Gerhard Riegler: Akademisierungswut

Nicht jeder ist für die Uni geeignet“, titelte Christoph Schwarz jüngst in der „Presse“ (1) und wagte sich damit auf das glatte Parkett der „political incorrectness“. Jahrzehntelange Propaganda hat in den Köpfen allzu vieler – unter ihnen nicht wenige JournalistInnen – die Vorstellung zementiert, dass jeder Mensch das Potenzial für einen akademischen Abschluss habe. Man müsse nur das – ach so ungerechte – Schulsystem endlich radikal reformieren, und schon stünde allen der Weg zu Universität und Nobelpreis weit offen.

bigstock-Young-Builder-521028_blogDass junge Menschen ohne Uni-Abschluss und auch ohne Matura ein erfülltes und wirtschaftlich erfolgreiches Leben führen können, wird von realitätsfernen „ExpertInnen“ penetrant geleugnet. Manchen von ihnen unterstelle ich dabei nicht einmal bösen Willen. Sie erinnern mich in ihrem blinden Eifer allerdings an den Pfadfinder, der eine alte Dame über einen Zebrastreifen zerrt, obwohl sie gar nicht auf die andere Straßenseite will. Der Pfadfinder hat aber seine tägliche gute Tat noch nicht vollbracht …

Natürlich hat die grassierende „Akademisierungswut“ (© Christoph Schwarz) auch handfeste ökonomische Hintergründe. Noch wird Studieren hierzulande aus Steuermitteln finanziert, anders als in den USA, wo sich Jahr für Jahr Millionen junger Menschen oder deren Eltern in horrende Schulden stürzen, um die Collegegebühren zu bezahlen. In Europa sind mehrere Staaten, z. B. Frankreich und England, bereits auf dem „besten“ Weg dorthin.

Die OECD-Bildungsabteilung, verantwortlich für PISA und ähnliche Unternehmen, beanstandet Jahr für Jahr die angeblich viel zu niedrige Akademikerquote Österreichs. Eine aktuelle Analyse des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) betrachtet eine Akademikerquote von 20 Prozent mittel- und langfristig als optimal. (2) Diesem Idealwert entspricht Österreichs von der OECD gerügtes Bildungswesen mit derzeit 19 Prozent fast punktgenau.

Wohin die Akademisierungswut führt, zeigt der Blick über die Grenzen:

  • Schweden und Frankreich haben unter den 25- bis 34-Jährigen eine doppelt so hohe Akademikerquote wie Österreich. (3) Dafür ist die Jugendarbeitslosigkeit in diesen Staaten dreimal so hoch. (4)
  • In Portugal ist inzwischen mehr als ein Drittel der Hochschulabsolventen arbeitslos. Massen von JungakademikerInnen sehen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um im Ausland einen Arbeitsplatz zu finden. (5)
  • In Deutschland werden händeringend Lokführer und Installateure gesucht. Der Fachkräftemangel könnte Unternehmen bald dazu zwingen, „Standorte und Stellen aus Deutschland abzuziehen, weil sie hierzulande kein ausreichend qualifiziertes Personal mehr fänden“. (6)

Christoph Schwarz fragt abschließend: „Findet sich ein Bildungspolitiker, der sich traut, das offen auszusprechen?“ (7) Ich wünsche es unseren Kindern und Enkelkindern.

(1) Christoph Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(2) Nur jeder Fünfte braucht Uni-Abschluss. In: Presse Online vom 15. Jänner 2013.

(3) OECD (Hrsg.), Education at a Glance 2012. OECD Indicators (2012), S. 36.

(4) www.bmask.gv.at am 17. Jänner 2013.

(5) Julia Fiedler, Akademikerflucht vor der Krise: Bis Portugal mich braucht, bin ich tot. In: Spiegel Online vom 8. Oktober 2012.

(6) Stefan von Borstel, Deutschland fehlen Lokführer und Klempner. In: Welt Online vom 10. Jänner 2013.

(7) Schwarz, Nicht jeder ist für die Uni geeignet.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Gerhard Rieglers Wochenkommentar

2 Antworten zu “Gerhard Riegler: Akademisierungswut

  1. Ich habe im vorletzten Jahr ein Semester in Frankreich studiert. Dort ist es die Regel, dass quasi jeder nach dem Abitur/Matura an die Uni geht. Das hat die Folge, dass nach einem Jahr ein drittel der Studienanfänger das Studium wieder abbricht. Meiner Meinung nach liegt ein Hauptgrund dafür im oftmals sehr jungen Alter, in dem die Franzosen zur Uni zugelassen werden (die meisten fangen mit 18 an zu studieren).

  2. Ich bin zufällig über einen Link bei WordPress hier gelandet und habe gerne und interessiert gelesen, auch wenn ich manche Dinge anders sehe.

    Zum „Blick über die Grenzen“
    * Akademikerquote und Jugendarbeitslosigkeit in Abhängigkeit zu setzen, ist ähnlich skurril wie die Anzahl der Störche in einem Land und dessen Pro-Kopf-Kinderzahl
    * In Portugal sind nicht nur Akademiker arbeitslos, Nichtakademiker sind vermutlich in deutlich höherem Maß betroffen, darüber habe ich aber keine Zahl gefunden.
    * Neben Lokführern und Klemptnern werden in Deutschland ebenso hängeringend Human- und Zahnmediziner und weitere hoch ausgebildete Fachkräfte gesucht, das lese ich jedenfalls aus dem angegebenen Link heraus.

    Und so scheint es für mich eher so zu sein, dass vielleicht der Bedarf an Akademikern wie Germanisten, Philosophen, Historikern… gedeckt ist, aber sicher bei weitem nicht bei den technischen Studienrichtungen. Ich bin aber auch der Meinung, dass unsere Zeit grundsätzlich eine gute (Aus-)Bildung, braucht, die so breit ist, dass die Menschen flexibel mit ihrem Wissen umgehen können und sich so auf veränderte Situationen umstellen können. Ob Schulen dies derzeit leisten, ob Lehrpläne darauf ausgerichtet sind, daran zweifle ich ein bisschen.

    Schöne Grüße von einer pensionierten Lehrerin

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