Politiker-Krankheit Nr. 1

Dieser tägliche Spagat zwischen dem eigenen hohen Anspruch an sich selbst und an einen effektiven Unterricht und der vorgefundenen Realität ist Stress pur und macht den Pädagogen das Leben unnötig schwer und sie letztendlich krank.” Mit diesen klaren Worten wird der baden-württembergische VBE-Landesvorsitzende (1) Gerhard Brand zitiert. „Es müsse in der Gesellschaft wieder ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass an allererster Stelle Eltern für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich seien. Und dass Schule Zeitressourcen brauche, um die wachsende Zahl von therapeutischen Gesprächen mit einzelnen Schülern sowie den konstruktiven Dialog mit den Eltern zu bewältigen.“ (2)

bigstock-Procrastination-blog

Doch nicht nur wir Lehrer (3) haben es satt, einen permanent wachsenden Teil der Unterrichtszeit mit Konfliktschlichtung und Ermahnung zu verbringen, statt Wissen und Können zu vermitteln. Die – im wahrsten Sinn des Wortes – schweigende Mehrheit der nicht verhaltensoriginellen Schüler und deren Eltern sehnen sich ebenfalls nach klaren, durchsetzbaren Verhaltensregeln.

Auch das galoppierend wachsende Phänomen der „Gleitzeitschüler“ wird immer mehr zum Störfaktor. In Deutschland versucht man, diesem Trend mit einer einfachen Maßnahme zu begegnen: Trägt ein Lehrer am Computer ein, dass ein Schüler wiederholt unentschuldigt fehlt, versendet das System automatisch eine SMS oder E-Mail an den Schüler oder dessen Eltern. Doch Ungemach droht von Seiten der Datenschützer. Selbst eine überaus freundliche Formulierung wie etwa „Es ist 8.30 Uhr. Wir vermissen Dich. Komm bitte zur Schule.“ sei nicht akzeptabel. Das Höchste der Gefühle wäre eine neutrale Bitte um Rückruf. (4)

Die Hilflosigkeit mancher Eltern ihren Sprösslingen gegenüber zeigt sich in einer Aussage der Direktorin einer solchen SMS-Versuchsschule: „Manche Eltern fragen mich, was sie denn tun sollen, wenn sie eine SMS bekommen. Sie müssen dann Verantwortung wahrnehmen, auch wenn sie gerade arbeiten.“ (5)

Bildungspolitikern, die zwar den Ruf nach störungsfreiem Unterricht vernehmen, sich aber zu keinen Taten durchringen können, empfiehlt sich ein Besuch der Prokrastinations-Ambulanz der Uni Münster (6), in der chronische Aufschieber Rat und Hilfe bekommen. Es ist nämlich höchste Zeit zu handeln. Wir Lehrer, die große Mehrheit der Schüler und deren Eltern warten seit Jahren sehnsüchtig darauf. Allerdings dürfte es sich bei der Prokrastination um die Politiker-Krankheit Nr. 1 handeln.

(1) Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist eine der beiden großen Lehrerorganisationen in Deutschland. Er vertritt ca. 140.000 Pädagogen.

(2) Lehrer machen gegen schlechte Erziehung mobil. In: News4teachers Online vom 12. Februar 2013.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(4) Siehe Carsten Janke, Liebesgrüße aus der Schule. In: Süddeutsche Online vom 4. Februar 2013.

(5) a.a.O.

(6) Was Du heute kannst besorgen – Tipps gegen Aufschieberitis. In: Stern Online vom 4. Februar 2013.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


6 Gedanken zu “Politiker-Krankheit Nr. 1

  1. Manche Schüler verstehen die Schule als eine freizeitbegleitende Ausbildung.

    Ich würd die Anzahl der Fehlstunden ins Zeugnis drucken, und zusätzlich mehrjährig gesammelt ins Abschlusszeugnis. Ich bin sicher, auch Eltern würden dann vehementer ihre Rechte und Pflichten als Erziehungsberechtigte durchsetzen.

  2. Viele ehemalige Schülerinnen und Schüler, dann schon Studierende, haben mich bei Klassentreffen gefragt, wieso die Schule ihnen nicht dieses und jenes aus dem realen Leben beigebracht hätte, z. B. das Einhalten von Terminen.
    Ich möcht es in einen Vergleich fassen: Würde sich ein Polizist einem Autolenker gegenüber, der soeben cool eine Stopptafel missachtet hat, so verhalten, wie es vom endlos gütigen und verständnisvollen Lehrer erwartet wird, müsste er den Fahrer dafür loben, dass er eh geblinkt habe, angemessen langsam gewesen sei, sogar das Pannendreieck vorweisen habe können usf. Stopptafel? „Aber das schaffst du schon, wenn du dich bemühst“ … Eigenverantwortung lehren!!!

    1. Lieber Hans,
      jetzt ist es aber schon übermorgen.
      Spann uns nicht länger auf die Folter, unterbrich deinen mehr als verdienten Ruhestand!

  3. Nun, mit dem verschärften Aufsaugen von schulischen Inhalten brachten es „einLoddaMatthäus“, ein BorisTennis oder SchorschDabbeljuh auch nicht weit. Von „Superstars“ des Dödelsenders mal nicht zu reden. Oder vom 0 Akkord Wunder DieterB.
    Aber „Jugend forscht“- Teilnehmer werden, solange sie nur in BayernAlpha enorm unpopulär präsentiert werden, auch keine Vorbilder sein.
    Aber: Ich hatte ja noch mit dem Restbestand der Nazi- Lehrer zu tun. Da sind viel zu wenige dem Unterricht fortgeblieben. Das änderte sich 1968. Da haben die was auf die Fresse gekriegt, von ehemaligen Schülern, „outdoor- Demo“, da war ich 10. Und fand Schule mal gut. Warum sonst selten….frag die Pädagogen, ich NIE wieder. dass ich überhaupt 3 Sätze schreiben kann, ist purem Trotz gegen einen Dödel- Deutschlehrer geschuldet. Ich ahnte, ich kann es besser, als der Lump befand. Das Kollegium STIMMTE MIR ZU:
    Was erreicht Schule heute? Lehrlinge, die mit 22 Jahren beginnen? Was soll das? Da haben in Ländern, in denen der „Kultur= Ländersache“- Terror kein Standard ist, schon erste Professorinnen das Bildungssystem verlassen. Denn es ist nicht für die Beamten da. Aber da ich keinen Abschluss in Laberfächern habe, wird der Jauch mich nie einladen. Ende der Aufregung. Danke für die Geduld.

  4. Es gibt viele Politiker-Krankheiten, nicht nur Procrastination.
    Und nicht nur Politiker leiden unter solchen Krankheiten.

    Aus gegebenem Anlass verweise ich auf den aktuellen ÖPU-Wochenspiegel Seite 8: „’Nicht genügend’ für Landesschulrat“.
    Dass sich der Kärntner LSR blamiert, indem er eine Falschmeldung verbreitet, die auf einem Äpfel-Birnen-Vergleich gründet, ist eine Sache. Shit happens, so etwas kann in der Hektik vorkommen.

    Die bemerkenswerten drei Sätze in dem Artikel sind folgende: „Der Präsident des Landesschulrates, Walter Ebner, entschuldigte sich für die Falschmeldung vom vergangenen Freitag. Damals sagte er, Lehrer und Schüler hätten sich noch nicht ausreichend auf die Zentralmatura eingestellt, die in zwei Jahren kommen werde. Daher die Fünfer-Lawine.“

    Diese reflexartige Schuldzuweisung an die Lehrer – diesfalls seitens der vorgesetzten Dienstbehörde (der ja die Dienstaufsicht obliegt: wer hätte denn da dann in letzter Konsequenz eigentlich versagt?) – und zwar pikanterweise für ein Versäumnis, welches es gar nicht gibt (in Wirklichkeit sind die Oberstufen-Fünfer sogar weniger geworden) – diese reflexartige Schuldzuweisung kennen wir nur zu gut. Die Aussage, die Schüler hätten sich nicht ausreichend auf die Zentralmatura eingestellt, bedeutet natürlich in Wirklichkeit, dass sie von den Lehrern nicht ordentlich vorbereitet worden seien. Schuld sind also wieder einmal die Lehrer, auch wenn gar nichts passiert ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s