Erasmus für (fast) alle

Jeder ist umso glücklicher, je reichhaltiger nach der Meinung der Torheit seine Verrücktheit ist“, schreibt Erasmus von Rotterdam in seinem „Lob der Torheit“. (1) Wer die Medienberichte zu Schulthemen in der vergangenen Woche verfolgte, fühlte sich wohl öfter an diese Aussage des niederländischen Humanisten erinnert.

Hans Holbein der Jüngere, Erasmus von Rotterdam (1523)
Hans Holbein der Jüngere, Erasmus von Rotterdam (1523)

BM Schmied nahm das 2014 beginnende EU Programm „Erasmus für alle“ zum Anlass, mit der Forderung „mehr Auslandsaufenthalte für Lehrer“ (2) an die Öffentlichkeit zu treten. Und die Unterrichtsministerin hat auch schon klare Vorstellungen: „Mein Ziel ist es, die Möglichkeit mehrwöchiger Auslandsaufenthalte als Bestandteil der Aus- und Weiterbildung von PädagogInnen im Bildungssystem zu verankern.“ (3)

Nicht einmal Erasmus von Rotterdam hätte wohl verstanden, wie mehrwöchige Auslandsaufenthalte zur Weiterbildung mit dem Schmiedschen Dogma von „Fortbildung ausschließlich in den Ferien“ in Einklang zu bringen wären. Obgleich mit einer gewissen Reichhaltigkeit an Verrücktheit betrachtet vier Wochen in einer finnischen Schule während der Sommerferien auch einen gewissen Reiz hätten…

In den USA spielt sich ebenso manch Verrücktes in der Bildungsszene ab. Ein Jus-Studium von fünf Jahren – die Mindestzeit für einen Masterabschluss – kostet rund 200.000 Dollar. Kein Wunder, dass sich eine Chicagoer Law School mit Klagen ihrer vormaligen Studenten (4) konfrontiert sieht, deren durchschnittliche Verschuldung bei 165.178 Dollar liegt. Geworben hatte die Uni damit, dass mehr als 90 Prozent ihrer Studenten innerhalb von neun Monaten nach dem Abschluss einen Job gefunden haben – was auch stimmt, wenn man das Einschlichten von Regalen im Supermarkt oder Burger-Braten im Fastfood-Restaurant dazuzählt. (5) Akademikerarbeitslosigkeit ist in den USA mittlerweile ein Massenphänomen. Dort hat man das OECD-Dogma vom „Studium für alle“ besonders intensiv befolgt. Stultitia lässt grüßen.

Dass sich Verrücktheit im Land der begrenzten Unmöglichkeiten noch steigern lässt, beweist ein Bericht der Süddeutschen Zeitung (6) über einen „Schummelring“, der jahrelang angehenden Lehrern „half“, sich durch Prüfungen zu mogeln. Zertifizierung, Standardisierung etc. – ein Trend, der wohl nicht nur in den USA verrückt macht.

Erasmus liefert übrigens auch für einen Landeshauptmann, den Südtiroler Gesamtschulphantasien plagen, die richtigen Worte: „Je weniger wir Trugbilder bewundern, desto mehr vermögen wir, die Wahrheit aufzunehmen.“ Erasmus für Platter wird allerdings wohl ein unerfüllbarer Wunsch bleiben.

(1) „Verum hoc quisque felicior, quo pluribus desipit modis, Stultitia iudice…“ Erasmus Roterdamus, Moriae encomium (1509), Punkt 39.

(2) Schmied will mehr Auslandsaufenthalte für Lehrer. In: Standard Online vom 26. November 2012.

(3) a.a.O.

(4) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(5) Karoline Meta Beisel, Geschönte Aussichten. In: Süddeutsche Online vom 26. November 2011.

(6) Mogel-Bande hilft Lehrern beim Schummeln. In: Spiegel Online vom 27. November 2012.

Bild aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons.


Ein Gedanke zu “Erasmus für (fast) alle

  1. Erasmus und Platter in einem Atemzug …
    Das Kaltwasserbecken nach der Sauna lässt in mir im Vergleich dazu ein Karibikfeeling aufkommen.

    Soll noch einer sagen, Wikipedia habe nichts zu bieten:
    „Trugbild (auch Schimäre) ist eine unwissenschaftliche Bezeichnung für eine nicht wirkliche, imaginäre Erscheinung.
    Beispiele:
    • Wahrnehmungstäuschung:
    o Fata Morgana
    o Optische Täuschung
    • Psychogene Trugbilder:
    o Träume
    o Halluzinationen
    • Phantasmen, mentale Einbildungen
    o lebhafte Phantasie, Tagträume, ins Wache übernommene Traumbilder
    o Hirngespinste …“

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