Ferien, Fortbildung, Nachhilfe

Auch für Journalisten (1) ist Urlaubszeit. Man merkt es an den Themen: Die Neiddebatte über die Ferienzeit und die Forderung nach verpflichtender institutioneller Fortbildung in derselben sind Fixpunkte im Jahreskreis. Mich beschleicht oft das Gefühl, es erscheinen jedes Jahr dieselben Artikel in leicht modifizierter Form.

So durfte ich gestern in der „Presse“ folgende Wortspende der Salzburger Landeshauptfrau lesen: „Weiterbildung in den Ferien macht immer noch eine Minderheit der Lehrer. Das kann’s auch nicht sein. Neun Wochen unterrichtsfrei, und dann die Weiterbildung während der Schulzeit, das ist sofort abzuschaffen.“ (2) Und die „Tiroler Tageszeitung“ berichtet über die Wiener Stadtschulratspräsidentin, sie wolle „die Lehrer zu einer Woche Fortbildung in der Ferienzeit verpflichten“. (3) Allerdings ist es, geht es nach den beiden Damen, ohnehin bald Schluss mit Ferien für Lehrer. Diese sollen in Zukunft „Urlaub“ haben. Uneinig scheinen sie sich nur über die Dauer zu sein: Brandsteidl fordert sechs Wochen (4), Burgstaller fünf (5). Von der Arbeitszeitstudie „LehrerIn 2000“ haben die beiden offenbar noch nie etwas gehört. (6) Aber das ist ein anderes Thema.

Es gibt rund 115.000 Lehrer in Österreich. Berücksichtigt man die unterschiedliche Lage der Sommerferien in Ost- und Westösterreich stehen zehn Ferienwochen zur Verfügung. Nimmt man weiters an, dass pro Fortbildungsveranstaltung, die ja bei einer Woche Dauer wohl in Seminarform abgehalten wird, durchschnittlich 20 Personen teilnehmen können, müssen 5.750 Seminare angeboten werden – 575 pro Ferienwoche. Für die Teilnehmer benötigt man selbstverständlich die notwendige Seminarinfrastruktur wie Seminarräume, Übernachtungsmöglichkeiten etc. Wenn wir nur fünf Übernachtungen pro Teilnehmer rechnen (Manche Teilnehmer werden kein Quartier benötigen, manche Seminare werden vielleicht nicht sieben, sondern nur fünf oder sechs Tage dauern.), fallen 575.000 Nächtigungen an – und das in der Hochsaison.

Ich – und mit mir wohl die Pädagogischen Hochschulen – wäre hoch zufrieden, stünde nur ein Bruchteil der finanziellen Mittel für Fortbildung zur Verfügung, die die eben beschriebene und von Burgstaller und Brandsteidl geforderte Maßnahme kosten würde.

Abschließend erkläre ich meine Bereitschaft, den beiden Damen in der Ferienzeit kostenlos Nachhilfe zu erteilen, um damit einer anderen immer wiederkehrenden Forderung von Politikern zu entsprechen. Die Aussagen der beiden Damen können ja nur auf einer massiven Teilleistungsschwäche in Mathematik beruhen. Blanken Populismus würde ich ihnen selbstverständlich niemals unterstellen.

(1) Personenbezogene Bezeichnungen umfassen gleichermaßen Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.

(2) Zit. n. Burgstaller: „Brauchen wieder mehr Moral in der Politik“. In: Presse Online vom 5. August 2012.

(3) Lehrer-Fortbildung – Brandsteidl: Eine Woche verpflichtend in Ferien. In: Tiroler Tageszeitung Online vom 5. August 2012.

(4) a.a.O.

(5) Siehe den Blog-Eintrag von Helmut Jantschitsch „Danke, Genossin Burgstaller!“.

(6) Mit der Durchführung der Studie wurde Wentner / Havranek beauftragt, ein Unternehmensberatungsinstitut, das mittlerweile in Deloitte aufgegangen und von BM Schmied damit beauftragt worden ist, sie um läppische 300.000 Euro für die Verhandlungen zum neuen Dienst- und Besoldungsrecht fit zu machen. (Siehe dazu z. B. meinen Blog-Eintrag „300 Millionen für externe Berater?“) Kurz gesagt: Wentner / Havranek ist alles andere als ein Gewerkschaftsableger. Die Ergebnisse der Studie hat für den AHS-Bereich kurz nach ihrem Erscheinen Gerhard Riegler zusammengefasst.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


2 Gedanken zu “Ferien, Fortbildung, Nachhilfe

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