Gerhard Riegler: Ein Dienstwagen für Lehrlinge

Treffen einander zwei Fünfzehnjährige nach der Schule. Sagt der eine: „Kommst du noch mit auf den Fußballplatz?“ Antwortet der andere: „Heute kann ich leider nicht, es kommen sich am Nachmittag noch drei Firmenchefs bei mir vorstellen.“

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Wer meint, die Realität würde mit diesem Witz nicht Schritt halten, könnte bald irren. Die Süddeutsche Zeitung berichtete vor wenigen Tagen unter dem Titel „Dienstwagen für Azubis“ (1) von Entwicklungen, die vor kurzem noch unvorstellbar schienen: Der Chef einer Lackiererei bietet tatsächlich jedem, der sich bei ihm mit einem Notendurchschnitt von unter 1,5 als Lehrling bewirbt, einen kostenlosen Kleinwagen. Als Draufgabe gibt es neben einem „Auto für gute Noten“ noch Bezahlung deutlich über dem Tarifvertrag.

Andere Firmen offerieren ihren Azubis nach bestandener Zwischenprüfung 500 Euro extra und, so berichtet die Süddeutsche, „bei Abschluss der Lehre gibt es weitere 500 Euro obendrauf“ (2). Goldene Zeiten für junge Menschen, die sich nicht in die Akademisierungsfalle locken lassen und bereit sind, einen Lehrberuf zu ergreifen.

Dass OECD und Konsorten weiterhin krampfhaft an der Matura für alle und danach am Bachelor für alle festhalten, führt junge Menschen in vielen Staaten massenweise in die Sackgasse, ist ein rücksichtsloses „Spiel“ mit jungen Menschen, für manche „PlayerInnen“ aber durchaus lukrativ. Denn die Marktgesetze regieren da wie dort, und während „azubi-willigen“ jungen Menschen – auch finanziell – der rote Teppich ausgerollt wird, sinkt der Preis (= Lohn) für massenhaft graduierte AkademikerInnen ebenso schnell. Manche US-amerikanische Firmen laden BewerberInnen ohne „bachelor degree“ gar nicht mehr zum Vorstellungsgespräch ein, und – so schreibt die New York Times – selbst BürobotInnen müssen einen College-Abschluss vorweisen, um dann mit einem Stundenlohn von 10 Dollar angestellt zu werden. (3)

Über derartige Löhne können deutsche FacharbeiterInnen nur müde lächeln, und mancher Azubi hat bei der Heimfahrt im Dienstwagen für arbeitslose Bachelor – OECD-weit bereits ein Heer von Millionen – wohl nur Mitleid und ein verständnisloses Kopfschütteln übrig. Durchaus möglich, dass ein Lehrling nach dem Vorstellungsgespräch auf Kosten des künftigen Chefs mit einem Taxi nach Hause fährt, an dessen Steuer ein Bachelor der Politikwissenschaften oder ein Magister der Publizistik sitzt, weit jenseits der Zwanzig und ohne realistische Aussicht auf einen facheinschlägigen Berufsweg. Die Frage, ob sich Europa – ganz abgesehen vom Leid für den Betroffenen – mit seiner extrem niedrigen Geburtenrate dieses „Spiel“ auf Dauer leisten kann, ist nicht nur eine akademische.

Doch es gibt den Silberstreifen am Horizont: In den letzten Jahren nimmt die Anzahl der EU-Staaten zu, die sich am deutsch-österreichischen Schulwesen orientieren und Vielfalt statt akademischer Monokultur rekultivieren wollen. Und in den USA, dem Hauptfinanzier der OECD, findet Präsident Obama sehr engagierte und ehrliche Worte über den desaströsen Zustand des US-amerikanischen Schulwesens, das immer mehr SchülerInnen als Dropouts verliert. Zeit, dass Österreich sein Schulwesen wie ein verspäteter Lemming nach überholten OECD-Vorgaben radikal umbaut? Ein Blick auf die Fakten und mehr Selbstbewusstsein wären im Interesse der Jugend angesagt!

(1) Thomas Öchsner, Dienstwagen für Azubis. In: Süddeutsche Online vom 18. Februar 2013.

(2) a.a.O.

(3) Catharine Rampell, It Takes a B.A. to Find a Job as a File Clerk. In: The New York Times Online vom 19. Februar 2013.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Ein Dienstwagen für Lehrlinge

  1. Die Besten …
    Alle suchen die Besten: Die Schulen hoffen, die besten Schülerinnen und Schüler einer Jahrgangs werden sich bei ihnen einschreiben, die Lehrlingsbetriebe suchen die besten Auszubildenden, die Universitäten und pädagogischen Hochschulen sollen den Wunsch der Bildungsministerin umsetzen, dass „die Besten“ sich zur Lehrerin / zum Lehrer ausbilden lassen.
    So weit, so gut.
    Zur Realität im Bildungswesen: Wie schaffen wir es, unsere Schülerinnen und Schüler bestmöglich zu fördern? Wie können wir die besonderen Begabungen, die Interessen der Jugendlichen und ihre Motivation zu hoher Leistung (und damit auch zu ihrem persönlichem Glück) führen?
    – Bekenntnis zur Individualität jeder Person
    – Bekenntnis zur Begabungs- und (Hoch-) Begabtenförderung
    – Individuelle Beratung der Kinder und Jugendlichen an den Nahtstellen
    – Ausreichend Ressourcen für individuelle Lernbegleitung
    Jede Person hat Fähigkeiten und trägt zum Gelingen in der Gesellschaft bei. Fernab jeder Einheitsschule, weit weg von verordneter Uniformität („Gleichmacherei“) und in großer Distanz zu jeder „Bildungsromantik“ möge uns die beste Förderung der Jugendlichen in allen Fassetten des österreichischen Bildungssystems gelingen
    wünscht sich und dem ganzen Land
    Alfred Nussbaumer

  2. Bildungssystem gone wild? Oder könnte man diesen Artikel auch mit „Versagen des traditonellen Schulsystems“ überschreiben?
    Erschreckend ist es allemal!
    Und @ Herr Nussbaumer: die Ansätze müssten schon viel, viel früher gesetzt werden. Fragen Sie vielleicht mal in Schwellen- und Entwicklungsländern nach…
    Vielen Dank für diesen Beitrag.

    1. Absolut richtig! Die beste Förderung der ganz Jungen beginnt in der Familie und findet bereits im Vorschulalter die konsequente Fortsetzung. Die individuelle Begleitung sollte dabei in keiner Alterstufe unterbrochen werden – vor allem Kinder und Jugendliche dürfen nicht auf Uniformität hin erzogen werden (aber in diesem Punkt sind wir uns ja einig). Somit erhebe ich ausdrücklich ein Lob auf ein hoch differenziertes Bildungssystem!

      1. Lieber Alfred,
        was du hier schreibst, trifft meiner Meinung nach den Nagel derart exakt auf den Kopf, dass ich dir antworten muss:
        Was du auf Basis deiner reichen pädagogischen Erfahrung schreibst, wird von aktuellen Studien noch deutlicher bestätigt, als dies in den letzten Jahren und Jahrzehnten ohnhin schon der Fall war.
        Was uns noch fehlt, ist die Bereitschaft der PolitikerInnen, sich von ihren Dogmen und Vorurteilen zu befreien und sich einmal im Leben einen Monat Zeit zu nehmen, um all das nachzulesen, was an bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen vorliegt, ihnen aber offensichtlich noch unbekannt ist. Denn ich billige der Mehrheit von ihnen zu, dass sie sich nicht absichtlich von „ExpertInnen“ hinters Licht führen lassen. Sie haben sich Scharlatane als BeraterInnen gewählt und werden von ihnen durch die Arena geführt.
        Wer bildungspolitisch mitbestimmen will, sollte sich die Zeit für diesen Abgleich seiner Tätigkeit mit der Wirklichkeit nehmen, bevor noch größerer Schaden angerichtet wird, weil Politikerinnen in ihrer Engstirnigkeit jungen Menschen Chancen rauben, die diese verdienen. Wer gibt z.B. all den inzwischen erwachsenen MigrantInnen ihre Bildungs- und Lebenschancen zurück, die man ihnen über das Dogma der Gleichbehandlung geraubt hat?

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