Kammerdiener

Neben der Fortbildungsverpflichtung (1) ist auch Nachhilfe ein ständig wiederkehrendes Thema im jährlichen Sommerloch, das mediengeile Politiker (2) nutzen, um zu einer Schlagzeile zu kommen. (3) Auch die Arbeiterkammer fühlt sich Jahr für Jahr dazu berufen, auf den ach so schrecklichen Zustand des österreichischen Schulsystems hinzuweisen, das sooo viel Nachhilfe erforderlich macht. Natürlich hat die AK – gschamster Diener, Frau Minister – stets auch gleich die Lösung parat: Ganztags- und Gesamtschule. (4)

Das IFES-Institut hat im Auftrag der Arbeiterkammer im April 2012 bundesweit 2.851 Haushalte interviewt. Wer sich die Ergebnisse ansieht, kann aus ihnen folgende Informationen gewinnen (5):

  • Die Ausgaben für Nachhilfe sind stark gesunken.
  • 80 % der Schüler haben im Lauf des letzten Jahres keinerlei bezahlte Nachhilfe bekommen, 8 % regelmäßig.
  • Nur bei jedem dritten Schüler, der Nachhilfe in Anspruch genommen hat, ging es darum, eine negative Jahresbeurteilung zu verhindern.
  • Im Mittel wurden pro Schüler, der Nachhilfe bekommen hat, 50 Euro pro Monat ausgegeben.
  • Um den Nachhilfebedarf noch weiter zu reduzieren, wünschen sich 84 % aller befragten Eltern „Klassenteilungen in einzelnen Fächern“ und 75 % „generell mehr Förderunterricht an den Schulen“.

Meine persönlichen Anmerkungen dazu:

  • Österreich gehört mit seinem Schulwesen zu den Staaten, in denen Eltern der geringsten finanziellen Belastung für die Schulbildung ihrer Kinder ausgesetzt sind. (6) Es erfordert daher ein hohes Maß an Unverschämtheit und/oder Ahnungslosigkeit, das österreichische Schulwesen Jahr für Jahr mit der völlig haltlosen Behauptung anzupatzen, es mache enorm viel Nachhilfe erforderlich.
  • Man muss gar nicht zu den asiatischen PISA-Sieger-Staaten schauen, wo Eltern mehr Geld für Nachhilfe ausgeben, als der Staat selbst ins Schulwesen investiert. Auch in England und Frankreich, den traditionsreichsten Gesamtschulstaaten Europas, wird pro Schüler drei Mal mehr für Nachhilfe ausgegeben als hierzulande.
  • In Österreich gibt es nur wenige Eltern, die mehr Geld für Nachhilfe ausgeben, als ein Raucher in sein Hobby investiert.
  • Mehr Ressourcen für Verkleinerung der Klassen und Förderunterricht stehen seit Jahren auf dem Forderungskatalog der Gewerkschaft.

Die Arbeiterkammer sollte bei ihrem Leisten bleiben, weniger bildungspolitisch agitieren und sich um die tatsächlichen Sorgen der Arbeitnehmer kümmern, die sie vertritt. „Die österreichischen Einkommen sind in den vergangenen zehn Jahren quer durch die soziale [sic!] Schichten zurückgegangen, jene der Ärmsten am stärksten – nämlich um bis zu 35 Prozent“, las ich gestern in der „Presse“. (7) Dagegen sollte, ja müsste, die AK energisch auftreten. Aber vielleicht lautet die Lösung der Arbeiterkammer für dieses Problem ja auch Ganztags- und Gesamtschule.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Siehe meinen Blogeintrag „Ferien, Fortbildung, Nachhilfe“.

(3) Siehe z.B. die Presseaussendung vom 17. August 2012 „BZÖ-Haubner: Preisexplosion bei Nachhilfe – „Gratisnachhilfe durch Lehrer“ umsetzen“.

(4) Siehe die Presseaussendung vom 17. August 2012 „AK-Umfrage: Kostendruck bei Sommer-Nachhilfe für SchülerInnen steigt“.

(5) Siehe AK-Studie „Nachhilfe 2012“ (Mai 2012).

(6) Im Rahmen der PISA-Testung wurden die Schüler u. a. gefragt, ob sie Nachhilfe in Anspruch nehmen – und wenn ja, in welchem Ausmaß. Die Tabelle zeigt den prozentuellen Anteil der getesteten Schüler, die Nachhilfe erhalten:

Nachhilfe in

der Unterrichtssprache

Mathematik

Naturwissenschaften

anderen Gegenständen

Japan

64,12

76,56

61,13

75,48

Shanghai

51,76

68,32

27,46

59,99

Singapur

37,04

60,74

49,11

33,86

Südkorea

56,52

65,05

46,02

53,4

OECD-Mittel

17,23

26,71

17,19

20,4

Österreich

3,95

12,96

2,90

9,68

Diese Zahlen sind ernüchternd und zeigen, womit PISA-Spitzenländer ihren Erfolg erkaufen. Wirklich schockierend ist, dass in Südkorea oder Shanghai jeder neunte Schüler mehr als sechs Stunden Mathematiknachhilfe pro Woche erhält, in Japan sind es 7,89 %! Aber auch europäische Gesamtschulländer haben einiges zu bieten. In Frankreich benötigt jeder fünfte Schüler Nachhilfe in Französisch, jeder dritte in Mathematik und jeder sechste in den Naturwissenschaften und in anderen Gegenständen, in Großbritannien jeder sechste in Englisch, jeder vierte in Mathematik, jeder fünfte in den Naturwissenschaften und jeder dritte in anderen Gegenständen. Ja selbst im Lieblingsland der Gesamtschulbefürworter Finnland ist der Anteil der Schüler, die Nachhilfe in der Unterrichtssprache erhalten, um zwei Drittel höher als in Österreich, in den Naturwissenschaften gar mehr als doppelt so hoch. (Quelle: Online-Datenbank zu PISA 2009) In Südkorea geben die Eltern für privaten Nachhilfeunterricht um die Hälfte mehr aus als der Staat insgesamt ins Bildungssystem investiert! (Quelle: Dieter Dohmen, Annegret Erbes, Kathrin Fuchs, Juliane Günzel, Was wissen wir über Nachhilfe? Sachstand und Auswertung der Forschungsliteratur zu Angebot, Nachfrage und Wirkungen (Berlin 2008), S. 124)

(7) Österreich: Reale Einkommen seit Euro-Einführung gesunken. In: Presse Online vom 21. August 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


3 Gedanken zu “Kammerdiener

  1. Ich habe selbst mehrmals für meine Kinder Nachhilfeunterricht bezahlt, war mir dabei aber bewusst, dass meine Söhne nur zu faul waren, im Unterricht mitzuarbeiten, regelmäßig Hausübungen zu machen und sich für Prüfungen bzw Schularbeiten gut vorzubereiten. Den Lehrern oder dem System Schule kann man daraus keinen Vorwurf machen!
    Gabriela Holub

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