Frontal finnisch

Wenn „Experten“ (1) vom finnischen Schulsystem schwärmen, „vergessen“ sie penetrant zwei Bereiche – einen wohl aus Ignoranz, den anderen wahrscheinlich aus ideologisch motivierter Absicht:

  • Finnische Kinder lesen beim Fernsehen, und zwar nicht, weil sie begeisterte „Multi-Tasker“ wären, sondern zwangsweise. Die US-Massenware an mehr oder weniger dümmlichen TV-Serien wird in Finnland nämlich nicht synchronisiert, sondern mit finnischen Untertiteln versehen.
  • Finnische Lehrer sind Weltmeister im „Frontalunterricht“.

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Allein das Wort „frontal“ löst bei vielen kalte Schauer aus, kommt es doch in der Alltagssprache häufig in negativem Zusammenhang vor (Frontalzusammenstoß, Frontalangriff etc.). Seit den Sechzigerjahren kursiert der Begriff, der von Haus aus darauf angelegt war, der Gruppenarbeit ein Monopol auf pädagogische Fortschrittlichkeit und Sinnhaftigkeit zu sichern. (2) Ich bevorzuge daher seit langem den nicht pejorativen Begriff „direkte Instruktion“.

Auch hierzulande ist die direkte Instruktion seit Jahrzehnten verpönt. Insbesondere in der Aus- und Fortbildung werden alle möglichen anderen didaktischen Konzepte gepriesen. „Das Image des Frontalunterrichts ist so schlecht, dass Lehrer nur mit schlechtem Gewissen auf diese Weise Stoff vermitteln“, stellt der Bildungsökonom Guido Schwerdt vom Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo fest. (3)

Guido Schwerdt hat sich zusammen mit seiner Kollegin Amelie Wuppermann von der Ludwig-Maximilians-Universität München auf ideologisch spiegelglattes Parkett gewagt und „den Frontalunterricht rehabilitiert“. In einer groß angelegten Analyse wurde nachgewiesen, „dass Schüler in Tests umso besser abschneiden, je mehr Zeit der Lehrer für die frontale Vermittlung des Stoffs aufgewendet hat“. (4) Die Neue Zürcher Zeitung zitiert Guido Schwerdt weiter: „Wenden Lehrer nur 10 Prozent mehr Zeit für Frontalunterricht auf, zeigen die Schüler einen Leistungsvorsprung, der einem Wissenszuwachs von 1 bis 2 Monaten Schulbildung entspricht.

Die Analyse räumte auch mit einer weiteren Mär auf: „Mehr Frontalunterricht verbessert die schulische Leistung sowohl von schwächeren als auch von begabteren Schülern.“ Endgültig schwarz vor Augen wird manchem Schreibtisch-„Experten“ wohl bei der Lektüre des folgenden Satzes: „Von den modernen Ansätzen profitierten vor allem die Schüler aus bildungsnahen Gesellschaftsschichten.“ Die direkte Instruktion verhilft also besonders Kindern mit benachteiligendem sozio-ökonomischen Hintergrund zu besseren Lernerfolgen. (5)

Im Gegensatz zu den „Experten“ wundern uns Lehrer diese Erkenntnisse wohl wenig. Wir haben längst erkannt, dass ein sinnvoller Methodenmix, angepasst an die jeweilige Klasse, den optimalen Lernerfolg sichert.

Wir werden Finnland nicht blind hinterherlaufen, beim Unterricht Marke „brutal frontal“ ebenso wenig wie bei der Gesamtschule. Für sinnvoll eingesetzte direkte Instruktion genieren müssen wir Lehrer uns aber sicher nicht.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) „Wiechmann (2000) hat den Ursprung des Worts „Frontalunterricht“ auf einen Aufsatztitel von Petersen und Petersen (1954) zurückverfolgen können; seit den 1960ern wurde der Ausdruck wie selbstverständlich benutzt, zumeist in pejorativer Absicht, um die favorisierte Gruppenarbeit davon abzuheben. Obwohl der Frontalunterricht der am meisten verwendete Unterrichtsstil im Schulalltag ist, ist er ein Stiefkind der wissenschaftlichen Didaktik.“ Siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Klassenunterricht.

(3) Zit. n. Katharina Bracher, Eintrichtern ist besser. In: NZZ am Sonntag vom 6. Jänner 2013, S. 53.

(4) a.a.O.

(5) a.a.O.

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8 Kommentare

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8 Antworten zu “Frontal finnisch

  1. professorgrass

    Das ist eine wahrhaft konsequente Argumentation: Die direkte Instruktion auf ganzer Linie rehabilitieren, weil sie ja u.a. in Finnland so erfolgreich ist, aber der Gesamtschule nachhaltigen Widerstand leisten. Wem wird da im politischen Sinne nicht schwarz vor den Augen?

    Anmerkung Quin: Die finnischen SchülerInnen verlieren von dem großen Leistungsvorsprung, den sie nach ihrem ersten Lebensjahrzehnt aufweisen, von der fünften bis zur achten Schulstufe etwa ein halbes Lernjahr. Das belegen die Ergebnisse von PIRLS 2011 und TIMSS 2011. Umgekehrt verringert sich die Abhängigkeit der Leistung vom sozio-ökonomischen Hintergrund in Österreich nach der Gesamtschule Volksschule in der Sekundarstufe I mit ihrem „bösen“ differenzierten Schulsystem.

  2. Bezugspaedagogin

    Na bitte.
    Meine Wahrnehmung: Durch Frontalunterricht kriegen die schlechten und die, die voellig unstrukuriert arbeiten, eine Chance. Fuer die guten und gut organisierten Schueler ist es immerhin wesentlich bequemer und effizienter, vom Lehrer den Stoff uebersichtlich dargeboten zu bekommen. Nicht unwesentlich, sind wir im Zuge der Zentralisierung der Reifepruefung ja gezwungen, eine nicht unerhebliche Menge an Stoffgebieten in knapp bemessenen Anzahlen von Wochenstunden unterzubringen!

    Die vielen anderen Methoden will ich jedoch nicht missen: Sie eignen sich hervorragend fuer besondere Anlaesse: Projektwoche, Tag der offenen Tuer, Besuchstage des LSI, Landschulwoche, letzte Schulwoche, Schikurs, Supplierstunden etc.

  3. professorgrass

    Unser Schulsystem ist nicht einfach nur differenziert, sondern es handelt sich um äußere Differenzierung, gegen eine innere Differenzierung spricht ja nichts. In Österreich wird die äußere Differenzierung besonders groß geschrieben, in anderen Ländern ist der Zugang schon länger ein anderer, siehe z.B. die Inklusion: http://www.zeit.de/2012/23/Schule-Inklusion

  4. Stefan Schuch

    Ohne Zweifel, die Vielfalt macht es aus beim Unterrichten, aber ohne direkte Instruktion lässt sich so manches gar nicht vermitteln. Das Schlechte ist meiner Erfahrung nach nicht der direkte, lehrerzentrierte Unterricht, sondern die Defizite liegen bei den Unterrichtenden. Je schlechter diese sind, umso schneller wird der Frontalunterricht zur langweiligen Qual und fruchtet wenig. Aber damit sind wir dann auch allzu rasch bei der Problematik der Lehrerausbildung … und das ist ein weites (Problem-)Feld.

  5. So ist es: Direkte Instruktion ist die effizienteste Methode, um Wissen zu vermitteln. Besonders erfolgreich dann, wenn der Vortrag lebendig gehalten, gut strukturiert, altersgemäß und nach Möglichkeit von Bildern und Grafiken begleitet wird. Wichtig ist halt noch, dass alle aufpassen und keiner stört.

    Ich wusste es doch immer: der Fernseher ist der beste Lehrer. Jemand muss die passenden Filme aussuchen und dann brauchen wir noch jemanden, der schimpft, wenn die Schüler unter der Bank SMS schreiben.

    Ich werde jetzt in der Abendschule einen Kurs über Schifahren aussuchen. Wollte ich schon lange lernen.

    • Bezugspaedagogin

      Bevor du frustiert vom Abendkurs heimkommst weilst feststellen musst, dass trotz frontaler Bemühungen keiner deiner Schützlinge Schifahren gelernt hat, solltest auch mal auf die Erfahrungen vieler Schilehrer (heute eher: Instruktoren) vertrauen: Nicht alles, was alt ist und über Generationen zum Erfolg führte, muss verworfen werden!

      Zum Schifahren erlernen / verbessern haben sich über Jahrzehnte leistungsdiffernzierte (!) Kleingruppen bewährt. Wennst da nicht nach Leistung differnzierst, hat wirklich keiner was davon, da wirds sogar gefährlich…

      • professorgrass

        Deshalb gibt es ja seit jeher Skihauptschulen und Skigymnasien, um diese Differenzierung zu gewährleisten! Nicht vorzustellen, wenn wir Skigesamtschulen hätten, die eine INNERE Differenzierung vornehmen würden…

      • Ich bin mir sicher, dass jeder frustriert heimkommt, der sich Schifahren erklären lässt, ohne es selbst zu tun. – Und das ist der Grund, warum ich überzeugt bin, dass Frontalunterricht nur ein kleiner Teil des Lernprozesses ausmachen kann. Lernen ist ein sehr individueller, aktiver Prozess, der wenig mit einem Trichter zu tun hat, egal wie bunt dieser Trichter ist. (Sonst wäre es wirklich am einfachsten, man stellte Fernseher mit gut gemachten Programmen in die Klasse)

        Zustimmung: Leistungsdifferenzierte Kleingruppen sind auch in meinem Verständnis eine gute Voraussetzung um zu lernen. Es sollte nur gewährleistet sein, dass die Zusammensetzung der Gruppen nach Bedarf und leicht gewechselt werden kann. Am Beispiel Schifahren: Nach einer Woche Grundkurs macht es Sinn zu sehen, wo jeder steht. Es könnte ja sein, dass sogar ein künftiger Rennläufer Anfangsprobleme hatte (vielleicht weil die Schier nicht zu ihm gepasst hatten, er einfach langsamer ist, oder ein Schnupfen ihn weinerlich machte). Unser Schulsystem ist so ausgerichtet, dass mit neun Jahren bereits Wege gelegt werden, die schwierig verlassen werden können.

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