Demokratieverständnislosigkeit

Der Präsident des Gemeindebunds, quasi der Oberbürgermeister Österreichs, und BM Schmied sind ein Herz und eine Seele, wenn es um die Beschneidung schulpartnerschaftlicher Mitbestimmung geht. Keine Angst, die Schulforen und Schulgemeinschaftsausschüsse sollen nicht abgeschafft werden. Mödlhammer und Schmied wollen nur ein wenig mitbestimmen, wer in Zukunft weniger mitbestimmen darf – nämlich wir Lehrer (1).

Das Thema Ganztagsschule vereint die rote Unterrichtsministerin und den schwarzen Bürgermeister im Bestreben, endlich mit der lästigen schulischen Basisdemokratie aufzuräumen. Wo kommen wir denn hin, wenn Kleinigkeiten wie eine fehlende Schulküche, nicht existente Freizeit- und/oder Sportinfrastruktur etc. daran hindern, eine Schule per Dekret zur Ganztagsschule zu erklären? Kreative Geister wie Schmied und Mödlhammer haben die Patentlösung parat: Sie wollen den lästigen Lehrern, die auf Ausbau der Infrastruktur vor Einführung des Ganztagsbetriebs bestehen, ganz einfach das Mitbestimmungsrecht entziehen. Wer ein solches Demokratieverständnis an den Tag legt, hat KEIN Verständnis für Demokratie.

Die Genialität der Unterrichtsministerin geht aber noch weit über die Mödlhammers hinaus: „Nicht jede Schule benötigt ein Konferenzzimmer im klassischen Sinn. Eine Konferenz lässt sich auch in der Aula oder im Gemeindesaal abhalten“, ließ sie uns in einem „Presse“-Interview (2) wissen. Ob sie diesen Vorschlag mit ihrem neuen Freund Mödlhammer abgestimmt hat, ist nicht überliefert. Vielleicht hat sie ihm ja angeboten, dass er seinen Gemeinderat in ihrem feudalen Büro am Minoritenplatz versammeln darf, wenn sein Gemeindesaal durch eine Lehrerkonferenz besetzt ist. Und eines muss ich BM Schmied zugestehen: Wenn sie ihr neues Lehrerdienstrecht so durchbringt, wie es der Entwurf vorsieht, über den wir seit Mai verhandeln, werden wir in Zukunft so viel unterrichten, dass wir ohnehin kein Konferenzzimmer benötigen…

Eine winzige Kleinigkeit haben allerdings beide übersehen: Verantwortungsbewusste Eltern würden ihre Kinder niemals den ganzen Tag in Gebäuden mit einer Infrastruktur einsperren, die man in Österreich nicht einmal Gewaltverbrechern zumutet. „Durchschnittlich stehen einem Gefangenen in Österreich 7,7 Quadratmeter Haftraum zur Verfügung.“ (3) Und als Lehrervertreter darf ich mir wohl erwarten, dass die Republik Pädagogen nicht schlechter behandelt als Pädophile.

Erst Infrastruktur ausbauen, dann Ganztagsschulen anbieten! An diesem Weg führt kein Abschneider vorbei, nicht einmal ein autoritärer.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Christoph Schwarz, Schmied: „Nicht jede Schule braucht ein Konferenzzimmer“. In: Presse Online vom 13. November 2012.

(3) Veronika Hofinger, Alexander Neumann, Arno Pilgram, Wolfgang Stangl, Pilotbericht über den Strafvollzug 2008 (Wien 2009), S. 110.

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4 Gedanken zu “Demokratieverständnislosigkeit

  1. Auch den neuen Bundesschulsprecher hat „unsere“ Ministerin bereits tief beeindruckt: „In der Öffentlichkeit Mitbestimmung fordern und eben diese Mitbestimmung im Inneren unterbinden – diese Doppelmoral von Seiten der Bundesministerin ist schlichtweg untragbar.“ (Felix Wagner, Bundesschulsprecher, Presseaussendung vom 22. Oktober 2012)
    Immer öfter stellt sich mir die Frage, wer in Österreichs Schulwesen politische Bildung am dringlichsten braucht.

  2. 2011 wurden in Österreich 78109 Kinder geboren. Angenommen, 2012 seien es 85.000. Was hielten Sie von einer Familienministerin, die sich öffentlich über diese gewaltige Steigerung freute? Wäre doch verständlich, oder? – Aber was hielten Sie selber von dieser Steigerung, wenn sich herausstellte, dass von diesen 85.000 Kindern 80.000 Buben und nur 5.000 Mädchen sind? Da stimmt doch irgendwas mit den Relationen nicht, oder?

    Anstatt auf Ministerin Schmied immer nur zu reagieren, könnte man sie durchaus auch offensiv angehen.
    Vor einer Woche fand ich in meinem Postfach an der Schule ein mit „Oktober 2012“ datiertes Schreiben der Ministerin, in dem sie Bilanz zieht über das Optionenmodell für die Zentralmatura im Jahr 2014. „Erfreulich viele Standorte“ hätten sich für die Reifeprüfung NEU bereits 2014 entschieden.

    Die angegebenen Zahlen sind grotesk, wenn man sie untereinander vergleicht (ich zitiere eine Auswahl):
    Englisch schriftlich: 308 (das war zu erwarten), Deutsch schriftlich: 12 (!!), Latein schriftlich: 16.
    Das Verhältnis zwischen der Unterrichtssprache und der (meistens) ersten Fremdsprache beträgt also ca. 1:25. Mehr Standorte haben sich für Latein angemeldet als für Deutsch!

    Auch die Anmeldungen für die mündliche Reifeprüfung NEU wurden erhoben: An der Spitze liegt wieder Englisch mit diesmal allerdings armseligen 21 Standorten, Deutsch und Latein mündlich kommen im Bericht gar nicht vor. Das Verhältnis Englisch mündlich zu Englisch schriftlich (21:308 Anmeldungen) liegt demnach bei ca. 1:15. In Französisch ist es übrigens noch ärger mit 6:157, (d.h. umgerechnet 1:26), ganz zu schweigen von Spanisch mit 1: 33 und Italienisch mit 1:38 Anmeldungen.

    Diese Zahlen sind eine Bankrotterklärung für die Koordination der Vorbereitungsarbeiten zur Zentralmatura, weil die Relationen (so wie in meinem eingangs zitieren Beispiel der Geburtenrate) komplett aus dem Ruder laufen. Bei einer seriösen Vorbereitung müssten die Zahlen in etwa auf einer Höhe liegen, also Deutsch mindestens so viel wie Englisch (Deutsch ist ja Pflicht, Englisch an den meisten Schulen nicht). Das Verhältnis von 1:15 zwischen Englisch mündlich und Englisch schriftlich wiederum und erst recht die Werte in den anderen Fremdsprachen zeigen, dass nicht einmal innerhalb der einzelnen Fächer Stimmigkeit herrscht. Dass die Zahlen für das Fach Mathematik gleich gar nicht genannt werden, lässt auch tief blicken.

    Wieso gibt es in der Gewerkschaft niemanden, der einen solchen aufgelegten Elfmeter verwandelt?

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