Eine Mücke im Schlafzimmer

Vor ein paar Tagen stieß ich auf einen englischsprachigen Artikel (1), der gut zum Beginn eines neuen Schuljahres passt.

Im Jahr 1959 hielt ein amerikanischer Richter eine Ansprache an die gelangweilte Jugend. Seit Jahren kursiert diese Mischung aus Kritik und weisem Ratschlag in den unterschiedlichsten Printmedien. Nun verbreitet sie sich im Internet. Die meisten Ratschläge von damals, mögen sie auch mehr als ein halbes Jahrhundert alt sein, haben an Aktualität nichts verloren:

Always we hear the cry from teenagers, ‚What can we do, where can we go?‘ My answer is, go home, mow the lawn, wash the windows, learn to cook, build a raft, get a job, visit the sick, study your lessons, and after you’ve finished, read a book.

Your town does not owe you recreational facilities and your parents do not owe you fun. The world does not owe you a living, you owe the world something. You owe it your time, energy and talent so that no one will be at war, in poverty or sick and lonely again. In other words, grow up, stop being a cry baby, get out of your dream world and develop a backbone, not a wishbone. Start behaving like a responsible person.

You are important, and you are needed. It’s too late to sit around and wait for somebody to do something someday. Someday is now and that somebody is you.

Natürlich ließe sich trefflich darüber streiten, ob Rasenmähen oder Floßbauen das Nonplusultra jugendlicher Betätigung ist. Sich einen Ferialjob zu suchen und dabei zu begreifen, dass Geld nicht mühelos aus dem Bankomaten oder der Brieftasche der Eltern quillt, halte ich hingegen für eine hervorragende Idee. Es schadet auch nicht, sich möglichst früh an den Gedanken zu gewöhnen, dass Mama und Papa keine hauptberuflichen Spaß-Provider sind. Gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten werden wohl jene die besten Zukunftsperspektiven haben, die Leistung und Verlässlichkeit nicht uncool finden.

Gesellschaftliches Engagement sollten junge Leute vielleicht auch in Erwägung ziehen. Diejenigen, die zu klug sind, um sich in der Politik zu engagieren, werden dadurch bestraft werden, dass sie von Leuten regiert werden, die dümmer sind als sie selbst, wusste schon Platon. Und wer meint, als Einzelner sei man viel zu unwichtig, um etwas verändern zu können, sei erinnert: Wenn du glaubst, du bist zu klein, um in der Welt etwas zu bewirken, dann versuche mit einer Mücke im Zimmer zu schlafen!

(1) Exporting to the Americans. In: The Northland Age Online vom 23. August 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.

 

 

 


4 Gedanken zu “Eine Mücke im Schlafzimmer

  1. Gerade den Punkt „kochen lernen“ halte ich für sehr wichtig, auch wenn es sich lächerlich anhört. Aber wir müssen nun mal jeden Tag essen.

    Bei meinem Schulpraktikum durfte ich auch im Kochunterricht der 7. Klasse dabei sein. Das hat mir echt die Augen geöffnet. Natürlich müssen 13jährige noch kein 5-Gänge-Menü zaubern können, aber einige Grundlagen sollten schon vorhanden sein. Dazu gehört, zu wissen, was das ist, was man da isst.
    Alle Schüler mochten Spaghetti Bolognese, aber als das im Unterricht gekocht wurde, haben gut ein Viertel nur Nudeln ohne Soße gegessen. Viele hatten nämlich noch nie rohes Hackfleisch gesehen und fanden es eklig, darum wollten sie auch die Soße nicht. Wenn dagegen Mama den Scheiß kocht und sie dabei nicht zugucken müssen…!

    Das ist auch im höheren Alter so. Einer meiner Mitbewohner ist fast Mitte 20 und kann trotzdem nicht kochen. Er ist zwar mit Begeisterung dabei, es zu lernen, aber ich frage mich echt, warum ihm das nicht schon vor zehn Jahren jemand zuhause beigebracht hat…

    Wie gesagt, es klingt lächerlich, aber ich halte es wirklich für das beste Beispiel für viele weitere Bereiche des Lebens, dass Jugendliche einfach oft keine Ahnung haben, wie sie sich ernähren sollen, wenn sie dann irgendwann auf sich selbst gestellt sind.

    Der Spruch mit der Mücke ist übrigens wirklich genial.

  2. Sehr gut, Herr Kollege!
    Ich überlege mir gerade, wie ich den englischen Text als Impuls für einen Aufsatz (opinion essay, of course) in meiner heurigen Maturaklasse verwenden kann und bin höchst gespannt darauf, wie die Mitglieder unserer jugendlichen Spaßgesellschaft darauf reagieren werden!
    Danke für die Anregung!
    Inge Pichler, BORG Lienz/Osttirol

  3. ja, eine weichspülerzeihung ist eben genauso falsch wie eine allzu harte. man muss auf die vielseitigkeit eben angemessen vorbereitet werden, was eine einseitige erziehung nicht leistet.

  4. Von dieser Rede habe ich noch nie gehört. Aber sie gefällt mir. Es ist was wahres dran.
    Gibt es tatsächlich noch Kinder die glauben das Geld käme aus dem Automaten. Wenn ich mich so umsehe bezweifle ich das.

    lg

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