Gerhard Riegler: Mutig in die neuen Zeiten…

In Österreich lebt sichs wie in der Verwandtschaft. Sie glauben nicht an das Talent, mit dem sie aufgewachsen sind. Im Österreicher ist ein unzerstörbarer Hang, den für klein zu halten, den man noch gekannt hat, wie er so klein war. Was kann an einem dran sein, den ich persönlich kenne? denkt der Österreicher.“ (1) Karl Kraus fällt mir ein, wenn ich die bildungspolitische Debatte verfolge. Denn „der klare Blick, der offne, richt’ge Sinn“ (2) fehlt vielen politisch Verantwortlichen. Der ideologisch verengte und populistisch gesteuerte Tunnelblick regiert auf vielen Ebenen. Anstatt Bewährtes zu schätzen und auszubauen, wird geradezu zwanghaft nach Demolierung und Radikalreform gerufen.

Wenn man aktuelle Berichte zur horrenden Jugendarbeitslosigkeit in Europa verfolgt, kann man mit Freude und Stolz feststellen, dass die „Heimat großer Töchter und Söhne“ (3) noch immer „hoffnungsreich“ ist. Denn für den Zusammenhalt der Gesellschaft und ihre positive Weiterentwicklung ist eine berufliche Perspektive für die Jungen von ganz entscheidender Bedeutung: „In fact, it is strongly perceived that there is a danger that some young people may opt out of participation in civil society or may engage at the extremes of the political spectrum“, liest man dazu in einem am Montag erschienenen Bericht der europäischen Behörde Eurofound. (4)

Selbst Technokraten, deren Denken nur von Zahlen dominiert wird, werden zur Kenntnis nehmen müssen, dass eine galoppierende Jugendarbeitslosigkeit nicht „nur“ Leid verursacht und sozialen Sprengstoff produziert, sondern auch die Staatshaushalte der betroffenen Länder enorm belastet. Eurofound spricht allein für das Jahr 2011 von Kosten in der Höhe von 153 Milliarden Euro, die durch die Jugendarbeitslosigkeit europaweit entstanden sind.

Der direkte Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem und der Jugendarbeitslosigkeit wird auch von der UNESCO bestätigt: „Laut UNESCO-Experten sind die erschreckend hohen Arbeitslosenraten bei Jugendlichen etwa in Griechenland nicht nur eine Folge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch die Konsequenz mangelnder Bildung. Selbst vor der Krise hätten mehr als 40 Prozent der jungen Griechen und auch der Italiener fünf Jahre auf einen Job warten müssen, heißt es.“ (5)

Ob der Tiroler Landeshauptmann und seinesgleichen trotz dieses Italien-Befunds weiter mit dem Südtirol-Gesamtschul-Lied zum Halali auf das Gymnasium blasen oder ihnen angesichts dieser UNESCO-Analyse endlich die Spucke wegbleibt, ist, so befürchte ich, leider nur eine rhetorische Frage. (6) Allen populistisch agierenden PolitikerInnen seien jedoch zum Nationalfeiertag zwei Sätze Univ.-Prof. Taschners ins Stammbuch geschrieben: „Der Verlockung, mit dem Schielen auf den möglichen kurzfristigen Erfolg den Blick aufs Wesentliche zu verlieren, widerstehen nicht alle. Für einen Staat ist dies in heiklen Zeiten fatal. Freiheit und Sicherheit im Lande bedürfen stabiler Institutionen, die man nicht fahrlässig und leichtfertig über den Haufen werfen sollte.“ (7)

(1) Karl Kraus, Die Fackel Nr. 326/327/328, XIII. Jahr, 8. Juli 1911.

(2) Franz Grillparzer (1791 – 1872), König Ottokars Glück und Ende.

(3) Bundesgesetzblatt BGBl. I Nr. 127/2011.

(4) Eurofound, NEETs – Young people not in employment, education or training (2012), Seite 82.

(5) Düstere Zukunftsaussichten. In: ORF Online vom 24. Oktober 2012.

(6) „Dass er [LH Platter] mit seinem Vorstoß in Tirol bei der schwarzen Lehrer-Gewerkschaft auf Widerstand stößt und man in der Bundespartei keine Freude hat, weiß er, sei ihm aber egal: „Ich lasse mich von diesem Weg nicht mehr abbringen, weil ich von der Richtigkeit überzeugt bin“, gibt sich der VP-Politiker überzeugt.“ Michael Sprenger, Platter bläst bei Bildung zum „Befreiungsschlag“. In: Tiroler Tageszeitung Online vom 19. Oktober 2012.

(7) Rudolf Taschner, Drei Gründe, den Nationalfeiertag angemessen zu feiern. In: Presse Printausgabe vom 25. Oktober 2012. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Taschner ist Wissenschaftler des Jahres 2004.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


5 Gedanken zu “Gerhard Riegler: Mutig in die neuen Zeiten…

  1. E. Quin und Gefährten weisen immer wieder gebetsmühlenartig auf die niedrige österreichische Jugendarbeitslosigkeit hin und werten sie als Nachweis für die Qualität unseres Schulsystems.
    Vielleicht haben sie ja Recht.
    Aber für den kausalen Zusammenhang zwischen Bildungssystem und Arbeitslosigkeit sähe ich doch gerne ein paar Argumente mehr.
    Genauso häufig wie über die niedrige österreichische Jugendarbeitslosigkeit reden E. Quin und Gefährten auch über die in Deutschland unterschiedlichen PISA-Ergebnisse (und sonstige Schulrankings) in den Bundesländern mit und ohne Gesamtschule.

    Wie wäre es also mit einer Statistik über die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland aufgeschlüsselt nach Bundesländern (und verglichen mit dem jeweiligen Schulsystem)?
    Und wenn dann dort herauskommt, dass z.B. in den neuen Bundsländern die Arbeitslosigkeit grundsätzlich höher ist als in den alten – oder dass in mehreren Bundesländern mit vergleichbaren Schulsystemen die Ziffern durchaus differieren – was sagt das dann aus über die Aussagekraft von Arbeitslosenzahlen hinsichtlich der Qualität des Schulsystems? Sollte sich herausstellen, dass nicht einmal in einem einzigen Staat eine plausible Korrelation besteht (was mich persönlich nicht überraschen würde, deshalb auch mein Vorschlag) – mit welchem Recht könnte man dann mehrere Staaten untereinander vergleichen?

    Kommentar Quin: Ich denke, dass es durchaus beeindruckende Zahlen gibt. Jugendarbeitslosigkeit versus Schulsystem:
    Jugendarbeitslosigkeit Differenzierung ab
    Deutschland: 8,0 % 10
    Niederlande: 9,4 % 12
    Österreich: 9,7 % 10
    Finnland: 18,2 % 16
    Großbritannien: 21,6 % 16
    Frankreich: 23,4 % 15
    Schweden: 25,7 % 16
    Italien: 35,3 % 14
    Portugal: 36,4 % 15
    Spanien: 52,9 % 16
    Griechenland: 55,8 % 14
    Eurostat (Abfrage vom 28. September 2012)

    1. Das ist nicht das, was ich vorgeschlagen habe. Ich wollte Daten der verschiedenen deutschen Bundesländer, um maximale Vergleichbarkeit (nämlich innerhalb eines einzigen Staates) zu gewährleisten – z.B. hinsichtlich der Zählweise.

      Aber auch die von E. Quin gelieferten Zahlen reichen aus, um meine Skepsis bezüglich der Aussagekraft des Verhältnisses von Jugendarbeitslosigkeit und Schulsystem zu illustrieren:
      Wenn eine Differenzierung ab 16 in Finnland zu einer Jugendarbeitslosigkeit von 18% führt und in Spanien von 53%, also des Dreifachen (3 x 18 = 54), dann stellt sich natürlich die Frage, was die Verbindung dieser beiden Parameter für einen Sinn macht. Da ergibt ja wahrscheinlich die Korrelation von Milchkonsum und Autounfällen stabilere Verhältnisse.

      Auch erhebt sich die Frage, wieso für Deutschland das Alter von 10 als Kennzahl für die Differenzierung verwendet wird – wo es doch Bundesländer mit und ohne Gesamtschule gibt (wie E. Quin und Gefährten nicht müde werden zu betonen).

      In den von E.Quin zitierten Ländern ist Österreich das einzige mit einer landesweit differenzierten Schule ab 10. Wieso erreichen wir dann nicht den besten Platz bei der Jugendarbeitslosigkeit, und müssen uns hinter Deutschland und die Niederlande einreihen?

      1. Hier einige Daten zur Jugendarbeitslosigkeit deutscher Bundesländer. Ich stelle dabei die Jugendarbeitslosigkeit der Bundesländer, die erst mit 12 differenzieren, der Bayerns gegenüber, wo es ab 10 eine Vielfalt an Schularten gibt und wo der Zugang zum Gymnasium am stärksten vom Leistungsniveau des Kindes abhängt:
        Bremen: 10,4%
        Brandenburg: 11,1%
        Berlin: 13,8%
        Bayern: 3,7%
        Alle Daten stammen aus dem Jahr 2010; eine aktuellere Aufschlüsselung der Jugendarbeitslosigkeit nach Bundesländern steht mir nicht zur Verfügung. Ich denke, wir könnten von Bayern lernen und sollten uns keinesfalls die Nachzügler Deutschlands zum Vorbild nehmen.
        Dass die Struktur des Schulwesens nur einen Faktor des Erfolgs darstellt, steht wohl außer Zweifel. Aber unverantwortlich wäre es, einen der Erfolgsfaktoren zu eliminieren statt an den existierenden Schwachstellen anzusetzen.

      2. http://de.statista.com/statistik/daten/studie/189105/umfrage/jugendarbeitslosenquote-nach-bundeslaendern/

        Dieser Link führt zur einer Statistik der Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland aus Oktober 2012.

        Sie reicht von Bayern mit 2,7% bis zu Berlin mit 12,9% Jugendarbeitslosigkeit. Das von G. Riegler angeführte Brandenburg hat 8,9%. G. Riegler hält Berlin und Brandenburg für schulisch vergleichbar, weil sie beide eine sechsjährige Volksschule haben – dann mal viel Vergnügen bei dem Versuch, den Unterschied von 45% zu erklären! (Bremen hat übrigens 9%, also praktisch gleichviel wie Brandenburg. Dass Bremen ebenfalls eine sechsjährige Volksschule hätte, habe ich im Netz nicht finden können.)

        In der o.a. Statistik werden Westdeutschland (4,7%) und Ostdeutschland (9,2%) separat aufgeführt. (Die Zahlen legen nahe, dass Berlin dabei zu Ostdeutschland gezählt wird – wieso auch immer.)
        Wenn ich das lese, dann denke ich an das wirtschaftliche Erbe der DDR – nicht an das Schulsystem. (Aber man kann natürlich auch die Theorie vertreten, dass die DDR wegen ihrer schlechten Schulen untergegangen ist …)

        Weiters habe ich bei der Lektüre von Wiki-Artikeln über einzelne deutsche Bundsländern gefunden, dass deren Schulsysteme äußerst vielfältig und häufig in Umstellung begriffen sind. Eine wirkliche Vergleichbarkeit ist da kaum gegeben.

        Womit ich mich in meiner Vermutung bestärkt sehe: die Korrelation von Schulsystemen und Jugendarbeitslosigkeit ist nicht einmal in einem einzigen Staatsgebilde plausibel nachzuweisen – erst recht nicht europaweit.

  2. „… Dass die Struktur des Schulwesens nur einen Faktor des Erfolgs darstellt, steht wohl außer Zweifel. Aber unverantwortlich wäre es, einen der Erfolgsfaktoren zu eliminieren statt an den existierenden Schwachstellen anzusetzen.“
    Bei derart evidenten Daten und einer Jugendarbeitslosigkeit, die in der ersten EU-Staaten die 50%-Marke durchbrochen hat, möchte ich mich (s.o.) nur wiederholen und hoffen, dass Österreich nicht wie ein Lemming agiert.

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