Gerhard Riegler: Luftschlösser politischer Propaganda

Kommentare zu bildungspolitischen Fragen geben uns LehrerInnen selten Grund zur Freude. Lehrerbashing liegt massiv im Trend, der journalistische Zeitgeist meint PädagogInnen gleichzeitig diskreditieren und ihnen schier Übermenschliches abverlangen zu können. Umso wohltuender liest sich daher ein Kommentar, der am 28. Jänner in der Presse abgedruckt war. Den Autor möchte ich vorerst nicht verraten, dafür aber eine Schlüsselpassage zitieren: „Die Aufforderung an die Schule […], sie solle gesellschaftliche Gerechtigkeit herstellen, ist ähnlich illusorisch wie die Einladung an den Arzt eines Armenviertels, er möge seinen Patienten die gleiche Lebenserwartung wie jene der Cottage-Bewohner verschaffen.

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Auch zum heißen Eisen „Problemschulen“ findet der Autor klare Worte. Die Wurzeln ortet er in der „Konzentration armer und bildungsferner Bevölkerungsgruppen in bestimmten Regionen und Stadtteilen, miserablen Wohnverhältnissen, der fehlenden Integration ins Arbeitsleben und einer missglückten Stadtplanung.“ Wer einen derart realistischen Blick auf die wahren Herausforderungen der Schule hat, kann kein „Experte“ aus dem Dunstkreis der Unterrichtsministerin sein, ergehen sich diese doch permanent in der Konstruktion pädagogischer Luftschlösser.

Bevor die geschätzte Leserschaft jedoch bei der Autorensuche auf die falsche Fährte gerät, soll der Urheber des Kommentars geoutet werden: Dr. Kurt Scholz, seines Zeichens Sozialdemokrat und ehemaliger amtsführender Präsident des Wiener Stadtschulrats. Ob Mangel an ideologischer Spurtreue ihm dereinst diese Funktion gekostet hat, kann wohl nur Michael Häupl beantworten, sein Hang zur ehrlichen Analyse ist jedenfalls ungebrochen, wie folgende weitere Zitate belegen:

  • Die Schule ist ein Sicherheitsfaktor. Wo sie kann, erzieht sie zum Miteinander. Vielleicht ist sie damit die wichtigste Einrichtung der inneren Sicherheit unseres Landes.
  • Die Lehrerinnen und Lehrer erfinden dort keine Probleme, sie bekommen sie importiert. Sie finden eine Ungleichheit vor, die sie mit den Mitteln der Pädagogik allein nicht aus der Welt schaffen können.“ (1)

Schade, dass Bildungspolitiker solchen Formats auf das Kommentieren beschränkt werden, während DilettantInnen den Kurs der Schulpolitik bestimmen.

(1) Kurt Scholz, Die Pädagogik allein kann keine gerechte Gesellschaft schaffen. In: Presse Online vom 29. Jänner 2013.

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Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Luftschlösser politischer Propaganda

  1. Die Quintessenzen sollten zur morgendlichen Pflichtlektüre jedes Bildungsverantwortlichen bzw. Bildungspolitiker gehören! Gemeinsam mit den Zitatesammlungen der ÖPU geben sie einen wahrlich realistischen Blick in den Schulalltag, fernab populistischer Träumereien von billigen Ganztagslehrkräften und elitären Gesamtschulen…

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