Gerhard Riegler: Advent, Advent, kein Lichtlein brennt!

Die Arbeitslosen der südspanischen Stadt Alameda können Medienberichten zufolge regelmäßig bei einer seltsamen Lotterie mitspielen, bei der als Preis ein bezahlter Job winkt. Jeden Monat werden etwa acht Frauen ausgelost, die für vier Stunden Putzarbeiten pro Tag 650 Euro im Monat erhalten. Über 600 Frauen nehmen daran teil. Die Gewinnerinnen wischen dann unter anderem in der städtischen Schule den Boden. (1)

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Die AbsolventInnen dieser und vieler anderer spanischer Schulen haben ein trostloses Schicksal vor sich. Landesweit findet nicht einmal mehr die Hälfte von ihnen Arbeit. (2) Perspektivenlosigkeit und dramatische Verzweiflung sind allgegenwärtig. Die Gewalt auf den Straßen wird uns fast schon täglich auf den Bildschirmen serviert. Selbstmorde wegen drohender Zwangsräumungen häufen sich. In Spanien gehen – durchaus wörtlich zu verstehen – nicht nur im Advent Lichter aus.

Und bei uns wischen manche „ExpertInnen“ noch immer das Argument kaltblütig vom Tisch, dass differenzierte Schulsysteme die jungen Menschen optimal – weil begabungsorientiert und vielfältig – auf den Einstieg in ein differenziertes Berufsleben vorbereiten. Nicht mehr bestreiten können sie, dass Österreich bei der Jugendbeschäftigung gemeinsam mit Deutschland EU-weiter Top-Performer ist. Fast hat man den Eindruck, dass ihnen dies unangenehm ist. Die Ursachen dafür lägen – so will man es der Bevölkerung noch immer vorgaukeln – ausschließlich außerhalb des Bildungswesens. Mangelnde Medaillenerfolge bei Olympia – die Schule ist schuld und gehört radikal reformiert! Übergewichtige Jugend – die Schule ist schuld und gehört radikal reformiert! Eine sensationell niedrige Jugendarbeitslosigkeit – das hat überhaupt nichts mit dem Schulsystem zu tun! So sehen das zumindest manche „ExpertInnen“. Und Medien zünden gerne ein „Experten“-Kerzerl an, wenn’s dafür Lebkuchen in Form von Inseraten gibt. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit!

Manchmal muss man in ausländische Medien blicken, die nicht am Tropf ministerieller Inserate hängen, um einen ungetrübten Blick auf die Wirklichkeit zu gewinnen, die wir in diesen Tagen auf unserer Insel der Seligen genießen; auf das „noch“ habe ich im letzten Satz als grenzenloser Optimist verzichtet. „Foreign Policy“ spricht vom „Austrian Miracle“: „Walking through the beautiful and bustling streets of central Vienna, one finds it hard to imagine that elsewhere in Europe thousands of demonstrators are taking to other streets to protest crippling unemployment and the imposition of punishing austerity measures.“ Einer der Hauptgründe für das „Wunder” wird auch genannt: „In a country with generally good secondary schools and effectively free higher education, the economy enjoys a well-educated workforce and stable relations between management and labor within the social-partnership system that allow for long-term planning.” (3)

Möge unserer Politik und ihren Medien endlich ein Lichtlein aufgehen! Ein Funke Ehrlichkeit würde dafür wohl meistens genügen.

(1) Ein paar hundert Euro zum Leben. In: ORF Online vom 2. Dezember 2012.

(2) Die Jugendarbeitslosigkeitsrate in Spanien liegt derzeit bei 55,9 %! (Quelle: Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz)

(3) Dardis McNamee, The Austrian Miracle. In: Foreign Policy Online vom 5. November 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


4 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Advent, Advent, kein Lichtlein brennt!

  1. Danke an die großartigen Beiträge in diesem Blog! Mögen sie von vielen PoltikerInnen gelesen werden, die mangels Ausbildung von Schulsystemen, ihren Realitäten und vor allem ihren Stärken kaum oder nichts wissen können, und ihnen verantwortungsvoll die Augen (und Herzen) öffnen …

  2. Wie recht du hast, lieber Gerhard! Ich kann deinen Aussagen nur zustimmen.
    Es ist erschreckend, wie in Österreich derzeit versucht wird, die Bildung der zukünftigen Generationen gegen die Wand zu fahren. Gruselig und unverantwortlich!

  3. Erst wenn der letzte Jugendliche sich in das Heer der Jobsuchenden eingereiht hat, werdet ihr erkennen, dass Bildung das Fundament einer gesunden Gesellschaft ist und Ideologieverliebtheit, die Basis für Gesellschaftsvernichtung.

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