Gerhard Riegler: Opfer oder Teil der Propaganda

Wer, so wie ich, täglich U-Bahn fährt, wird notgedrungen Zeuge, wie tief Gratis-Printmedien zu sinken in der Lage sind. Was Zellulose auf dem Weg zum recycelten Toilettenpapier hier tagtäglich angetan wird, ist einfach unbeschreiblich.

Darum bin ich treuer und bekennender Leser der Zeitung „Die Presse“. Auch wenn sie es nur selten schafft, das Niveau einer Neuen Zürcher Zeitung oder einer Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu erreichen, der Wille steht hier fürs Werk. Zum Fixbestandteil meiner „Presse“-Lektüre gehören auch Sibylle Hamanns Kolumnen, meist frech und erfrischend.

In ihrer letzten Glosse nahm sich Sibylle Hamann die Zentralmatura vor, bei genauerer Betrachtung allerdings die Arbeit der AHS-LehrerInnen. Zu beiden Themenstellungen wäre viel zu schreiben. Die Lektüre dieser Hamann’schen Kolumne war allerdings ernüchternd. Wer Empathie für die immer schwieriger werdende pädagogische Arbeit erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht:

Herbst und Winter wird man rumkriegen, indem man einfach erstarrt; dann kommt der Frühling, der verfliegt eh immer so schnell, und schon wird wieder ein Schuljahr vorbei sein, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte.“ (1)

Doch nicht genug mit dem Rundumschlag gegen die AHS-LehrerInnen und ihr Berufsethos; Sibylle Hamann meinte, auch zur Qualitätsdebatte einen Beitrag leisten zu müssen:

Was genau wäre für die um ihr Niveau besorgten Spitzenlehrer denn so tragisch, wenn ihre Spitzenschüler bei den ‚viel zu einfachen Fragen‘ der Zentralmatura allesamt spitzenmäßig abschneiden? Lauter Einser, plus das wunderbare Gefühl, darüber hinaus noch jede Menge unabgeprüftes Wissen vermittelt zu haben, das das Leben bereichert – gar so schlimm kann dieser Zustand nicht sein.

Schade, dass Sibylle Hamann in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis offenbar keine einzige Anglistin hat. Diese hätte ihr nämlich aus mittlerweile mehrjähriger Erfahrung von einem Phänomen berichten können, das als „Backwash“-Effekt bezeichnet wird. „Jede Menge unabgeprüftes Wissen“ – wie Hamann es formuliert – wird nämlich bald der Vergangenheit angehören. Bei Englischklausuren trägt der „Schreibteil“, also jener Bereich, in dem ganze Sätze zu formulieren und nicht nur Ankreuzen und maximal Vier-Wort-Konstrukte gefordert sind, nur mehr 25 Prozent zur Note bei. Viele KandidatInnen sind daher nach Ende der anderen drei Teile schon solide im positiven Bereich gelandet, nicht wenige können sich bereits eines „Befriedigend“ sicher sein.

Das führt zwangsläufig dazu, dass sich der Unterricht – nicht zuletzt auf Druck besorgter Eltern – immer stärker auf jene 75 Prozent konzentriert – sprich reduziert –, die bei der Matura über Wohl und Wehe entscheiden. Dieses Phänomen wird in anderen Klausurfächern, allen voran Mathematik, zu noch weit größerer Fokussierung auf das „Allernötigste“, also zu einem niveaulosen „Teaching-to-the-test“ führen.

Schade, dass die Gratis-U-Bahnzeitungen in „Österreich“ offenbar „heute“ schon einen schlimmen Backwash-Effekt auf das Rechercheverhalten von „Qualitätsmedien“ haben. Dem Leser stellt sich die Frage: Ist Sybille Hamann Opfer oder Teil der ministeriellen Propaganda geworden?

(1) Sibylle Hamann, Geschafft! Wieder ein Schuljahr beendet, ohne etwas Neues zu lernen. In: Presse Online vom 19. Juni 2012.

Bild lizensiert von BIGSTOCKPHOTO.


Ein Gedanke zu “Gerhard Riegler: Opfer oder Teil der Propaganda

  1. Nach Korrektur der 75% Standardskills hatte der schwächste Kandidat „Befriedigend“. Fachfremde Kollegen fanden die „Paired Activity“ Show bei der mündlichen RP „lustig“ und meinten es ernst.

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