Gerhard Riegler: Umverteilung

Rainer Werner, Autor des Buches „Auf den Lehrer kommt es an“, kann auf einen reichen Erfahrungsschatz im Schulwesen zurückgreifen, was ihn wohltuend von vielen anderen abhebt, die sich als „ExpertInnen“ der Bildungsszene gerieren.

In seinem jüngsten Gastkommentar in der „Welt“ (1) befasst er sich mit der missbräuchlichen Verwendung des Wortes „Bildungsgerechtigkeit“, eines der schlimmsten Killervokabel ideologisierter Bildungsdebatten. „ExpertInnen“ predigen, wer für Gerechtigkeit sei, müsse auch für die Gesamtschule sein, denn dort, und nur dort, ließe sich „Bildungsgerechtigkeit“ verwirklichen.

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Umverteilung in der Steuerpolitik ist via Progression relativ leicht machbar. Im Bildungswesen stößt dieser Ansatz jedoch sehr schnell an Grenzen, wie Rainer Werner schlüssig argumentiert: „Geistesgaben und familiäre Förderung kann man nicht von einem Kind auf das andere umverteilen.“ Auch das Zusammenführen von Kindern aus unterschiedlichen sozialen Schichten in einen gemeinsamen Schulsprengel ist leichter gesagt als getan, wohnen doch aufgrund höchst unterschiedlicher Wohnkosten Bevölkerungsgruppen ähnlichen Einkommens in Nachbarschaft.

Wie Rainer Werner gestehe ich manchen Befürwortern der Gesamtschule lautere Absicht zu. Werner hat wohl recht, wenn er schreibt: „Ich will nicht ausschließen, dass sozialdemokratische Bildungspolitiker tatsächlich glauben, bei dieser ‚gerechten‘ Mischung der Kinder färbe etwas vom Leistungsvermögen der guten auf die schwachen Lerner ab.“ Der Schulpraktiker Werner weiß aber auch aus seinen „langjährigen Erfahrungen an einer Gesamtschule“, dass Theorie und Praxis weit auseinanderklaffen: „Schulleiter geben offen zu, dass sich die Realschüler eher dem Leistungsvermögen und dem Sozialverhalten der Hauptschüler angepasst haben als umgekehrt.“ Anpassung erfolgt in der Schulwirklichkeit Jugendlicher eben weit häufiger in eine negative Richtung, leistungsmäßig wie disziplinär. Das erkennen allerdings nicht nur Fachleute der Praxis, sondern unzählige BildungswissenschaftlerInnen seit Jahren und Jahrzehnten.

Der Realität menschlichen Verhaltens begegnen „ExpertInnen“ mit Repetieren von Glaubenssätzen und Visionen einer heilen Gesellschaft. „Diskutiert“ wird lieber unter Ausschluss von Fachleuten der Praxis und Theorie. Manch Mitgliederversammlung von Sekten stelle ich mir ähnlich „ergebnisoffen“ vor. Fakten will man natürlich nicht erfahren: „Da die Leistungen der Schüler in Gemeinschaftsschulen schlechter sind als die der Schüler im gegliederten System, verweigern sich die sozialdemokratischen Kultusminister einem vergleichenden Leistungstest. Sie ahnen, wie er ausfallen würde.

Man „spielt“ mit dem wirtschaftlichen Wohlstand. Wenn dieser verspielt ist, wird auch das „progressivste“ Steuersystem nichts mehr finden, was umverteilt werden kann. Das gesamtschulerfahrene England lässt grüßen: „… no country has a significantly bigger socio-economic achievement gap than England at either age 13/14 or age 15/16.“ (2)

(1) Rainer Werner, Der Irrglaube, dass Bildung „gerecht“ sein kann. In: Welt Online vom 5. März 2013.

(2) John Jerrim und Alvaro Choi, The mathematics skills of school children: How does England compare to the high performing East Asian jurisdictions? (DoQSS Working Paper No. 13-03, February 2013), S. 16. Verglichen wurden Australien, England, Hongkong, Italien, Japan, Litauen, Norwegen, Russland, Schottland, Singapur, Slowenien, Taiwan und die USA.

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

6 Antworten zu “Gerhard Riegler: Umverteilung

  1. Wie immer in diesem Blog: Hier schreiben Praktiker aus der Bildungsrealität, bzw. werden deren Wissen dargestellt!

  2. professorgrass

    In der Tat, die Gesamtschule wird das Aufgehen der Schere zwischen Arm und Reich nicht verhindern können. Die Situation des „gesamtschulerfahrenen England“ sagt uns aber auch mehr über das Resultat der neoliberalen Reformen der Frau Thatcher als über das Versagen der Gesamtschule.

  3. Erich Wallner

    Aus Gründen der Aktualität (1. Meldungen von Daimler und VW aus den letzten Tagen und 2. Verhandlungen zum Lehrerdienstrecht) möchte ich auf einen anderen Aspekt des Themas „Umverteilung“ hinweisen:

    1. Hannover/Stuttgart. Rund 130 000 Tarifbeschäftigte beim Autobauer Daimler dürfen sich diesmal über 3200 Euro Erfolgsbonus freuen. Das Geld fließt mit dem Aprilgehalt als Ergebnisbeteiligung für das vergangene Jahr, wie der Dax-Konzern am Freitag in Stuttgart mitteilte. Es handele sich um die dritthöchste Prämie seit Einführung der Belohnung im Jahr 1997.
    2. Wolfsburg/Hamburg. 7200 Euro Bonus zahlt Volkswagen seinen Beschäftigten in den sechs westdeutschen Werken für das Rekordjahr 2012. „Die Erfolgsbeteiligung ist hart erarbeitet und verdient“, sagte Personalvorstand Horst Neumann am Mittwoch auf einer Betriebsversammlung im Stammwerk Wolfsburg. Im Vorjahr hatte VW den Tarifbeschäftigten an den Standorten Braunschweig, Emden, Hannover, Kassel, Salzgitter und Wolfsburg noch 300 Euro mehr gezahlt.

    Wenn man als Lehrer grundsätzlich immer nur hört, dass man ja einen sicheren Arbeitsplatz habe, dann sollte man auch solche Meldungen zur Kenntnis nehmen.

  4. Bildung und Ausbildung haben in Österreich einen sehr niederen Stellenwert.
    Welche Länder haben eine Gesamtschule, die man am ehesten mit Österreich vergleichen könnte?
    Wie sind die Ergebnisse dort, herrscht dort besseres oder schlechteres Bildungsniveau?

    Ich glaube, der Autor hat hier eine völlig falsche Sicht der Dinge, ebenso wie die Sozialdemokratie. Diese falsche Sicht der Dinge erkenne ich an folgender Aussage:
    Es “ … färbe etwas vom Leistungsvermögen der guten auf die schwachen Lerner ab.“

    NEIN, nicht die Kinder sollen sich gegenseitig unterrichten, sodass etwas vom guten Lerner auf den schwachen Lerner abfärbt,
    NEIN, die Lehrpersonen haben die Kinder zu unterrichten und zu sorgen, dass auch auf den schwachen Lerner was abfärbt und der starke auch gut gefördert wird.
    Das passiert nicht automatisch von selbst Gott gegeben, hier ist ein Zutun der unterrichtenden Personen absolut erforderlich!

    Der Sinn eines allgemeinen öffentlichen Schulsystems (inkl. Schulpflicht) besteht darin, dass auch die schwächsten aus den untersten Schichten ein Mindestmaß an Bildung und Grundfähigkeiten erwerben.

    Diese Forderung stelle ich sogar an das öffentliche Bildungssystem im letzten ostafrikanischen Staat.

  5. Reblogged this on tinypwny's blog and commented:
    Bildung und Ausbildung haben in Österreich einen sehr niederen Stellenwert. Welche Länder haben eine Gesamtschule, die man am ehesten mit Österreich vergleichen könnte?
    Wie sind die Ergebnisse dort, herrscht dort besseres oder schlechteres Bildungsniveau?

    Ich glaube, der Autor hat hier eine völlig falsche Sicht der Dinge, ebenso wie die Sozialdemokratie. Diese falsche Sicht der Dinge erkenne ich an folgender Aussage:
    Es ” … färbe etwas vom Leistungsvermögen der guten auf die schwachen Lerner ab.”

    NEIN, nicht die Kinder sollen sich gegenseitig unterrichten, sodass etwas vom guten Lerner auf den schwachen Lerner abfärbt,
    NEIN, die Lehrpersonen haben die Kinder zu unterrichten und zu sorgen, dass auch auf den schwachen Lerner was abfärbt und der starke auch gut gefördert wird.
    Das passiert nicht automatisch von selbst Gott gegeben, hier ist ein Zutun der unterrichtenden Personen absolut erforderlich!
    Der Sinn eines allgemeinen öffentlichen Schulsystems (inkl. Schulpflicht) besteht darin, dass auch die schwächsten aus den untersten Schichten ein Mindestmaß an Bildung und Grundfähigkeiten erwerben.
    Diese Forderung stelle ich sogar an das öffentliche Bildungssystem im letzten ostafrikanischen Staat.
    P.S.: Die Industriellen-Vereinigung benötige Lehrlinge, die zumindest die Grundrechnungsarten beherrschen und sinnerfassend lesen können.

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