Gerhard Riegler: Kopf aus dem Sand

„Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen!“ Dieser Spruch kam mir angesichts der Reaktion der Unterrichtsministerin auf den jüngsten Vorstoß von Staatssekretär Sebastian Kurz in den Sinn.

„Not amused“ zeigte sich BM Schmied, als der Integrationsstaatssekretär wieder einmal den Finger auf den wundesten Punkt der österreichischen Schulpolitik legte: das Fehlen einer rechtzeitigen und angemessenen (Sprach)Förderung für die jungen Menschen, die in fremdsprachigen und/oder bildungsfernen Familien aufwachsen. Aber nicht einmal die Unterrichtsministerin wird wohl leugnen wollen, dass die meisten davon betroffenen Kinder Migrationshintergrund haben. Es war also nicht nur das gute Recht eines Integrationsstaatssekretärs, sondern geradezu seine Pflicht, Klartext zu reden: „Jedes sechste Kind mit Migrationshintergrund verlässt derzeit unser Schulsystem, ohne einen Hauptschulabschluss zu haben. Und ich bin mir nicht sicher, ob alle schon den Ernst der Lage erkannt haben.“ (1)

Leicht möglich, dass die indigniert knirschende Reaktion der Ministerin daher rührt, dass sie sich davon persönlich betroffen fühlt. Irgendwann wird BM Schmied aber zur Kenntnis nehmen müssen, dass Bildungs- und erst recht Integrationspolitik nicht mit Hilfe von Hochglanzbroschüren und bunten Inseraten zu erledigen ist. Eine faktenbasierte Politik könnte sie vielleicht damit beginnen, den höchst lesenswerten Kommentar „Mehr Integrations- als Schulproblem“ (2) der stellvertretenden Chefredakteurin des „Kurier“ Dr. Martina Salomon aufmerksam zu lesen.

Bemerkenswert empfand ich auch das „Outing“ an der Spitze des Artikels, wie in Redaktionen mit Informationen der Lehrervertretung üblicherweise umgegangen wird: ungelesen ab in den digitalen Rundordner. Völlig klar: Wer im Sinne des Inserenten (3) schreiben muss, tut sich damit leichter, wenn er sich gegenüber Daten und Fakten verschließt. Und doch bleibt zu hoffen, dass viele Journalisten dem Beispiel Dr. Salomons folgen und nicht nur gegenüber brennenden Integrationsfragen, sondern auch gegenüber der Expertise der Lehrervertretung die Augen öffnen.

Mein Appell an die Unterrichtsministerin: „Kopf hoch, Frau Minister! Gefragt ist eine Schulpolitik, die die Arbeit an den Schulen mit großer Umsicht unterstützt, statt sie durch Ignoranz zu behindern. Österreichs Jugend braucht und verdient eine Schulpolitik, die nicht am Sand ist.“

(1) Sebastian Kurz schießt scharf. In: Presse Online vom 9. Oktober 2012.

(2) Martina Salomon, Mehr Integrations- als Schulproblem. In: Kurier Online vom 5. Oktober 2012.

(3) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

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