falls abgeleht) für Unterrichtsstunden. Da ich in meinen 12 Dienstjahren 15 Fächer (viele Wahlpflichtfächer) unterrichtete, bin ich flexibel einsetztbar. Dem neuen Direktor, der mich nicht kannte, teilte ich meine Vision des Leitbildes des künstlerischen Bereiches mit (das ist Fachvorstandsaufgabe). Ich sehe die Notwendigkeit, dass man sich in diesem Bereich dem Trend zur Standardsisierung entzieht, da dieser Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverantwortung schwächt. Ohne den Standard als Messlatte ist natürlich die Möglichkeit von Wettbewerb im künstlerischen Bereich fragwürdig. Aber Wettbewerb im Bildungsbereich ist ohnehin etwas anderes als jener in der Wirtschaft, denn der Großteil der Schüler ist heute zu Wettbewerben in Fachbereichen gezwungen, in denen sie nicht die Besten sind. Außerdem stellen Lehrer ihre Unterrichtsunterlagen nicht mehr bereitwillig für andere Lehrer ins Netz, seit sie in Konkurrenz stehen. Wissen vermehrt sich eben durch Teilen, und ist daher anders zu handhaben als die materiellen Werte der Realwirtschaft.
    Wettbewerb macht also nur Sinn, wenn Schüler ihn wollen. Wir sollten Wettbewerb nicht diktieren, denn Schüler sollten intrinsisch motiviert sein, also an der Sache interessiert und nicht am Sieg oder am Lob durch Führungspersönlichkeiten. Nur aus Interesse an der Sache erworbenes Wissen bleibt dauerhaft hängen. Jede Ausbildung ist an diesem dauerhaft Erworbenen zu messen.
    Standards dienen als Messlatte für Wettbewerb. Desshalb sind beide Themen eines. Aber ich sehe nicht, wie das Wissen der letzten Generation in die nächste getragen werden kann, wenn alle Maturanten standardisiert sind. Es passt nicht in ein einzelnes Maturantenhirn. Deshalb ist es gut, wenn jeder einen anderen Teil dieses Wissens aus der Schulzeit mitnimmt.
    Insbesondere Eltern, welche die Kinder in eine derart künstlerisch ausgerichtete Schule schicken, erwarten sich keine Standardausbildung. Ich argumentierte wir hätten mit einem Leitbild gegen den Trend mehr Zulauf, denn diese Schule besetzt eine Nische im Bildungssektor.

    Die Absage war prägnant: Für Sie ist an dieser Schule jetzt und in Zukunft keine Stelle Frei.
    Eine Begründung für diese Absage konnte ich auf Anfrage nicht erhalten. Auch meine Ex-Kollegen können sich die Sache nicht erklären. Am Landesschulrat liegt keine einzige Beschwerde vor. Meine Ex-Schüler reden mich gerne an, wie toll sie meinen Unterricht fanden. Aus meiner Sicht bin ich einfach in ein ideologisches Fettnäpfchen getreten.

    • Erich Wallner

      Mir als Direktor wäre ein – relativ junger – Lehrer, der in 12 Jahren 15 Fächer unterrichtet hat, auch suspekt.

      • Wenn sich Schüler ein Wahlpflichtfach wie Fotografie wünschen, so muss sich ein Lehrer finden, der das unterrichten kann. Es ist ein Zeichen von Einsatz, wenn jemand sagt, Ok, ich arbeite mich da ein. Findet sich keiner, so werden die Schüler das WPF nicht bekommen.

  3. Ergänzung zu meinem letzten Artikel: Der Landesschulrat verhält sich mir gegenüber bisher durchaus fair. Letztlich kommt die Postenvergabe nicht dem Direktor zu. Wie gesagt bin ich davon überzeugt, dass die derzeitige Mainstream-Schulpolitik nicht gut auf eine künstlerische Schule passt. Wenn diese Überzeugung die vorläufige Stellenabsage bewirkt hat, so befürchte ich, dass sich auch der Landesschulrat hinter diese Absage stellen wird. Es kann auch anders kommen. Wir werden sehen ob ich zu einem Hearing um den Fachvorstandsposten zugelassen werde. Erst wenn bei dem Hearing ein Großteil meiner Ex-Kollegen für mich stimmt, und ich dann die Stelle trotzdem nicht bekomme, kann man von Ideologiezwang sprechen.

  4. Im zweiten Bescheid steht, dass die Kosten des Verfahrens vom Bund zu tragen sind.
    Jetzt gibt es ja die Amtshaftung und, was eigentlich nicht so bekannt ist, auch die Organhaftung.
    Da könnte man ja die Organhaftung auf die Frau Bundesminister Schmied anwenden und ihr die Kosten des mutwillig vom Zaun gebrochenen Disziplinarverfahrens aufbrummen.

  5. Pingback: Ihre Exzellenz Claudia Schmied | QUINtessenzen

  6. hilzi

    Gott sei Dank gibt es in diesem Land noch Menschen, die sich trauen die Wahrheit zu sagen. Es ist schier unglaublich, wie man seitens des Ministeriums mit kritischen Personen umgeht. Ich werde mich auch gegen solche Übergriffe zur Wehr setzen, denn ich habe gegenüber so manchen Leuten in diesem Land einen gewaltigen Vorteil: ich will nichts merh werden.

    Danke für Eure Unterstützung und den Kampf um die Bildung.

  7. Pingback: Die Mächte der Finsternis | QUINtessenzen

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