Fatales Cybermobbing

Amanda Todd wurde posthum zum YouTube-Star. Die fünfzehnjährige Kanadierin hatte sich im Netz der digitalen Welt verfangen, in jugendlichem Leichtsinn einem digitalen „Freund“ vertraut und sah sich plötzlich am digitalen Pranger. Davonlaufen half nicht, selbst ein Schulwechsel entpuppte sich als sinnlos: Die bösartigen Gerüchte waren ihr im Netz vorausgeeilt, in ihrer neuen Schule warteten schon Spott und Hohn auf sie. In ihrer Verzweiflung schrie Amanda in eben dieser digitalen Welt um Hilfe. (1)

In ihren Augen bekam sie aber offenbar keine befriedigende Antwort auf die Frage: „Warum bin ich noch hier?“ (2) Als für Amanda Todd das Cybermobbing der digitalen Welt unerträglich wurde, sah sie für sich auch in der realen Welt keine Zukunft mehr. Ihr Selbstmord erschütterte viele – wohl auch etliche, die (Cyber)Mobbing als harmloser einstufen als reale physische Gewalt. Doch manchen Keyboard-Tätern stand der perverse Sinn weiter nach Attacke: Ein kanadischer Fernsehsender berichtete, in den Tagen nach Amanda Todds Tod sei das Cybermobbing weitergegangen. (3)

Die berechtigte Erregung darüber führte kurz darauf zu einer digitalen Hetzjagd auf den (vermeintlichen) Verursacher von Amandas Suizid. Auf Twitter erschien wenig später ein Name, dazu ein Alter, ein Wohnort. (4) Die Unschuldsvermutung wird im digitalen Kosmos rasch zur leeren Phrase. Zwischen „Mobbing“ und „Lynchjustiz“ liegen heutzutage oft nur wenige Mausklicks.

Die Pubertät war schon in der prädigitalen Zeit kein Honiglecken. Helfen wir unseren Heranwachsenden gemeinsam, ihre Selbstzweifel zu überstehen und zu erkennen, dass – wenn es hart auf hart geht – zwei reale Freunde oft mehr wert sind als einige Hundert auf Facebook!

Ich werde heute zu Allerseelen nicht nur an die Verstorbenen meiner Familie und meines Freundeskreises denken, sondern auch an Amanda Todd. Mögen Franz von Assisis Worte auch für sie gelten: „Der Tod ist das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Weges.“

(1) Amanda Todd – Video vor dem Selbstmord

(2) „Everyday I think why am I still here?“, fragt sich Amanda Todd in ihrem Video. Siehe auch Christina Trubel, Das Internet kennt kein Vergessen. In: Standard Online vom 31. Oktober 2012.

(3) Siehe Katrin Kuntz, Der angekündigte Tod der Amanda Todd. In: Süddeutsche Online vom 22. Oktober 2012.

(4) a.a.O.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Fatales Cybermobbing

  1. Es ist so tragisch.
    Tragisch auch, weil dies der erste einigermaßen bodenständige Artikel ist, den ich zu „Amanda Todd“ gefunden habe.
    Dieses junge Mädchen wird vermutlich noch eine ganze Weile zur Gallionsfigur rund um Cybermobbing und virtuelle Gewalt allgemein benutzt. So wie sie vor ihrem Tod zur Abfuhr sadistischer Ausläufer einzelner gewaltätiger Jugendlicher dienen musste.
    Furchtbar.
    Tragisch.
    Und für uns alle vielleicht ein Zeichen, den Fokus etwas schärfer zu stellen, wenn wir dem Thema begegnen.

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