Ehrlich gesagt…

Ich bin nicht einmal dann ehrlich, wenn ich sage, dass ich nicht ehrlich bin.“ (1) Dieser Satz des französischen Schriftstellers Jules Renard fällt mir immer wieder ein, wenn ich die politische Szene Österreichs betrachte.

Dass unsere Politiker (2) zumindest in den Augen der Öffentlichkeit ein Ehrlichkeitsdefizit aufweisen, ist wohl unbestritten. Umso mehr freut es mich, für den Bundeskanzler eine Lanze brechen zu können, hat er doch in einem „Kurier“-Interview offen und ehrlich bekannt, welche Ziele mit dem neuen Lehrerdienstrecht verfolgt werden: „Um Geld für Schulreformen zu bekommen, brauchen wir ein neues Lehrerdienstrecht mit flacherer Gehaltskurve und höherer Stunden-Verpflichtung.“ (3) „Ehrlich gesagt“ will man ein beinhartes Sparpaket unter dem sattsam bekannten Reform-Deckmäntelchen schnüren.

Von Bewunderung für den Bundeskanzler erfüllt und von dessen Ehrlichkeit inspiriert, bekannte in Folge auch BM Schmied, was wenig überraschte: Vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich – und manche eben gleicher. Auf die Frage, warum Sebastian Kurz Schulbesuche verboten, dem Bundeskanzler aber erlaubt seien, antwortete die Ministerin in einem „Presse“-Interview mit der ihr eigenen Logik: „Beim Regierungschef ist das wohl ein bisschen ein Unterschied.“ (4) „Total verständlich – der „Ausnahmepolitiker“ musste nicht einmal in den U-Ausschuss“, kommentierte der „Falter“ und kürte daraufhin BM Schmied zum „Dolm der Woche“. (5)

Frankreichs neuer Präsident hat offenbar in Punkto Ehrlichkeit von Werner Faymann schon einiges gelernt. Als François Hollande jüngst verkündete, die flächendeckende Abschaffung der Hausübungen im französischen Schulsystem stünde bevor, flunkerte er nicht von pädagogischer Innovation, sondern sprach Klartext. Nach eigenen Angaben will er damit „die Gleichheit wiederherstellen“ (6), „weil Kinder aus bildungsferneren Familien bei Hausaufgaben gravierende Nachteile hätten – allein schon, weil die Eltern dabei weniger helfen und kontrollieren können.“ (7)

Dass diese Maßnahme nichts mit Chancengerechtigkeit zu tun hat, sondern mit Gleichmacherei und Nivellierung nach unten, ist Präsident Hollande wohl völlig egal. Ob er auch daran denkt, die Trainingsmöglichkeiten für die besten Radfahrer gesetzlich zu limitieren, damit bei der nächsten Tour de France am Ende alle Teilnehmer gleich spät in Paris eintreffen, ist nicht bekannt.

Wie wenig Gleichmacherei aber auch den Schwachen nützt, zeigen in Deutschland die drei SPD-geführten Stadtstaaten (8), in denen der Bildungserfolg besonders stark von der Herkunft abhängt. Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) bewies Ehrlichkeit und Mut, als er sich nicht davor scheute, das Schulsystem im „konservativen“ Bayern zu loben: „Bayern liegt nämlich nicht nur ungewöhnlich weit vorne bei Schülern ohne Zuwanderungshintergrund, sondern auch bei denen aus Zuwandererfamilien.“ (9)

Angesichts dessen lasse ich Gotthold Ephraim Lessing das letzte Wort: „Es ist niemals zu spät, ehrlich zu sein.

(1) „Je ne suis pas sincère et je ne le suis pas même au moment où je dis que je ne le suis pas.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Martina Salomon, Bessere Bildung ja – aber wer zahlt? In: Kurier Online vom 6. Oktober 2012.

(4) Christoph Schwarz, Schmied: Der Kanzler darf in die Schulen, Staatssekretär Kurz nicht. In: Presse Printausgabe vom 13. Oktober 2012.

(5) Falter Nr. 42/2012 vom 17. Oktober 2012, S. 9.

(6) „…les devoirs „être faits dans l’établissement plutôt qu’à la maison pour accompagner les enfants et rétablir l’égalité.“ Zit. n. Maryline Baumard, François Hollande dessine l’école du quinquennat. In: Le Monde Online vom 9. Oktober 2012.

(7) „Neubegründung“ von Schulsystem. In: ORF Online vom 17. Oktober 2012.

(8) Berlin, Hamburg, Bremen

(9) Hamburgs Bildungssenator räumt Defizite bei Chancengleichheit ein. In: Finanznachrichten Online vom 8. Oktober 2012.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ehrlich gesagt…

  1. Dr. Gerhard Vörös

    „Hausübung verboten“ schreibt auch Frau Knecht im KURIER v. 19. Oktober. Meine Antwort an sie:
    Hausübungen sollten abgeschafft werden, schreiben Sie in Ihrem Artikel – und folgen damit der von Ihrem Chefredakteur vorgegebenen Blattlinie (nomen est omen ;-). Ich denke sogar einen Schritt weiter: alle Schüler/innen und Lehrer/innen pressen wir in Gesamt-Ganztags-Anstalten, mit einer Rundum-Betreuung von 7:00 bis 19:00 Uhr (mit Ausnahmen bis 22:00 Uhr) – Lehrer/innen und Schüler/innen sind zur permanenten Anwesenheit verpflichtet. Demgemäß muss der Gehalt der Lehrer/innen angepasst werden. Mir schwebt in etwa das 10fache des derzeitigen Gehalts vor, denn unter diesen Bedingungen ist eine pädagogische Leistung mit dem im Spitzensport vergleichbar: länger als 10-15 Jahre hält das kein Mensch durch!
    Und – fast hätte ich es vergessen – alle Schulen werden neu gebaut oder umgebaut/massiv erweitert werden müssen: für die Schaffung von Büros, Aufenthaltsräumen, Lerninseln (mit Gruppen von max. 5 Schüler/innen!), Schülküchen, und und und…
    Wir werden also viel Geld in die Hand nehmen – aber die Hautpsache ist doch, die Hausaufgaben sind endgültig abgeschafft.
    Ja und nur noch eines noch: dann gibt es auch keine Schulabbrecher mehr – aber damit auch viel weniger Journalist/innen. Die sind doch zumeist Schulabbrecher – oder?

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