Die Stunde der Dilettanten

Dilettant heißt der kuriose Mann, der findet sein Vergnügen dran, etwas zu machen, was er nicht kann.“ (1) Daran musste ich denken, als ich die Vorstellungen des „Unternehmen Österreich 2025“ zu „Bildung und Lernen“ las, die am 8. Oktober 2012 präsentiert worden sind. Die Gruppe definiert sich selbst als „wirtschaftspolitische Zukunftsinitiative der besten Köpfe Österreichs“. In den Medien firmieren sie unter „ÖVP-Experten“ (2).

Als grundsätzlich fröhlichen Menschen hat mich die wohl unfreiwillige Komik dieser Bezeichnung amüsiert. Natürlich kenne ich nicht die Parteimitgliedschaft der „besten Köpfe Österreichs“, aber es würde mich doch sehr wundern, wenn Monika Kircher, Vorstandsvorsitzende bei Infineon und früher SPÖ-Vizebürgermeisterin von Villach, ihre Liebe zur ÖVP entdeckt hätte. Kircher gehört zur „Executive Group“ von „Österreich 2025“. Und wirklich lachen musste ich, als ich in der Gruppe, die das Bildungskapitel erstellt hat, an erster Stelle Hannes Androsch genannt fand: „ÖVP-Experten“, die „besten Köpfe Österreichs“…

Ein paar inhaltliche Highlights:

  • Das Schulsystem ist durch finanzielle und personelle Autonomie sowie Wettbewerb gekennzeichnet. […] die Finanzierung der autonomen Schulen erfolgt nach einem Pro-Kopf-Schlüssel.“ (3) Autonome Mangelverwaltung, Schulrankings, massenhafte Schließung von Schulen in ländlichen Regionen wären die Folge.
  • Direktoren werden auf Zeit und in einem streng transparenten und objektiven Verfahren bestellt. Ein mittleres Management in der Schule hilft, die Führungsspanne zu reduzieren. Lehrer werden von der Schulleitung eingestellt.“ (4) Schon jetzt werden in der Minderheit der Direktorenernennungsverfahren Dreiervorschläge erstellt, weil es schlicht und einfach keine drei Bewerber gibt. Für manche Schulen bewirbt sich überhaupt niemand! Der Job gewänne natürlich enorm an Attraktivität, wenn er befristet würde, „dafür“ aber Prozesse vor dem Arbeitsgericht miteinschlösse.
  • Lehrer haben Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch wie alle Angestellten (40 Stundenwoche, 5 – 6 Wochen Urlaub pro Jahr). Der Arbeitsplatz des Lehrers ist bei seinen Schülern in der Schule. Dadurch werden neue Möglichkeiten der Interaktion mit den Schülern geschaffen.“ (5) Wenn Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, Ihren schulischen Arbeitsplatz betrachten, haben Sie eine Vorstellung von der Praxiserfahrung der Autoren obiger Zeilen. Sehr höflich formulierte es Vizekanzler Spindelegger: „Einige Ideen, etwa im Bildungsbereich, seien wiederum so „visionär“, dass sie nur langfristig angedacht werden können“ (6).

Was mich tatsächlich ärgert, ist die Geringschätzung unseres Berufs, die durch ein solches Papier zum Ausdruck gebracht wird. 300 Wirtschaftstreibende sehen sich aufgrund ihrer mehr oder weniger großen Erfolge als Unternehmer in der Lage, eine Expertise zu Fragen der Schulverwaltung und des Lehrerdienstrechts zu erstellen. „Was würden diese Wirtschaftstreibenden sagen, wenn 300 Lehrer(innen) von der Regierung beauftragt würden, Reformvorschläge zur Sanierung unseres maroden Wirtschaftssystems auszuarbeiten? Was würden sie sagen, wenn 300 Ärzte die Reform der Landwirtschaft übertragen bekämen und im Gegenzug 300 Bauern die Sanierung des Gesundheitswesens in Angriff nähmen?“ (7)

Allenthalben steigt die Ansteckungsgefahr des epidemischen Dilettantismus“ (8), konstatiert Thomas Rietzschel in seinem neuesten Buch „Die Stunde der Dilettanten“. Fast könnte man meinen, die Epidemie habe in Österreich ihr Epizentrum.

(1) So definierte der erste deutsche Nobelpreisträger für Literatur Paul Johann Ludwig von Heyse den Begriff.

(2) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(3) Unternehmen Österreich 2025 – Verein zur nachhaltigen Stärkung des Wirtschaftsstandorts Österreich (Hrsg.), Österreich 2025 – Das Land der Erfolge (2012), S. 75.

(4) a.a.O.

(5) Österreich 2025, S. 76.

(6) ÖVP-Experten schlagen radikale Reformen vor. In: Presse Online vom 8. Oktober 2012.

(7) Wolfgang Berchtold, 300 Schulexperten. Leserbrief in den Vorarlberger Nachrichten vom 28. September 2012.

(8) Thomas Rietzschel, Die Stunde der Dilettanten. Wie wir uns verschaukeln lassen (Wien 2012), S. 8.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


7 Gedanken zu “Die Stunde der Dilettanten

  1. @: „Was mich tatsächlich ärgert, ist die Geringschätzung unseres Berufs“:

    1. Kürzlich war ich im St. Pöltener Tierschutzhaus bei einer Führung. Dort wurden neue Hundezwinger gebaut – streng nach den Bestimmungen des Tierschutzgesetzes: 15 Quadratmeter für einen Hund sind da vorgeschrieben. Das mag jede/r MitleserIn auf das Konferenzzimmer an ihrer/seiner Schule umrechnen.
    (P.S.: Der Durchschnittshund wiegt keine 70-80 kg …)

    2. Die Metallarbeiter haben heute (9. 10.) mit +3,2% für 2013 abgeschlossen. Zum Vergleich: die Beamten haben (schon im Frühjahr) eine Nulllohnrunde 2013 erstritten (besser wohl: erlitten). Und +1% für 2014 gleich noch dazu – damit sich niemand Illusionen über die Zukunft macht.
    (P.S.: Gibt es irgendeine/n MitleserIn, die/der so alt ist, dass sie/er sich an ein Jahr erinnern könnte, wo Metallarbeiter einmal WENIGER bekommen hätten als Beamte? Oder kennt irgendwer eine Bestimmung, wonach die Inflation für Beamte außer Kraft gesetzt wurde?)

    Erich Wallner

  2. Das Buch von Rietzschel ist wirklich sehr empfehlenswert. Noch viel schlimmer: „Der größte Raubzug der Geschichte“ von M. Weik und M. Friedrich über die Banken und die Politiker im Umfeld.
    Unfassbar, was sich diese Leute anmaßen – wahrlich die Zeit der Dilettanten!

  3. Das Lehrer-Image zumindest einigermaßen „aufzupolieren“, verabsäumen wir Lehrer selber nun schon seit Gehrers bildungspolitischem „Sparkurs“. Dass mit Schmied eine absolut unberechenbare und hartnäckige „Zerstörerin“ des Bildungswesens (weil total inkompetent) agiert, hätten wir doch auch schon längst durch offensives Auftreten (nicht nur mit „Linzer Buh-Rufen“) verhindern müssen. Diese vielen Bildungsexperten und vermeintlichen „Zukunftsinitiativen“ finden u. a. deshalb Aufmerksamkeit, weil die Lehrerschaft sich meiner Meinung nach viel zu wenig professionell inszeniert. ES GEHT GANZ EINFACH NICHT, DASS DIE LEHRERVERTRETUNG IN ÖFFENTLICHEN DEBATTEN (Im Zentrum) DURCH EIN NAMENSSCHILD SO EINE PASSIVE ROLLE EINNIMMT!!!
    Gerade dort besteht die Möglichkeit, als einziger Diskussionsteilnehmer die wahren Fakten der Öffentlichkeit darzustellen.

    Anmerkung Quin: Eine Diskussion unter dem Titel „Buhmann Lehrer“ in Anwesenheit von BM Schmied, dem Experten für ohnehin alles Salcher und dem Vors. der ARGE LehrerInnen kann nur zu medialen „Dienstrechtsverhandlungen“ führen. Dienstgeber- und Dienstnehmerseite haben sich aber zum Stillschweigen über konkrete Inhalte des Entwurfs verpflichtet. Das geht unter diesen Rahmenbedingung in einer solchen Fernsehdiskussion wohl nicht. Damit wären wir aber bei einer Eskalationsstufe angelangt (öffentliche Diskussion über den Entwurf), die 2009 vom ersten Tag von BM Schmied bewusst angepeilt worden ist, um legitime Lehrerinteressen mit Hilfe des Stammtisches abwürgen zu können.

    Ich bitte Sie, ein wenig Vertrauen in die Gewerkschaft zu haben. Hand aufs Herz: Haben Sie am Aschermittwoch 2009 nach den Ankündigungen des Schmiedschen Zehents den Aussagen der Gewerkschaft geglaubt, dass es keine Lehrpflichterhöhung geben wird?

    1. Das Vertrauen in die Gewerkschaft ist ungebrochen, da ich weiß, dass hier absolute Profis am Werk sind!!!
      Ich hoffe, die Geschlossenheit zwischen APS, AHS, BMHS etc. bleibt bestehen. Schlimm wird es dann, wenn sich (wie etwa in unserem Bezirk) Pflichtschullehrer(-Vertreter) als die besseren Pädagogen bezeichnen und jeder engstirnig nur auf seinen Bereich schaut. Wenn es uns gelingt, unser Image in der Öffentlichkeit zu heben, dann haben wir auch größere Chancen, selbstbewusst diesen tatsächlichen Dilettanten, Experten usw. gegenüber zu treten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s