Gerhard Riegler: Auf einem anderen Stern

Lügen wir uns nicht in den Sack: Es gibt noch extrem viel zu tun“, (1) schrieb die stv. Chefredakteurin des „Kurier“ zum Vorstoß von Staatssekretär Sebastian Kurz. Dieser hatte mit einer Aussage aufhorchen lassen, deren Inhalt einer tausendfachen Erfahrung österreichischer LehrerInnen entspricht: „Wer nicht Deutsch kann, kann dem Unterricht nicht folgen.“ (2)

Den empörten Aufschrei professioneller TräumerInnen konnte auch der Kurz’sche Hinweis nicht verhindern, dass der dringende Förderbedarf in gar nicht wenigen Fällen auch bei Menschen ohne Migrationshintergrund vorliegt. Unterrichtsministerin Schmied schwang sofort die verbale Keule, indem sie von „Ghettoklassen“ sprach. (3). Doch den Vogel schoss mit gewohnter Zielsicherheit die amtsführende Wiener Stadtschulratspräsidentin ab: In Wien gebe es keinen Handlungsbedarf, da sei alles bestens, ließ sie sinngemäß verlauten. Dem Staatssekretär warf sie „Ahnungslosigkeit“ vor, da doch in Wien die perfekte Vorbereitung auf den Schuleintritt „längst Realität“ sei. (4)

Hat die Frau amtsführende Präsidentin bei ihren Ausflügen aus dem elfenbeinernen Turm ihres feinen Innenstadtbüros noch nie die Realität an Wiener Schulen ungeschönt kennengelernt? Was dort von höchst engagierten LehrerInnen täglich geleistet wird, verdient Respekt, Bewunderung, aber insbesondere endlich integrationspolitische Maßnahmen, wie sie in anderen Einwanderungsländern seit Jahrzehnten selbstverständlich sind. Abgehobene Parolen sind fehl am Platz, sind unerträglich. Es ist nicht „alles bestens“, ganz im Gegenteil!

Dass dringender Handlungsbedarf besteht, weiß auch Österreichs Bevölkerung. Laut einer Umfrage des Österreichischen Integrationsfonds sprechen sich zwei Drittel der ÖsterreicherInnen „für eine Zusammenlegung von schlecht Deutsch sprechenden Schülern in speziellen Klassen aus, in denen intensiv Deutsch geübt wird. Erst wenn ausreichend Sprachkenntnisse vorhanden sind, sollten diese in den Regelunterricht aufgenommen werden.“ (5)

Es ist hoch an der Zeit, die Vogel-Strauß-Politik zu beenden. Vielleicht kann ein Parteigenosse Brandsteidl und Schmied zum Nach- und Umdenken bewegen: „Wir können nicht zuschauen, wie sich mitten in unserer Gesellschaft eine immer größere Gruppe von MitbürgerInnen bildet, die uns nicht wirklich versteht.“ (6)

Bleibt zu hoffen, dass diese Botschaft auch bei ideologisch verblendeten PolitikerInnen in ihren Prunkbüros ankommt, die man manchmal Lichtjahre von Klassenzimmern entfernt wähnen könnte.

(1) Dr. Martina Salomon, Schulproblem anpacken statt schönreden. In: Kurier Online vom 17. September 2012.

(2) Julia Neuhauser, Kurz: Deutsch vor Schuleintritt lernen. In: Presse Online vom 17. September 2012.

(3) a.a.O.

(4) Brandsteidl: VP-Kurz-Forderung hinkt der Wiener Realität hinterher. OTS-Aussendung vom 17. September 2012.

(5) Schule: Zwei Drittel für eigene Deutsch-Förderklassen. In: Presse Online vom 18. September 2012.

(6) Dr. Heinz Schaden (SPÖ), Bürgermeister von Salzburg, zit. n. Johannes Greifeneder, Pilotprojekte der Stadt Salzburg für Sprach- und Leseförderung, 13. September 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

 

 

 

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